Zwischenbilanz

Wahlen am 8. März in Zürich: Experte erwartet tiefe Stimmbeteiligung

Nur ein Drittel aller Stimmberechtigten im Kanton gehen bei Parlamentswahlen an die Urne. Warum die grossen Städte dabei eine Ausnahme bilden und was das für die kommenden Wahlen in Zürich bedeutet, weiss der Demokratieforscher Daniel Kübler.

Wahlplakat von Yves Henz an einem Baum.
Noch zwei Wochen bleiben den Kandidierenden, um ihre Wählerschaft zu mobilisieren. (Bild: Mai Hubacher)

Am 8. März wird der neue Zürcher Stadt- und Gemeinderat gewählt. Zwei Wochen bleiben den Parteien noch, um ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Trotzdem wird es auch dieses Mal Personen geben, die auf ihr Recht verzichten. Bis zum 19. Februar haben sich laut Analysen der Stadt erst 13 Prozent aller stimmberechtigten Zürcher:innen an den Wahlen beteiligt.

Ein Blick zurück zeigt, wohin die Zahl noch klettern könnte: Bei den letzten Stadt- und Gemeinderatswahlen 2022 gingen knapp 43 Prozent aller Wahlberechtigten an die Urne.

Mit diesem Wert liegt die Stadt weit über dem Durchschnitt des Kantons: Lediglich ein Drittel aller Stimmberechtigten beteiligen sich an Parlamentswahlen in Zürcher Gemeinden. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Zentrums für Demokratie Aarau, kurz ZDA. 

Rolle der Medien ist zentral

«Die Wahlbeteiligung sinkt in der Schweiz seit Jahren – nicht nur auf kommunaler Ebene», erklärt der Demokratieforscher und Mitautor Daniel Kübler. Als Gründe nennt er fehlendes Wissen, Unlust, sowie schwache Mobilisierung.

Neben den Parteien spielt ihm zufolge auch die Berichterstattung eine zentrale Rolle: «Mit dem Rückgang von lokalen Medien werden auch weniger Informationen vermittelt, die für politisches Engagement nötig wären.»

«Es gab bisher keinen Grund, keinen Skandal, der die Stimmbevölkerung an die Urne bringen könnte.» 

Daniel Kübler, Demokratieforscher am ZDA

In anderen Worten: Je weniger eine Person über bevorstehende Wahlen weiss, desto geringer sind die Chancen, dass sie sich daran beteiligt. Diese Entwicklung sei in kleineren Gemeinden stärker wahrnehmbar, so Kübler. «Zürich oder Winterthur verfügen über eine Zentrumsfunktion und haben eine breitere Medienlandschaft als zum Beispiel Uster.» Beides seien Faktoren, die zu mehr politischer Teilnahme verhelfen.

Rekordhohe Beteiligung am Zürichberg 

Auch innerhalb der Stadt Zürich gibt es grosse Unterschiede, wie Auswertungen der vergangenen Stadt- und Gemeinderatswahlen aus dem Jahr 2022 zeigen. Während in den Quartieren am Zürichberg mit bis zu 66,7 Prozent Wahlbeteiligung besonders viele Bewohner:innen an die Urne gingen, nahmen in den Quartieren Schwamendingen-Mitte und Hirzenbach lediglich etwa 37 Prozent der Stimmberechtigten teil. 

Screenshot von Grafik Stadt Zürich zu Wahlbeteiligung und Alter.
Die Wahlbeteiligung steigt mit dem Alter – bei über 80-Jährigen nimmt sie wieder ab. (Bild: Screenshot Stadt Zürich)

Laut Kübler hat das vor allem mit der demografischen Zusammensetzung der Bevölkerung zu tun: Der Zürichberg gehört zur einkommensstärksten Region in der Stadt; viele der Bewohner:innen hätten einen höheren Bildungsstand und seien eher interessiert an Politik. 

Hinzu kommt, dass die Wahlbeteiligung mit dem Alter steigt, was auch die Zahlen in den Quartieren beeinflusst. Wo mehr ältere Stimmberechtigte wohnen, ist auch die Beteiligung höher. Gemäss den Daten der Stadt beteiligten sich Männer mit 74 Jahren am stärksten, Frauen mit 76 Jahren. Insgesamt beteiligen sich mehr Männer bei den Wahlen als Frauen. Bei den unter 30-Jährigen sind es jedoch die Frauen, die häufiger abstimmen gehen.

Viel Potenzial bei junger Wählerschaft 

Auffallend ist die tiefe Wahlbeteiligung von jungen Menschen: Lediglich 30 Prozent der männlichen und 38 Prozent der weiblichen 20-Jährigen machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Sie gehören zu den am schwierigsten zu erreichenden Gruppen von Stimmberechtigten – nicht nur in Zürich.

Der Demokratieforscher Daniel Kübler sieht in der Mobilisierung der jungen Wählerschaft viel Potenzial. Trotzdem geht er davon aus, dass die Beteiligung auch dieses Jahr wieder ähnlich ausfallen wird wie in den Vorjahren: «Es gab bisher keinen Grund, keinen Skandal, der die Stimmbevölkerung an die Urne bringen könnte.» 

Problematisch sei die tiefe Beteiligung grundsätzlich nicht: Studien würden zeigen, dass sich die Wählerschaft mit der breiten Bevölkerung deckt und die Parlamente die Interessen der Stimmberechtigten durchaus repräsentieren. «Es gehen nicht nur Linke, nicht nur Rechte, nicht nur Alte oder nur Junge abstimmen», so Kübler. 

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isabel

Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.  

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