Politologe zur Wahlumfrage: «Der stolze Zürcher Freisinn ist Geschichte»
Eine neue repräsentative Wahlumfrage von Tsüri.ch prognostiziert, dass die Linke am 8. März ihre Dominanz im Stadtrat ausbaut. Politologe und Studienautor Oliver Strijbis erklärt, warum der Zürcher Freisinn seine goldenen Zeiten hinter sich hat.
Nina Graf: Die Bürgerlichen betonen, die Bevölkerung habe genug von der linksgrünen Politik. Ihre Umfrage zeichnet jedoch einen Monat vor den Wahlen ein anderes Bild. Wird der 8. März zur Bauchlandung für die FDP?
Oliver Strijbis: Eine Bauchlandung wird es nicht, aber es gibt sicher keine bürgerliche Wende.
Das ist vorsichtig formuliert. Gemäss Umfrage droht die zweitgrösste Partei der Stadt ihren zweiten Sitz an die Linken zu verlieren und im Gemeinderat an Wähler:innenanteil einzubüssen.
Die FDP steht vor der grossen Herausforderung, den Sitz des bekannten Filippo Leutenegger zu ersetzen. Sie hat versucht, mit dem Dreierticket mit Michael Baumer, Përparim Avdili und Marita Verbali in die Offensive zu gehen, doch das hat nicht geklappt. Jetzt kämpft sie um die Besitzstandswahrung.
Dann ist es also nicht die neue Nummerierung der Trams und Busse, die dem ÖV-Vorsteher Baumer schaden.
Die wenigsten Zürcher:innen werden zwischen dem Fahrplanwechsel und Baumer eine Verbindung herstellen. Grüne und SP präsentieren der linken Wähler:innenschaft sieben linke Kandidat:innen mit effektiven Wahlchancen. Gemässigte linke Wähler:innen haben dann eine Auswahl an sechs bürgerlichen Kandidat:innen, die sie auf zwei Sitze verteilen können. Die Bürgerlichen konkurrieren sich also selbst.
Aber Zürich besteht ja nicht nur aus linken Wähler:innen. Wo bleibt der Zürichberg-Freisinn?
Der stolze Zürcher Freisinn ist Geschichte. Das grossbürgerliche Milieu, das ihn früher stark gemacht hat, existiert so nicht mehr. Zürich ist hier keine Ausnahme: Der langfristige Trend in Städten zeigt nach links. Heute ist das Bildungsbürgertum dominant und das ist sozial liberal eingestellt.
Das zeigt sich auch bei Avdilis Kampagnenästhetik: Er will mit seiner Hipster-Bildsprache ein junges, sozialliberales Publikum ansprechen, nicht die klassische bürgerliche Wähler:innenschaft. Das liegt auch daran, dass diese kaum mehr vorhanden ist.
Haben sich die Bürgerlichen strategisch schlecht aufgestellt?
FDP, wie auch GLP haben auf eine riskante Strategie gesetzt. Hätten die Grünliberalen sich darauf konzentriert, Andreas Hauri im Stadtrat zu bestätigen, stünde der Bisherige jetzt sicherer da. Stattdessen haben sie mit der zweiten Kandidatur von Serap Kahriman auf Angriff geschalten.
Bei den Grünen hingehen scheint diese Taktik aufzugehen. Gemäss Umfrage holt Balthasar Glättli für sie den dritten Sitz– mit mehr Stimmen als diverse Bisherige.
Wenn es so eintritt, dass Karin Rykart ebenfalls bestätigt wird, dann ja, war das ein gescheiter Schachzug, auf einen Kandidaten zu setzen, der in der ganzen Schweiz bekannt ist.
«Bei Kommunalwahlen sind die meisten Kandidierenden selbst in der eigenen Stadt recht unbekannt.»
Oliver Strijbis, Politologe und Studienautor
Die Grünen Stadträtin Karin Rykart wackelte in der ersten Umfrage noch, jetzt stehen die Zeichen aber auf Wiederwahl. Woran liegt das?
Ich vermute, es handelt sich eher um einen methodischen Effekt, weil das Sample bei der zweiten Umfrage fast doppelt so gross ist. Dazu kommt, dass Rykart im linken Zürich als grüne Polizeivorsteherin von beiden Seiten kritisiert wird. In letzter Zeit blieb diese Kritik aus, was auch einen Einfluss auf die Umfragewerte haben kann.
Raphael Golta könnte im ersten Wahlgang Stadtpräsident werden – wäre jetzt der Zeitpunkt für einen Wetteinsatz?
Es wäre ein guter Zeitpunkt, die Chancen stehen 50/50.
Bestätigt das die Übermacht der SP?
Das Resultat zeugt nicht in erster Linie von Goltas persönlicher Beliebtheit. Auch diese Ausgangslage ist eine Folge des bürgerlichen Wahlkampfs. Ein einziger, etablierter Sozialdemokrat steht im linken Zürich gleich drei Bürgerlichen gegenüber.
Gemäss Umfrage baut die Linke im Stadtrat aus, die Bürgerlichen wären am Ende nur noch mit je einem Vertreter der GLP und der FDP vertreten. Wie realistisch ist dieses Szenario?
Die Chancen sind intakt. Gleichzeitig aber kann sich im mittleren Feld noch viel verändern. Hier wackelt nicht nur Baumers Sitz, auch Hauris und Langeneggers Wahl sind ungewiss.
Dass Tobias Langenegger wackelt, erstaunt. Bisher hiess es, die SP-Kandidat:innen werden im Schlafwagen in den Stadtrat gewählt.
Langeneggers Situation zeigt, wie wichtig der Faktor Bekanntheit bei Kommunalwahlen ist. Die meisten Kandidierenden sind selbst in der eigenen Stadt recht unbekannt.
Im Parlament hingegen ist die Ausgangslage nicht so klar. Das linke Lager hält mit einer einzigen Stimme die Mehrheit. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das kippt?
Es wird keinen grossen Rutsch geben – weder in die eine, noch die andere Richtung. Ich gehe davon aus, dass sich die linke Mehrheit halten wird. Die Stärke der linken Stadtratskandidaturen dürfte sich auch positiv auf die Wahl der Parteien bei der Gemeinderatswahl auswirken.
Interessant ist, wie sich die SRG-Abstimmung auf die linke Wähler:innenbasis auswirkt. Wenn diese Abstimmung innerhalb der Linken mobilisiert, wird das zusätzlich auf die Gesamterneuerungswahlen einschenken. Die FDP steht auch hier vor einer Herausforderung, denn die Partei ist bei der Frage gespalten.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Aufgewachsen am linken Zürichseeufer, Master in Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Basel. Praktikum beim SRF Kassensturz, während dem Studium Journalistin bei der Zürichsee-Zeitung. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem SNF-Forschungsprojekt zu Innovation im Lokaljournalismus. Seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung von We.Publish. Seit 2023 Redaktorin bei Tsüri.ch.