🎂 6 Jahre Tsüri 🎂

Regula Rec – Das Rec bezieht sich auf die grosse Leidenschaft seiner Mitglieder für Synthesizer, Drum Machines, Musikproduktion und DJ-ing. (Foto: zVg)

Regula Rec: «2020 war eine Achterbahnfahrt der Gefühle»

Das Kollektiv Regula Rec macht Partys, die mehr sein sollen als das. Mit viel Herzblut kreieren sie eine unvergessliche Atmosphäre – und nehmen die Teilnehmenden mit auf eine auditive, emotionale oder visuelle Entdeckungsreise durch ihren Kosmos. Was ein Jahr ohne Rave für sie bedeutet, erzählen sie im Interview mit Tsüri.ch.
11. Januar 2021
Redaktorin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


Rave und Regula. Beides beginnt mit dem Buchstaben R, beides ist Teil der Stadt Zürich und beides steht für Erlebnisse, die so schnell keine*r mehr vergisst. Regula Rec liebt und lebt es, elektronische Musik, Kunst, Tanz, Raum und Ästhetik – und versucht dadurch eine einzigartige Atmosphäre zu kreieren. «Der Moment, wenn die Party zum Rave wird», zelebriert das Kollektiv.

Der Kreativität scheint dabei keine Grenzen gesetzt. So finden sich die Gäste auch gerne mal im selbstgebauten Treibhaus zwischen Plastikplanen und Pflanzen wieder, bevor sie sich im gemütlichen Matratzen-Chillout mit Kafi-Stand vom Tanzen ausruhen. «Ein Rave kann, darf und soll zeitweilig laut, mal anonym oder etwas roh sein, soll aber gleichzeitig mit einer grossen Portion Liebe beigemischt werden, was wiederum ein schönes Zusammenkommen ergibt», so das Kollektiv. Regula sucht das Aussergewöhnliche; etwas, was es in der Zürcher Kultur- und Klublandschaft kaum gibt.

Dies war einst auch bei der Gründung zentral. Die Ursprünge des heute fast 20-köpfigen Kollektivs liegen ausserhalb der Stadt Zürich: In Uster – der Stadt der vielen Kreisel, aber fast keiner Kultur. Damals, im Sommer 2017, gab es ein abzureissendes Haus, eine Handvoll gute Freund*innen mit tausend Ideen und einer riesigen Portion Eifer. Entstanden war das Kollektiv Regula Rec. Benannt nach dem Haus, welches seinen Namen wiederum der Zürcher Stadtheiligen Regula zu verdanken hatte.

Während es das Haus mittlerweile nicht mehr gibt, macht Regula weiter. Heute in der Stadt Zürich, wo die meisten von ihnen inzwischen auch leben. Es sei eine grosse Bereicherung, mit den besten Freund*innen Events veranstalten zu können. Beigebracht haben sie sich das technische, organisatorische und administrative Wissen dazu «learning by doing», wobei sie viel von erfahrenen Menschen lernen durften und dürfen. Nichtsdestotrotz ein ziemlicher Brocken, wenn man bedenkt, dass die meisten Mitglieder erst Anfang Zwanzig sind. Alter spiele bei ihnen aber weder im Kollektiv noch auf dem Dancefloor eine Rolle. Hauptsache, es wird getanzt. Und das ist es auch, was sich Regula in naher Zukunft wünschen.


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

Regula Rec: Uppers. vs. Downers.

Welche Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Persönlich sicher eine Herausforderung für jede*n. Es war wohl eine Achterbahnfahrt der Gefühle. 2019 hat Regula viele Veranstaltungen gemacht und gemeinsame Momente erlebt. Mit dem Organisieren der Events geht immer auch das Beisammensein mit Freund*innen einher. Der Kontrast zur gegenwärtigen Situation fällt uns auf und wirkt sich auch auf das Kollektiv aus. Drei Veranstaltungen, die uns wichtig waren, konnten Corona bedingt nicht stattfinden – beispielsweise ein geplanter Event in der roten Fabrik. Die vorbereitete Outdoor-Party im Sommer fiel nicht Corona bedingt, aber leider wortwörtlich wegen schlechtem Wetter ins Wasser. Outdoors waren schon immer ein Regula-Highlight.

Was wir als schwierig empfunden haben, war, Alternativen zu suchen respektive zu finden. Das lag auch daran, dass viele mit sich selbst beschäftigt waren als die Massnahmen des Bundes strenger wurden. Natürlich blieb das Kollektiv bestehen, aber durch die Reduktion physischer Kontakte und der schieren Unmöglichkeit Veranstaltungen zu realisieren, ging leider viel aktive kollektive Energie verloren. Vieles was wir machen, wollen wir mit Herz, Menschlichkeit und schönen Begegnungen einhergehen lassen, das ist virtuell wesentlich abstrakter.

Was ist eure Message als Kollektiv?

Eine konkrete Message können und wollen wir nicht in ein paar Sätzen äussern. Wir können nur sagen, was wir mit unseren Veranstaltungen und unserer Musik zu gestalten versuchen: Nämlich Räume bieten, die einen respektvollen, zwischenmenschlichen Umgang ermöglichen und unsere Vorstellung von elektronischer Musik mit Menschen zu teilen: Zwischen Musik, Tanzen, Ästhetik und Menschlichkeit.

Wir versuchen auf gewisse Weise Erlebnisse zu kreieren, an denen die Teilnehmenden die Möglichkeit haben, auf eine auditive, emotionale oder visuelle Entdeckungsreise zu gehen. Und: Spart nicht beim Soundsystem!

Wer oder was inspiriert euch?

Wichtig ist unsere geteilte Freude an elektronischer Musik. Unsere Freundschaft und unser kleinster gemeinsamer Nenner, die Musik, ist entscheidend für unsere Kreativität. Wir sind alle sehr verschieden, was es wiederum spannend macht, zusammen etwas zu kreieren. Freude zu teilen, das Tanzen, die Musik und das Schaffen von Events beflügeln uns, das zu tun, was wir tun. Bereichernd und inspirierend sind für uns gelungene Veranstaltungen von anderen Crews oder Veranstalter*innen. So fliessen zum Beispiel Erinnerungen von vergangenen Festivals regelmässig in unsere Gestaltungspläne mit ein.

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Tatsächlich haben wir unseren Ursprung in Uster, kurz später kamen Freund*innen aus der Umgebung und der Stadt Zürich dazu. In Uster gibt es praktisch keine Angebote für Junge vor allem im Sinne von Kultur und elektronischer Musik. Selber Veranstaltungen in unserem Sinne in Uster zu realisieren, ist praktisch unmöglich, weil es keine Räume und keine Avancen seitens der Stadt gibt. In der Stadt Zürich ist das anders.

Menschen aus Zürich haben uns schnell Möglichkeiten gegeben, Veranstaltungen ohne grosse Risiken zu realisieren. Der DIY-Spirit hat in Zürich viel mehr Raum – und wird vor allem in der Roten Fabrik und im Provitreff generell sehr geschätzt, was sehr wertvoll für uns war und ist. Zu niederschwelligen Konditionen konnte und kann Regula sich dort austoben.

Zahlt ihr euch einen Lohn aus?

Nein. Wir gründen unser Schaffen auf Leidenschaft, nicht auf finanziellem Antrieb. Unsere Veranstaltungen sind nicht kommerziell und nicht profitorientiert. Wir achten bei Eintritten auf das Richtpreissystem und tiefe Barpreise. Externen Musiker*innen wollen wir einen fairen Lohn auszahlen, unseren eigenen zahlen wir keine Gage aus, wie auch den Nicht-Musiker*innen, also den Dekorateur*innen, Lichtgestalter*innen, Barverantwortlichen und der ganzen Organisation. Alles, was Menschen von Regula für das Kollektiv machen, ist unentgeltlich. Die Einnahmen der Partys sparen wir für kommende Veranstaltungen, das Equipment, die Dekorationen, die Infrastruktur und versuchen oft Teile des monetären Erwerbs an Organisationen, welche wir unterstützen wollen, zu spenden – z.B. an den Frauenstreik oder die Autonome Schule Zürich.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo haben sie euch Steine in den Weg gelegt, wo Türen geöffnet?

Prinzipiell ja. Die Stadt Zürich gibt uns viele Möglichkeiten, unsere Freude auszuleben und wir haben viele neue Freund*innen und Gleichgesinnte kennengelernt. Der allergrösste Teil unserer Besucher*innen trug zu schönen Veranstaltungen bei, wir bekamen positive Feedbacks sowohl mündlich als auch durch die regelmässige Teilnahme.

Was sich hingegen etwas schwierig gestaltet, ist das Finden eines Ateliers und Raum für Prozesse und Experimente. Es gibt einfach zu wenig bezahlbare Räumlichkeiten für unkommerziell funktionierende Künstler*innen oder für grössere Kollektive im Bereich Kultur.

Was war euer schönster Moment seit der Gründung?

Die allererste Party und der darauffolgende Sommer hat uns beflügelt, wir konnten daraus viel Energie ziehen. Der Erfolg hat uns aufgezeigt, was möglich sein kann, wenn wir zusammen etwas kreieren. Die folgenden Veranstaltungen in diesem Sommer (im Provitreff, Outdoors und kleine Atelier-Raves) waren ebenfalls sehr prägend.

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Wir nennen es «produktiven Chaotismus»: Unsere Sitzungen sind meist sehr chaotisch. Mit der Zeit fanden wir Werkzeuge, welche uns professionalisierte Strukturen und Abläufe ermöglichen; wie zum Beispiel Organisationstools oder Checklisten. Unser Kollektiv hat viele Mitglieder, was auch mal dazu führen kann, dass sich keine*r so richtig zuständig fühlt. Zusammengefasst: Viele Mitglieder, wenig Hierarchie.

Die Überschneidung von Freundeskreis und Kollektiv birgt ein gewisses Spannungspotential.
Regula Rec

Durch die Verantwortungsdiffusion gibt es Einzelne, die oftmals mehr Verantwortung übernehmen als andere. Das kann auch frustrierend sein. Vieles entsteht ad-hoc, oft funktionieren Dinge dann doch nicht so einfach wie wir dachten, werden umgeformt und anders umgesetzt – doch durch flexibles, produktives Chaos wird es dann meist doch gut oder noch besser als geplant.

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Verlernt nicht, zu tanzen!

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Wir hoffen, dass wir es sobald wie möglich wieder sausen lassen können. Gerade planen wir eine Veranstaltung, die auch unter den momentanen Umständen möglich ist, Spass bereitet und zu einem schönen Erlebnis werden könnte. Von Regula Rec ist eine EP in Planung, mit unseren eigenen Produktionen; es werden ca. 25 Tracks, zwischen Ambient und 4/4 Kickdrums. Ausserdem versuchen wir im kommenden Jahr die angesprochene Verantwortungsdiffusion zu thematisieren und erhoffen uns dadurch eine offenere Kommunikation und mehr «Smoothness». Denn die Überschneidung von Freundeskreis und Kollektiv birgt ein gewisses Spannungspotential und braucht eine offene Auseinandersetzung damit.

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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