Experte zu Millionenbudgets im Wahlkampf: «Transparenz ist das Wichtigste»
Die FDP hat im aktuellen Wahlkampf gemäss neuen Auswertungen das grösste Budget, legt dieses jedoch nicht offen. Die Partei versuche «die Wahl zu kaufen», warnen die Grünen. Politologe Uwe Serdült erklärt, wie viel Einfluss das zusätzliche Geld wirklich hat.
Dominik Fischer: Im aktuellen Wahlkampf gibt die FDP viel mehr Geld aus als anderen Parteien, wie neue Daten von «Media Focus» im Auftrag des Tages-Anzeigers belegen. Die Herkunft des Geldes bleibt geheim. Ist die fehlende Transparenz ein Problem?
Uwe Serdült: Das ist leider ein altes Thema in der Schweiz. International wurden wir immer wieder dafür kritisiert, dass wir keine Offenlegungspflicht haben. Im Kanton Zürich fehlt diese noch immer.
Das liegt auch daran, dass unsere Parteien als Vereine gelten. Andere Länder organisieren die Parteienfinanzierung staatlich, doch bei uns ist sie dezentral organisiert. Typisch schweizerisch haben erst einzelne Kantone dazu Gesetze eingeführt, etwa Schwyz, Tessin und Genf.
Was sind mögliche Gründe dafür, dass die FDP ihre Spenden nicht öffentlich macht?
Das müsste die Partei beantworten. Aus meiner Sicht kann man eigentlich nur gewinnen, wenn man die Finanzierung öffentlich macht. Man könnte auch freiwillig transparent sein. Daran hindert einen niemanden. Aber bei Grossspender:innen kann es natürlich sein, dass die Anonymität eine Bedingung für die Spende ist.
Die Grünen äussern die Sorge, dass sich Parteien oder Politiker:innen mit solch grossen finanziellen Mitteln die Wahl kaufen kann. Wie realistisch ist das?
Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt verschiedene Theorien dazu: Die eine ist die sogenannte Schweigespirale. Die besagt, dass wenn alles mit Werbung einer Partei zugepflastert ist, man Vertreter:innen anderer Meinungen zum Schweigen bringen kann. Den öffentlichen Raum zu besetzen, ist also eine ziemlich mächtige Strategie. Und dann gibt es noch den sogenannten «Bandwagon-Effekt».
Was hat es damit auf sich?
Dabei geht es darum, dass Wähler:innen gerne auf der Gewinnerseite stehen wollen. Ist eine Partei sehr sichtbar, suggeriert das, dass sie auch gut abschneiden wird. Und die Sichtbarkeit ermutigt viele Wähler:innen auch eher, die Partei zu wählen.
Bräuchte es auch in Zürich verbindliche Regeln zu Wahlkampfspenden und Transparenz?
Man kann die schönsten Regelungen haben, aber die Frage bleibt, wie werden sie in der Praxis umgesetzt. Die Politikwissenschaftlerin Pippa Norris hat den Satz geprägt, dass bei Wahlen die Verletzung der Regeln nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist. Das zeigt sich auch im Tessin, wo es eigentlich Regeln gäbe.
Inwiefern?
Im Tessin etwa müssten alle Spenden über 10’000 Franken im Amtsblatt deklariert werden. Aber ich habe aus den letzten zehn Jahren mit Mühe zwei solche Deklarationen gefunden.
Was bräuchte es denn, damit die Regeln eingehalten werden?
Es bräuchte einiges an Bürokratie und eine Finanzkontrolle, die alle Daten zusammenträgt.
«Wenn Gelder aus dem Ausland den Wahlkampf beeinflussen, ist das ein grosses Problem.»
Uwe Serdült, Politologe und Rechtswissenschaftler
Trotzdem wären verbindliche Regeln wohl ein erster Schritt. Politische Forderungen zu Transparenz in der Parteienfinanzierung gibt es auf Kantons- und Gemeindeeben schon seit 2020, doch vorerst liegt dieser auf Eis.
Die Transparenz ist das Wichtigste. Wenn eine Partei mehr Geld zur Verfügung hat, ist das gar nicht so schlimm. Aber es muss klar sein, woher das Geld kommt. Gerade, wenn Gelder aus dem Ausland den Wahlkampf beeinflussen, ist das ein grosses Problem.
Ist es auch ein Problem, wenn Geld von Schweizer Firmen und Unternehmer:innen stammt? Wer eine halbe Million spendet, erwartet ja auch etwas im Gegenzug?
Wenn man sich zumindest hinstellen muss, und erklären, dass man diesen Betrag gespendet hat, ändert das alles. Dann können auch der Journalismus und weitere demokratische Institutionen ihre Arbeit machen. Sobald die Finanzierung transparent ist, muss man sich erklären.
Trotzdem bleiben Bedenken, dass die Politiker:innen, die eine grosse Spende erhalten haben, dann im Amt auch interessengebundene Politik machen müssen.
Ja, das ist natürlich die Gefahr, dass man diese Spenden – wenn man einmal im Amt ist – in irgendeiner Form zurückzahlen muss.
Im Vergleich zu den USA sind die Zürcher Wahlkampfbudgets winzig. Wie sieht es sonst im internationalen Vergleich aus?
In der Schweiz haben wir, zumindest aktuell noch, ein Verbot für politische Werbung in den Massenmedien. Deshalb fallen auch die Wahlkampfausgaben viel kleiner aus, als in anderen Ländern. Denn mit Abstand am teuersten ist Werbung im Radio und Fernsehen.
Gleichzeitig verschiebt sich die Wahlkampf-Werbung immer mehr in die Sozialen Medien. Auch hier gibt es bislang noch keine Regeln.
Gibt es andere Ansätze, um das Transparenzproblem bei der Parteienfinanzierung zu lösen?
In Seattle wurden vor zehn Jahren sogenannte Demokratiegutscheine eingeführt. Jede wahlberechtigte Person erhält vier solche Gutscheine à 25 Dollar, die sie unter den Kandidat:innen verteilen kann. Private Spenden sind seither zurückgegangen und die Stimmbeteiligung gestiegen. Erste Tests, die ich mit anderen Politikwissenschaftler:innen in der Schweiz durchgeführt habe, sind vielversprechend.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch