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Dem F96 sind regelmässige Sitzungen wichtig. Zumal heute fast 290 Mitglieder – mal mehr, mal weniger – im Kollektiv aktiv sind. (Foto: zVg)

F96: «Die erste Party zeigte, was alles möglich ist, wenn sich viele verschiedene Kulturschaffende zusammentun»

Frauen, Inter-, Non-Binary- und Transpersonen müssen sich in der Zürcher Kunst- und Kulturbranche noch immer mehr behaupten als ihre männlichen Kollegen. Das Kollektiv F96 setzt sich dafür ein, dass sich dies ändert. Dabei geht es ihnen viel mehr als um eine Quote.
09. Januar 2021
Redaktorin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


Anm. d. Red.: FINT steht für Frauen, Inter-, Non-Binary- und Transpersonen.

Für FINT von FINT, dieses Motto verkörpert das Kollektiv F96. Hört sich erstmal simpel an. Doch mit ihren Bestrebungen treffen sie den Nerv der Zeit, denn in vielen Bereichen muss noch immer um eine Gleichstellung der Geschlechter gekämpft werden. Auch in der Kunst- und Kulturbranche sind FINT de facto noch immer stark unterrepräsentiert.

Ein Zustand, der von den Mitgliedern des F96 nicht weiter so hingenommen wird: «Wir wollen FINT dazu ermutigen, sich hinter dem DJ Pult zu versuchen, Neues auszuprobieren, ihre künstlerischen Projekte zu veröffentlichen und Veranstaltungen zu organisieren», erklärt Nevesthika Muralitharan, die seit November 2019 im Kollektiv tätig ist. Den Möglichkeiten seien kaum Grenzen gesetzt, jede* sei willkommen – ganz unabhängig von ihren Fähig- und Fertigkeiten. Die Plattform dient als Netzwerk; soll FINT zusammenbringen und den Austausch untereinander fördern. Eine Idee, die bereits in Anfangszeiten grossen Anklang fand.

Es war Sommer 2019, der Frauenstreik erst wenige Wochen her, als die Zürcherinnen Nora Seebach und Lena Pfäffli eine WhatsApp-Gruppe gründen. Der Aktivismus feuert viele an: Einige Tage später zählt das noch junge Kollektiv fast 120 FINT. Erste Kontakte werden geknüpft, Pläne geschmiedet und über künftige Projekte diskutiert. Gesagt, getan: Seither organisiert F96 DJ-Kurse, Kleiderbörsen, Weinschulungen, Kunstinstallationen oder eben Parties, an denen selbstverständlich alle Geschlechter teilhaben können. Ein reines Partykollektiv seien sie aber nicht, betont Nevesthika. Die Tätigkeitsbereiche des Kollektivs sind so divers wie die Skills seiner 289 Mitglieder im F96 Telegram Chat.

Dass F96 auch politisch ist, lässt sich nicht leugnen, zumal der Name vom Gleichstellungsgesetz abgeleitet wird, das 1996 in der Schweiz in Kraft trat. Wo dieses Gesetz kaum waltet, da wird das Kollektiv auch weiterhin seine Finger im Spiel haben; um FINT mehr Mut und Selbstvertrauen zuzusprechen.


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

F96: Herausfordernd, ambivalent, solidarisch.

Welche Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Die isolierende Zeit regte einen Prozess an, in dem Momente des Zusammenseins neu geschafft werden mussten. Diese geforderte Flexibilität war herausfordernd, aber sehr lehrreich. Wir haben neue Formate für bereits geplante physische Projekte erprobt. Ein Beispiel dafür ist das Projekt PARASITE, das eigentlich als ein Wochenende in der Gessnerallee angedacht war. Nun publizieren wir regelmässig bis Ende Januar Beiträge online auf www.para-site-f96-ch: Performances wurden neu zu Briefen und Soundpieces konzipiert, ein Gespräch über Kulturpolitik wurde zu einem Art Walk durch die Stadt und eine Podiumsdiskussion zu kultureller Aneignung wurde in Text- und Videobeiträge transformiert.

Auch haben wir uns Zeit genommen, an einer Website zu arbeiten und unsere Anliegen, unsere Struktur und Ideen digital zu repräsentieren. Diese geht bald online, stay tuned! Wir haben also viel Neues entdeckt aber auch gemerkt, was wir wirklich vermissen: den persönlichen Austausch, einen physischen Raum der Begegnung.

Was ist eure Message als Kollektiv?

Traut euch! Toleranz, Gemeinschaft, Vernetzung als Potenzial.

Wer oder was inspiriert euch?

FINT, das heisst Frauen, Inter-, Non-Binary- und Transpersonen, die sich vor uns und nach uns für inklusive Räume und eine gerechtere Realität eingesetzt haben und werden. Aber natürlich auch das gegenseitige Befruchten untereinander und der produktive Austausch und Support sind inspirierende, wertvolle Momente.

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Wir sind hier zu Hause, leben und arbeiten in Zürich, sind breit vernetzt und aktiv. Unser Anliegen ist und bleibt es aber auch, Kollaborationen über die Stadtgrenzen hinaus zu fördern und schaffen.

Zahlt ihr euch einen Lohn aus?

Wir sind ein nicht profitorientiertes Kollektiv, organisiert in einer Vereinsstruktur – wir arbeiten unentgeltlich für F96. Geld aus unserer Vereinskasse wird für nächste Projekte investiert, wobei wir uns aber dafür einsetzen, faire Gagen zu zahlen und das kulturelle Schaffen auch monetär wertzuschätzen.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo haben sie euch Steine in den Weg gelegt? Wo Türen geöffnet?

Bei der Gründung des Kollektivs wurde klar, dass offenbar ein grosses Bedürfnis herrscht, Diskussionen innerhalb der Kulturlandschaft in Bezug auf Inklusion, Selbstorganisation, Diskriminierung, Niederschwelligkeit etc. zu eröffnen. Das hat sich einerseits darin gezeigt, dass sich viele FINT im Kollektiv engagieren andererseits darin, dass wir von Veranstalter*innen, Künstler*innen, Raumbetreiber*innen, Geldgeber*innen, anderen Kollektiven und der Stadt supportet und ermutigt wurden. Wir sind extrem dankbar darüber, dass uns bisher eigentlich nur Türen geöffnet wurden. Darin sehen wir auch unsere Aufgabe: Wir wollen Plattformen schaffen, um weitere Türen für FINT zu öffnen!

Was war euer schönster Moment seit der Gründung?

Die Gründung an sich war auch schon sehr überwältigend, weil sich dort wirklich zeigte, wie viel Potential und Kraft dieser offene Austausch haben kann. Aber es gab natürlich viele weitere Momente in diesen eineinhalb Jahren, die unglaublich schön waren: Unsere erste Party «Radical Wellness» im Kauz zum Beispiel. Die ganze Veranstaltung wurde von F96-Mitgliedern organisiert; von der Blutmond-Szenografie bis hin zum Booking verteilten wir die Aufgaben unter uns – je nach Stärken und Interessen. Wir versuchten, einen Raum im Spannungsfeld zwischen critical-thought, Entspannung und Ausgelassenheit zu schaffen; hiessen alle Gäste an der Tür willkommen und arbeiteten mit olfaktorischen Elementen, abgestimmt zur Musik im Raum.

Es lag eine unglaubliche Energie in der Luft. Der Drive aus dieser Nacht ist rückblickend sehr wichtig für das Community-Gefühl bei F96. Das Ganze zeigte uns, was alles möglich ist, wenn sich viele verschiedene Kulturschaffende zusammentun. Wir hoffen, dass wir möglichst bald eine zweite «Radical Wellness» organisieren können.

Wir haben im letzten Jahr viel Neues entdeckt, aber auch gemerkt, was wir wirklich vermissen: den persönlichen Austausch, einen physischen Raum der Begegnung.
F96

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Als vielstimmiges und plurales Kollektiv ist es eine fordernde, aber spannende Herausforderung, Entscheidungen zu treffen. Unsere Vereinsstruktur ist aufgebaut in elf Gruppen, die sich je einem anderen Themengebiet widmen, wie zum Beispiel der Szenografie, der Grafik, dem Fundraising oder dem Archiv etc. Die meisten grossen vereinsspezifischen Entscheidungsprozesse passieren innerhalb vom Kernteam, das sich aus den Verantwortlichen der jeweiligen Gruppe zusammensetzt. Entscheidungen in Bezug auf Projekte finden innerhalb des spezifischen Chats statt, der jedes Projekt hat. Dort können sich alle Mitglieder engagieren und ist für alle im F96-Chat zugänglich.

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Eine Atmosphäre in der sich mehr Menschen, die nicht schon im «Kuchen» oder in der Szene sind, sich trauen, Sachen auf die Beine zu stellen und sich willkommen fühlen. Wir wollen eine Kultur des gegenseitigen Zuhörens. Und, dass Offenheit und das Potenzial von Austausch und Verknüpfungen nach allen Seiten – auch ausserhalb eines Kollektivs – mehr gefördert werden. Tendenzen sind natürlich schon da, aber da geht noch mehr!

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Geplant sind Workshops und Lesungen zu antirassistischen und intersektionalen Themen. Unser Projekt PARASITE wird online noch bis Ende Jahr zu sehen sein. Natürlich würden wir auch gerne wieder physische Safe(r) Spaces schaffen und gemeinsam Tanzen. Aber das bleibt natürlich erst einmal noch unklar. DJ Workshops werden sicherlich irgendwann nachgeholt oder weitergeführt. Was aber sicher geplant ist Anfang Jahr, sind themenspezifische Playlists, die auf dem antirassistischen und queer-feministischen Radio megahex.fm gehört werden können.

Nach einem Jahr voller Sehnsüchte sind wir aktuell vor allem in einem Prozess, in dem wir versuchen herauszuspüren, was fehlt, was vermisst und was in Zukunft gebraucht wird. Die nächsten Monate sind für alle sehr ungewiss und unscharf. Aber mit unserer nun geübten Flexibilität, werden wir im 2021 hoffentlich noch einiges auf die Beine stellen. Was das sein wird, werden wir sehen.

Anm. des Kollektivs: Das Interview ist Resultat einer Vielstimmigkeit.


Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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