🌳188 Klima-Member🌳

Den Einschränkungen zum Trotz: Corona habe geholfen, die Effizienz im Kollektiv zu verbessern. (Foto: Elio Donauer)

Tauchstation: «Politische Entscheide können Leben retten oder gefährden»

Politik zugänglich machen und den Diskurs fördern – die Ziele des Kollektivs Tauchstation sind klar definiert. Dabei versuchen sie, möglichst neutral zu informieren. Wie geht das und weshalb fokussieren sie sich vor allem auf junge Menschen? Ein Gespräch über bekannte Strukturen und neue Wege.
13. Januar 2021
Redaktorin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


In die Tiefe gehen, anstatt an der Oberfläche zu kratzen; eintauchen ins politische Geschehen. Die Ansprüche des Kollektivs Tauchstation sind hoch: «Ziel ist es, politische Themen faktenbasiert, ansprechend und verständlich zu vermitteln », sagt Alice Grosjean. Die 29-Jährige ist einer der fünf Köpfe im Kernteam und für die Projektleitung zuständig. Unterstützt wird sie von Lara Saxer, Cédric Knapp, Adrian Schawalder und Fabrizio Bonolini – alle in ihren Endzwanzigern. Wer für welche Arbeitsschritte zuständig ist, sei mittlerweile klar geregelt: «Jeder hat seine Stärken, da ergänzen wir uns ziemlich gut.»

Professionalität ist dem Kollektiv wichtig – zumal ihre Message eine gesellschaftliche Relevanz innehat. Dass sie hauptsächlich auf Instagram präsent sind, soll dem keinen Abbruch tun, denn die Menschen, die sie in erster Linie ansprechen wollen, seien relativ jung, so Alice. «Die wenigsten unter 25 Jahren konsumieren heute noch klassische Medien. Deshalb wollen wir die Leute da erreichen, wo sie sowieso schon sind.»

Die Idee der Tauchstation Initiant*innen ist also aktueller denn je. Mit Erklärvideos und simplen, aber informativen Darstellungen auf Social-Media wollen sie den politischen Diskurs in Zürich, und der Schweiz, fördern: «Politik alltagstauglich und einfach zugänglich machen», wie sie sagen. Keine leichte Aufgabe, denn hinter dem Projekt steht kein Unternehmen, welches sie finanzieren würde. Nichtsdestotrotz ist ihr Tatendrang ungebremst, denn die Resonanz sei gross – und durchaus positiv. Über 500 Personen folgen seit dem Start im vergangenen Sommer dem Instagram-Kanal des Kollektivs.

Doch dies sei erst der Anfang. «Wir wünschen uns, dass wir mit unserem Engagement möglichst viele Menschen dazu bewegen können, sich vermehrt mit politischen Themen zu befassen und sich auch selbst an Diskussionen zu beteiligen», sagt Alice. Denn wenn das Jahr 2020 etwas gezeigt habe,dann dass politische Entscheide jede*n einzelnen betreffen und uns alle etwas angehen.


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

Alice: Unser abnormales Gründungsjahr.

Cédric: Zum Glück vorbei.

Lara: Trotzdem zwischendurch ok. (Tauchstation wurde Realität!!)

Welche Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Alice: Unsere Gründung fiel zeitlich in den Frühlings-Lockdown: Plötzlich hatten alle so viel Zeit. Das haben wir dafür genutzt, um Tauchstation mit Vollgas aufzubauen. Mittlerweile fehlt der soziale Kontakt aber ganz klar. Wir versuchen zwar so gut wie möglich, unsere Videocalls zu strukturieren, Brainstormings digital und trotzdem kreativ abzuhalten und auch mal virtuell anzustossen. Dasselbe ist es trotzdem nicht.

Aber es gibt auch Positives: Durch Corona waren wir gezwungen, von Anfang an effiziente und pragmatische Strukturen aufzubauen – vor allem digital. Mittlerweile funktionieren diese Abläufe ziemlich gut, darauf sind wir schon ein bisschen stolz. Da wir Tauchstation in unserer Freizeit betreiben, müssen wir sowieso besonders flexibel und effizient sein. Neben einem engagierten Team braucht es dafür unbedingt gute klare Abläufe.

Was ist eure Message als Kollektiv?

Cédric: In der Politik, aber auch in der Wählerschaft findet ein Generationenwechsel statt. Unsere Message ist deshalb: Du bestimmst die Zukunft der Schweiz.

Lara: Wir wollen all denjenigen widersprechen, die sagen: «Junge interessieren sich nicht für Politik.» Denn wenn wir es schaffen, junge Erwachsene dort abzuholen, wo sie sind, dann tun sie es eben doch. Darum haben wir uns auch für eine Präsenz auf Instagram entschieden.

Wer oder was inspiriert euch?

Fabrizio: Das Corona-Jahr hat uns gezeigt, wie wichtig Politik ist. Politische Entscheide können Leben retten oder sie gefährden. Gleichzeitig sehen wir, dass sich viele trotzdem nicht für Politik interessieren – das motiviert uns umso stärker, etwas daran zu ändern.

Cédric: Die Stimmbeteiligung war bei den letzten Abstimmungen relativ hoch, vor allem auch in den jüngeren Altersgruppen. Das zeigt, dass sich was tut. Aber da geht noch mehr, jetzt erst recht!

Lara: Ich merke, wie meine 17-jährige Schwester beginnt, mit mir über Politik zu diskutieren und die ursprüngliche Abwehrhaltung bröckelt. Das macht Spass!

Alice: Es gibt so viele tolle journalistische Social-Media-Formate; vor allem aus Deutschland. Zum Beispiel «Mädelsabende» oder die «News-WG» auf Instagram, «Deutschland 3000» oder das Y-Kollektiv auf Youtube. Die schaffen es unglaublich gut, komplexe Themen einfach zu erklären und sie auf eine Fun-Art rüberzubringen – und am wichtigsten: damit die Leute zu erreichen!

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Alice: Wir wohnen hier oder haben mal hier gewohnt, gearbeitet, studiert, gefeiert, uns kennengelernt.

Cédric: Von all unseren persönlichen Kreisen ist Zürich der Schnittpunkt. Ein Grossteil des Teams arbeitet aktuell in der Limmatstadt und fast alle haben an der Uni Zürich studiert.

Zahlt ihr euch einen Lohn aus?

Cédric: Auch wenn man denkt: «Ist ja nur Instagram.» Unsere Stories während der Freizeit einigermassen professionell zu entwickeln und umzusetzen, braucht enorm viel Zeit. Bislang haben wir alle unsere Ressourcen in den Aufbau des Channels und unsere Beiträge investiert – administrative Dinge kommen da oft zu kurz, so auch die Suche nach finanziellen Mitteln. Wir sind aber dran.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo haben sie euch Steine in den Weg gelegt? Wo Türen geöffnet?

Alice: Wir dürfen das Büro von Junge Journalisten Schweiz am Sihlquai mitbenutzen, danke dafür! Ausserdem stammt ein Grossteil unserer Follower*innen aus Zürich.

Cédric: Vor Corona trafen wir uns regelmässig in Zürich zu Redaktionsmeetings – und je länger je mehr sehnen wir uns nach dem nächsten Treffen. Wir hoffen, dass wir bald wieder in einem Kaffee brainstormen und anstossen können.

Lara: Das wäre wirklich wieder einmal schön!

Was war euer schönster Moment seit der Gründung?

Alice: Wahrscheinlich der Dreh für unser allererstes Video. Ein lauer Sommerabend beim Platzspitz-Park. Wir haben unsere ersten Selfies gemacht für den Account (war easy peinlich und kostete Überwindung) und uns ein paar Mal umsonst Wasser über den Kopf geleert, bis das One-Take-Video schliesslich im Kasten war. Das waren noch Zeiten!

Cédric: Dass wir seit unserem Mitmach-Aufruf im Oktober drei neue Team-Member haben!

Lara: Ich freue mich immer wieder, mit meinem Freundeskreis und unserer Community über unser Projekt zu diskutieren. Es ist überwältigend, wie viel Support und positives Feedback wir erhalten.

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Cédric: In der Ideenphase hat es schon die eine oder andere Debatte gegeben: Ist dieses Thema wirklich einen Beitrag wert? Schaffen wir es, trotz unseren individuellen politischen Interessen neutral über ein Thema zu berichten? Letztendlich finden wir aber immer einen gemeinsamen Nenner. Und sind wir erst einmal in der Produktion, haben alle ihren Zuständigkeitsbereich und damit verbundene Kontrollmechanismen: Fact Checking, Visuelle Kontrolle, Produktion etc. – da redet niemand rein.

Unsere Stories während der Freizeit einigermassen professionell zu entwickeln und umzusetzen, braucht enorm viel Zeit.
Tauchstation

Alice: Bei grösseren Sachen entscheiden wir kollektiv – nach gemeinsamer Diskussion. Wenn es nötig ist, stimmen wir auch ab, um die Entscheide sauber und gerechtfertigt festzuhalten.

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Cédric: Dass die ganze Stadt tauch.station auf Instagram abonniert!

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie belebt – kulturell oder politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Alice: Wir wollen vor allem wachsen und bekannter werden. Und auch selber besser werden, in dem was wir tun. Wir wollen finanzielle Ressourcen aufbauen. Und wir möchten gern richtige Events rund ums Diskutieren und die politische Meinungsbildung organisieren.

Cédric: Zuerst müssen wir mal schauen, was das kommende Jahr für uns plant. Leider. Wir hoffen aber, dass das öffentliche Leben bald wieder aufblüht und wir wieder mehr auf die Strasse können – für Umfragen, Präsenz an Events. Unser Ziel ist es, Tauchstation zu einer Adresse zu machen, wo man sich austauschen kann – und so zum politischen Diskurs, natürlich auch der jungen Zürcher*innen, beizutragen.

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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