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Schwitzende, tanzende Menschen und ganz viel Nebel – eine Fagdom-Party in der Roten Fabrik. Bild: zvg

Fagdom: «Manchmal eröffne ich zu Hause einen Club, nur für mich allein»

Fagdom veranstaltet Partys für die LGBTQIA+-Community dieser Stadt und vereint dabei elektronische Musik, politisches Engagement und das Erschaffen eines «Safe Space». Ihr schönster Moment 2020: «Als sich unsere letzte Party am frühen Morgen dem Ende zuneigte und der Grossteil der Menge ohne Hemd, einige ohne Höschen und alle dafür quasi als ein einziges Wesen in Bewegung waren.»
15. Januar 2021
Redaktionsleiterin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


Ari «Kurkicat» Kurki (24), Björn «Slambear» Das (24) und Renan Carvalho alias «Hausvrau» (25) sind die Gründer*innen von Fagdom, einem jungen, politischen und queeren Partylabel. Vor wenigen Wochen sitzen Ari und Björn in der Küche ihrer Juwo-Wohnung im Seefeld. Auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop, auf dessen Bildschirm sich plötzlich «Hausvrau», die seit letztem Sommer in Deutschland lebt, per Zoom dazu schaltet. Es ist die gleiche Wohnung, in der alles begann. 2018 wurde dort für «Hausvrau» ein grosses Geburtstagsfest veranstaltet. Ari legte auf, Björn war ebenfalls da. «Lass uns das öfters machen, diese Wahnsinns-Energie zu den Menschen bringen», denken sich die drei am nächsten Morgen. Das Kollektiv Fagdom, «das Kingdom of Fags», war geboren.

Die drei mussten sich nicht länger Gedanken darüber machen, ob sie entweder Queer-Partys, an denen «Hits aus den Charts in Endlosschleife» gespielt werden oder Clubs besuchen sollten, die zwar mit einem spannenden DJ-Line-up, jedoch mit keinem «Safe Space» für Queers aufwarten konnten. Mit Fagdom vereinen sie nun alles ihnen Wichtige: Qualitativ hochwertige Musik, politisches Engagement und das Erschaffen von ebendiesem Raum für die LGBTQIA+-Community dieser Stadt.

Wer eine Veranstaltung von Fagdom besucht, zum Beispiel in der Roten Fabrik, den*die erwarten vor allem: «Schwitzende, tanzende Menschen und ganz viel Nebel. Du kannst nicht viel sehen, aber dafür fühlen», erzählen die drei lachend. Dazwischen: Verschiedene Performances, Kunst-Ausstellungen, DJ-Sets – manchmal auch alles gleichzeitig. «Wir wollen Grenzen durchbrechen. Nicht nur dafür da sein, dass die Menschen an den Wochenenden kommen, um sich zu betrinken und danach wieder gehen, sondern einen Ort erschaffen, an dem sich die Leute miteinander verbinden. Sich mit aktuellen Themen beschäftigen, auch politischen.» So spielte «Hausvrau» während einer Perfomance einst ein Lied, das von der Ermordung LGBTQIA+-Menschen in ihrem Heimatland Brasilien handelt. Sie übersetzte den Text danach und fügte hinzu: «The fight is not over.»

Ebenfalls noch nicht vorbei ist die aktuelle Pandemie. Auch Fagdom spürt das. Sie vermissen das Tanzen, den Austausch. «Hausvrau» erzählt: «Manchmal stelle ich ein DJ-Set zusammen. Danach schminke ich mich, wähle ein hübsches Kleid aus, schlüpfe in High-Heels, mache rotes Licht an und eröffne einen kleinen Club zu Hause. Ganz für mich allein.»


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

Fagdom: Absagen, Unvorhersehrbarkeit, Solidarität.

Was für Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Die Planung von Veranstaltungen wurde sehr schwierig. Auf der persönlichen Ebene forderte der Mangel an Orten, an denen wir uns als Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, versammeln konnten, einen emotionalen Tribut. Für einige von uns aufgrund der Abhängigkeit von Gagen aus Auftritten und anderer freiberuflicher Arbeit zusätzlich auch einen finanziellen.

Eine positive Veränderung war die Tatsache, dass wir konkrete Massnahmen ergriffen haben, um Menschen, die in prekären Situationen leben, zu helfen. Zum ersten Mal sammelten wir mittels einem physischen Event und den Streams unter anderem Spenden für Casa Nem, eine LGBTQIA+ Unterkunft in Brasilien sowie eine Solidaritätsaktion, die von der brasilianischen Partei PSOL (übersetzt: Partei für Sozialismus und Freiheit) organisiert wurde.

Was ist eure Message als Kollektiv?

Queermigration. Kurzum: Wir streben danach, sichere Räume zu schaffen, die Menschen dazu einladen, Grenzen zu hinterfragen und zu verwischen, sei es in Bezug auf Geschlecht und Sexualität oder nationale Grenzen.

Wer oder was inspiriert euch?

  • Die Energie, die Hausvrau an ihrer Geburtstagparty im Jahr 2018 gefühlt hat und die sie ans Queer-Clubbing in São Paulo und ihrer Heimatstadt Jundiaí erinnerte.
  • Das Mixtape von LSDXOXO «Waiting 2 Exhale».
  • Das Partylabel Cocktail d’Amore in Berlin.

​​​​Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Als wir mit Fagdom anfingen, lebten wir alle in Zürich. Mittlerweile haben wir hier ein starkes Netzwerk aufgebaut. Aber mal sehen, was die Zukunft bringt!

Zahlt ihr euch einen Lohn aus? Wenn ja, weshalb? Wenn nein, weshalb nicht?

Bis auf eine Ausnahme tun wir das normalerweise nicht – damit wir unsere Gastkünstler*innen fair entlöhnen können und es irgendwie zur nächsten Veranstaltung schaffen.

Was war euer schönster und/oder prägendster Moment seit der Gründung?

Die letzte Fagdom-Party in der Roten Fabrik in diesem Sommer fühlte sich definitiv so an, als ob alles, woran wir in den letzten 1,5 Jahren gearbeitet hatten, zusammenkommen würde. Das lag zum Teil auch an dem wunderbaren Engagement von Isi von Walterskirchen, Clubbüro-Leiterin der Roten Fabrik, die bei Tsüri.ch auf einen bestimmten Moment zurückblickte, als sich die Party am frühen Morgen dem Ende zuneigte und der Grossteil der Menge ohne Hemd, einige ohne Höschen und alle dafür quasi als ein einziges Wesen in Bewegung waren: «Mir war es, als würden wir uns in einem dieser New Yorker Lagerhäuser Anfang der 90er befinden.»

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Wir kommen oft demokratisch zu einer Entscheidung, aber es ist immer ein Lernprozess, da jede*r von uns eine andere Herangehensweise an eine Diskussion hat, sei es leidenschaftlich oder nachdenklich. Wir kennen uns aber sehr gut, so dass die Basis dafür unsere Liebe und Freundschaft füreinander bleibt.

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Mehr autonome Kulturräume, die ausserhalb des Drucks der Kapitalakkumulation funktionieren.

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Die Planung im Moment offensichtlich schwierig, aber wir arbeiten an unserer nächsten Veranstaltung, denken über Gäste nach, auf die wir schon eine Weile ein Auge haben (oder sechs). Wir möchten mit neuen Formaten experimentieren, die allenfalls auch ausserhalb des Clubs funktionieren, aber dennoch mit ihm verbunden sind.

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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