Tiefe Wahlbeteiligung

Accounts auf Social Media wollen junge Zürcher:innen zum Wählen bewegen

In Zürich gilt: je jünger eine Person ist, desto tiefer sind die Chancen, dass sie wählen geht. Die höchste Wahlbeteiligung weisen 74-jährige Männer auf. Können Accounts auf Instagram die Jugend an die Urne bringen?

Wahlplakat Zürich
Junge Menschen halten Demokratie zwar für wichtig, doch nehmen sie selten selbst daran teil. (Bild: Mai Hubacher)

Das politische Interesse der Schweizer Jugendlichen hat 2025 einen Höchststand erreicht.

Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors, der 2014 ins Leben gerufen wurde. Dazu kommt: 80 Prozent der 15- bis 25-Jährigen sind überzeugt, dass Demokratie wichtig ist und dass junge Menschen durch Abstimmungen und Wahlen ihre Zukunft mitgestalten können. 

Trotzdem verharrt in der Praxis die Stimmbeteiligung der jungen Generation schweizweit bei unter 40 Prozent. In Zürich lag sie bei den Wahlen vor vier Jahren bei den 20-Jährigen am tiefsten. Nur 38 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer in diesem Alter beteiligten sich.

Danach steigt die Wahlbeteiligung mit dem Alter kontinuierlich an und erreicht bei den 74-jährigen Männern einen Höhepunkt. Bei den Frauen sind es sogar die 76-Jährigen, die laut Auswertungen der Stadt am häufigsten abstimmen.

Tiefe Beteiligung als «Gefahr für die Demokratie»

Können Kampagnen auf Social Media helfen, junge Menschen am 8. März an die Urne zu bewegen? Genau das versuchen die Accounts «Züri wählt» oder «Züri bliebt links».

Letzterer wurde erstellt, um die geringe Wahlbeteiligung von potenziellen Erstwähler:innen zu steigern, heisst es auf Anfrage. Ausserdem sei der mögliche Verlust der linken Mehrheit im Gemeinderat ein Antrieb gewesen. «Die jungen Leute sollen wissen, was auf dem Spiel steht, wenn die Stadt Zürich nicht mehr links ist», erklärt der Mitinitiant und Campaigner Lukas Bühler.

Neben ihm stehen auch noch zwei Social Media Manager und ein Film-Team hinter dem Account. «Wir sind parteiunabhängig, haben weder Geld noch Auftrag von Parteien», betont Bühler.   

Der Gebrauch des politischen Mitspracherechts ist für das Team «Bürger:innenpflicht»: «Dass es immer mehr newsdeprivierte Menschen gibt, die sich nicht beteiligen, sehen wir als Gefahr für die Demokratie und die Werte des progressiven Zürichs.»

Die Gründer:innen von «Züri bliebt links» sind sich sicher, dass die Arbeit auf Social Media einen Unterschied machen kann. Mehr als 60 Prozent ihrer Follower seien unter 35 Jahre alt. Auf Instagram hat der Account bisher 600’000 Aufrufe erzielt, mehr als die Hälfte davon stammen aus der Stadt Zürich. 

Bei den Inhalten gehe es darum, zu zeigen, was eine linke Stadt jungen Leuten bringt. So zeige ihr erfolgreichstes Video beispielsweise den kostenlosen Skatepark Lettyrämp zwischen dem Unteren und Oberen Letten. Der Zwischennutzung waren eine Besetzung und ein Vorstoss der linken Parteien im Gemeinderat vorausgegangen.

Auch die Initiant:innen des Accounts «Züri wählt» sind überzeugt: «Menschen müssen verstehen, wieso Wählen wichtig ist und wie sie dadurch die Realität mitgestalten können.» So sei etwa die Idee der mediterranen Nächte aus einer Gruppe im Gemeinderat hervorgegangen und erlaubt es, dass Terrassen in warmen Nächten bis um 2 Uhr offen bleiben.  

Der Account wurde bereits vor den letzten Zürcher Erneuerungswahlen 2022 ins Leben gerufen. Dahinter stehen die Verbände Bar & Club Kommission Zürich und Gastro Stadt Zürich. Inzwischen haben sich auch weitere Verbände in der Interessensgemeinschaft (IG) Zürcher Gastfreundschaft zusammengeschlossen. 

Auch «Züri wählt» sei parteiunabhängig, erhalte keine Gelder und finanziere sich durch die beteiligten Verbände. 

Instagram und TikTok werden immer wichtiger

Wie wichtig Social Media als Informationsquelle für die junge Generation ist, macht auch der Demokratiemonitor deutlich: 44 Prozent der Jugendlichen geben an, sich via Instagram über Politik zu informieren, 38 Prozent nennen TikTok als Quelle.

Nur die Familie wurde von noch mehr Jugendlichen als Informationsquelle angegeben. Mit Fernsehen und Radio sind klassische Medien erst auf dem sechsten Platz vertreten, noch hinter dem Schulunterricht und dem Freundeskreis.

An der richtigen Adresse sind die Instagram-Accounts somit. Doch andere Probleme sind auch für sie schwer zu lösen. So wünscht sich gemäss Demokratiemonitor eine Mehrheit der Jugendlichen, ihre eigene Meinung besser begründen zu können, Fake News besser zu erkennen und ihre Grundrechte besser zu kennen.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen fühlt sich nicht gut auf das Abstimmen vorbereitet, viele wünschen sich Angebote wie das gemeinsame Ausfüllen von Wahl- und Abstimmungshilfen.

Screenshot Stadt Zürich Wahlbeteiligung
Selbst 93-jährige Frauen gehen noch häufiger abstimmen als 20-jährige Männer. (Bild: Stadt Zürich)

Am 26. Februar lag die Stimmbeteiligung der Briefwahl bei 27,5 Prozent, wie die Stadt berichtet. Damit hat sie einen deutlichen Sprung gemacht. Eine Woche zuvor, am 19. Februar, lag die Zahl noch bei 13 Prozent.

Dennoch hat der Experte Daniel Kübler im Interview mit Tsüri.ch eine tiefe Beteiligung für die Wahlen vom 8. März vorausgesagt. Bei den letzten Stadt- und Gemeinderatswahlen 2022 gaben knapp 43 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

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