🌳188 Klima-Member🌳

Um aus ihrer Bubble herauszukommen, begibt sich das Kollektiv auch mal in andere Gefilden: Auf's Land oder in die Berge. (Foto: zVg)

ZfkD: «Gebildeten Menschen fällt es nicht immer leicht, sich selbstkritisch gegenüberzutreten»

Das Zentrum für kritisches Denken wünscht sich eine Gesellschaft, die sich kritisch mit der Welt auseinandersetzt. Dafür stehen sie ein, organisieren Workshops und Diskussionspodien. Tsüri.ch wollte vom Kollektiv wissen, warum ihnen das Thema so am Herzen liegt.
04. Januar 2021
Redaktorin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


Komplexität ist Programm, diese zugänglich zu machen Ziel des Kollektivs Zentrum für kritisches Denken. Was sich anhört, wie ein Haus voller Kritiker*innen, die zu späten Stunden mit einem Glas Rotwein in der Hand über die Probleme unserer Welt diskutieren, sind in Wahrheit sechs Frauen, zwei Männer und ein Hund, die viel mehr wollen als das. Was ist kritisches Denken und wie übt man sich darin? Die Leitfrage des ZfkD, wie der Verein ihren Namen abkürzt, liest sich einfach – und bringt die Mitglieder trotzdem immer wieder fast um den Verstand. Doch das nehmen Andrea, Myrta, Selina, Rebi, Cristiana, Alex, Severin und Moritz gerne in Kauf.

«Um einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben, muss jede einzelne Person mitdenken», sagt Andrea im Namen des Kollektivs. Jede*r soll sich kritisch mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzen. Und um genau das zu schulen, gründeten sie das ZfkD. Seit Anfang 2019 beschäftigen die acht Pionier*innen sich nun damit – und würden jeden Tag dazulernen: «Wir sind keine Profis auf dem Gebiet», räumt Andrea ein. Kritisches Denken sei ein Prozess und die Erleuchtung wohl auch nicht erstrebenswert, wenn es nach dem Kollektiv ginge.

Der ausschlaggebende Punkt sei in erster Linie, dass sie sich eben nicht nur als Individuum kritisch mit der Welt auseinandersetzen würden, sondern dies auch weitervermitteln möchten. War das Zentrum für kritisches Denken früher die Küche eines Teammitglieds, trägt das Kollektiv seine Message heute in die Welt (oder zumindest in die Schweiz) hinaus: In Schulzimmer, auf Podien, in Podcasts oder am Stammtisch einer Bar. Weg aus dem Elfenbeinturm hin auf den Boden der Tatsachen, wo eine kritische Denkweise alltäglich werden kann.


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

ZfkD: Es kam anders.

Was für Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Am schwierigsten war es für uns nicht in blinden Aktionismus zu verfallen. Wenn man als «Zentrum für kritisches Denken» die emotionalisierte Berichterstattung auf der einen und das Verhalten der Bevölkerung auf der anderen Seite beobachtet, kann schnell das Gefühl aufkommen, Corona nun zum zentralen Thema erklären zu müssen.

Als Selbstschutz haben wir uns damals eine einwöchige Zwangspause verschrieben. Nach wenigen Tagen war klar: Corona ist nur eines von vielen wichtigen Themen und wir kümmern uns auch weiterhin um jene, die jetzt noch stärker in den Hintergrund rücken werden.

Unterm Strich hatte Corona positive Auswirkungen auf unsere Entwicklung. Nach der Gründung im Oktober 2019 hatten wir einen starken Fokus auf Live-Formate, den wir verschieben mussten. Plötzlich war da Zeit. Und wir wagten uns an den zentralen, aber auch anspruchsvollsten Aspekt unserer Vereinsarbeit. Nämlich an die Frage, was kritisches Denken eigentlich ist und wie man diese Eigenschaft trainieren kann. Die vertiefte Auseinandersetzung war eine ziemliche Offenbarung und wir durften feststellen, dass sich unser Verein einem wunderbaren Thema verschreibt, von dem wir zum Gründungszeitpunkt allerdings ziemlich wenig Ahnung hatten.

Was ist eure Message als Kollektiv?

Davon haben wir einige. Die schlechte Nachricht: Du hast sehr wenig Kontrolle über deine Gedanken. Die gute: Sobald dir das bewusst ist, kannst du dein kritisches Denkvermögen trainieren. Kritisches Denken hat vor allem mit Empathievermögen zu tun. Es bedeutet: Zuhören, Hineinversetzen, Verstehenwollen. Das Resultat sind weniger Grabenkämpfe und mehr Annäherung zwischen den Menschen. Und an unser Team: Nur wenn du gut zu dir bist, kannst du Gutes in die Welt bringen.

Wer oder was inspiriert euch?

Menschen, die in der Lage sind, ihre Meinung zu ändern. Menschen, die mit zunehmendem Wissensstand bescheidener werden. Menschen, die trotz allem freundlich bleiben.

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Wir sehen uns als ortsunabhängiges Kollektiv und haben auch schon Events in Luzern und Zug durchgeführt. Da unser Team allerdings in der gesamten Deutschschweiz verteilt ist, können wir uns mit Zürich keinen besseren «Heimathafen» vorstellen.

Dass Zürich zudem ein gutes Spielfeld für unsere Anliegen darstellt, zeigt sich immer dann, wenn wir gefragt werden, wie wir denn aus unserer «urbanen linken Bubble» herauskommen wollen. In dieser Frage schwingt die Annahme mit, dass unsere «Bubble» kritischer denkt als andere. Dem ist natürlich nicht so. Gerade gebildeten Menschen mit viel Wissen und klaren politischen Haltungen fällt es nicht immer leicht, sich selbstkritisch gegenüber zu treten oder sich in andere Lebensrealitäten hineinzuversetzen.

Zahlt ihr euch einen Lohn aus?

Noch nicht. Wir arbeiten aber darauf hin. Weil wir finden, dass sinnvolle Arbeit mindestens so gut entlöhnt werden sollte, wie weniger sinnvolle. Wie genau wir dort hinkommen, wissen wir noch nicht, aber es ist uns wichtig diese Zielsetzung zu formulieren, um das Ehrenamt-Dilemma eines Tages zu aufzubrechen. Unsere Wunschvorstellung: Ein alleinerziehendes Elternteil sollte von unseren Löhnen leben können.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo haben sie euch Steine in den Weg gelegt, wo Türen geöffnet?

Ja, das waren sie. Besonders dankbar sind wir für Viola Schwarz vom ehemaligen «Casa Mondiale» und Karin Landolt von der Stiftung Wissen für alle.

Dank Viola konnten wir erste Formate wie «Bier und eis ufd Ohre» durchführen, den «Club der anonymen Ahnungslosen» weiterentwickeln und aktuell mit dem Karl der Grosse zusammenspannen. Karin wiederum hat uns ins Boot geholt, um ein Projekt für Medienkompetenz und kritisches Denken an Schulen zu realisieren. Dank ihr konnten wir Anfang November unseren ersten Critical Thinking Workshop an der Kanti Trogen durchführen.

Viola und Karin haben uns ihr Vertrauen zu einem Zeitpunkt geschenkt, an dem wir als Verein noch in den Babyschuhen steckten. Dank ihnen durften wir in unserem ersten Vereinsjahr Dinge wagen, durch wir schnell über uns hinauswachsen mussten.

Was war euer schönster Moment seit der Gründung?

Als in einer Tinder-Unterhaltung unser eigener Verein empfohlen wurde.

Nebst dem vielen positiven Zuspruch, sind es aber vor allem die vielen kleinen Momente des Dazulernens, die unseren Verein prägen: Als jemand z.B. nach einem langen Tag voller Gespräche meinte, wir sollten versuchen weniger zu pauschalisieren. Als jemand neue Informationen mitbrachte, die nun doch für das Gender-Sternchen sprechen könnten – nachdem wir einen Monat zuvor beschlossen hatten den Doppelpunkt einzusetzen. Oder als drei von uns sich einen Abend lang einschlossen, um herauszufinden, wo denn nun der Unterschied zwischen Tatsachen, Tatsachenbehauptungen und Meinungen liegt.

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Wir entscheiden mit Hilfe des sogenannten Konsent-Prinzips. Das ist eine Entscheidungsmethode aus der Soziokratie. Bei dieser fragt man nicht, ob die Anwesenden einverstanden sind, sondern ob es einen Einwand zum Vorschlag gibt. Entscheidungen sind also nicht der Versuch, eine perfekte Lösung zu finden, sondern sollten primär die Frage beantworten, ob ein Vorschlag sicher und gut genug ist, um weiterzumachen.

Kritisches Denken hat vor allem mit Empathievermögen zu tun.
Zentrum für kritisches Denken

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Empathie. Offenheit. Mut. Und ein bisschen mehr Bewusstsein für die eigenen Privilegien.

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

  • Wir wollen unseren Critical Thinking Workshop für unterschiedlichste Gruppen und auf verschiedenen Niveaus zugänglich machen
  • Wir wollen unsere digitale Aufklärungsplattform Rethink the World konzeptionell weiterentwickeln und crowdfunden
  • Wir wollen den «Club der anonymen Ahnungslosen» als Podcast aufgleisen
  • Wir wollen unseren Adventskalender weiterführen und in der analogen Welt sichtbar machen
  • Wir wollen ein MeditationsFormat entwickeln, durch den der achtsame Umgang mit den eigenen Gedanken trainiert werden kann
  • Wir wollen Diskussionswanderungen veranstalten, bei denen die Themen nach einer bestimmten Anzahl Kilometern wechseln
  • Wir wollen ein Glossar zu den Themen Rassismus, Sexismus und Ableismus entwickeln.
Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif

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