🎂 6 Jahre Tsüri 🎂

Eines der ältesten Kollektive dieser Stadt: Das Gastro-Kollektiv des Ziegel oh Lac (Rote Fabrik) im Jahr 1982. ©Olivia Heussler

Was ist eigentlich ein Kollektiv?

Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für unsere aktuelle Serie haben wir mit mehr als einem Dutzend davon über ein schwieriges Jahr, Entscheidungsprozesse und neue Pläne gesprochen. Doch zuerst wollten wir herausfinden, was der schwammige Begriff, den niemand so richtig zu definieren vermag, eigentlich bedeutet.
31. Dezember 2020
Redaktionsleiterin

Der Begriff «Kollektiv», so scheint es, liegt gerade wieder im Trend. Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich als ein solches zusammen. Ein Zeichen der – unsicheren – Zeit? Für unsere aktuelle Serie «Zürcher Kollektive» haben wir im Dezember mit mehr als einem Dutzend Kollektiven gesprochen. Mit Menschen, die sich für mehr Frauen hinter den hiesigen DJ-Pulten, «safe Spaces» für die LGBTQIA+Community, kritisches Denken, eine neue Stadtplanung oder eine Welt ohne Diskriminierung und Rassimus einsetzen. Die dafür sorgen, dass in dieser Stadt Partys und Festivals stattfinden, an denen sich nicht nur wummernde Bässe, sondern auch politische Botschaften verbreiten, «Technopaganismus» erforscht wird und manchmal zu später Stunde ein Grossteil der Anwesenden oben ohne tanzt. Mit Schriftsteller*innen und jungen Theaterschaffenden und einer Frau, die bereits seit mehr als 30 Jahren herausfinden darf, ob die Utopie des «Gastro-Betriebs ohne hierarchische Strukturen» tatsächlich funktioniert.

«Der Begriff ist in Mode, doch was er genau bezeichnet, ist weder für Praxis, Presse noch Wissenschaft klar definiert»
Laura Leupi, Theaterschaffende und Kollektiv-Mitglied

Mit den einen haben wir uns per Telefon oder Zoom ausgetauscht, andere in Restaurants, Ateliers und WG-Küchen besucht. Für Letzteres sind wir Abend für Abend durch leergefegte Zürcher Strassen gefahren. Haben Kaffee, Tee und manchmal ein Glas Wein getrunken und über kollektive Strukturen und deren Herausforderungen gesprochen. Und vor allem über das Jahr 2020, welches das vielfältige kulturelle Leben dieser Stadt auf Eis gelegt hat – und damit die meisten Projekte der porträtierten Gruppen, die zwar unterschiedlicher nicht sein könnten, doch immer eines gemeinsam haben: das Label «Kollektiv». Ein schwammiger Begriff, den nur die wenigsten genau zu definieren vermögen. «Ein Kollektiv ist von aussen nur sehr schwer fassbar», sagt denn auch ein von den Medien als «Legende der Techno-Szene» bezeichneter DJ, der während den 90er-Jahren ebenfalls Teil eines Kollektivs war.

Zwei, die sich für ihre Forschungsarbeit an der Universität Bern mit der «Untersuchung eines Schweizer Theaterkollektivs vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Kollektivitätsdiskurs» befasst haben, sind Laura Leupi und Lisa Mösli. In ihrer Arbeit schreiben die jungen Theaterschaffenden, dass weder in den gängigen Theaterlexika ein Eintrag zum Begriff «Theaterkollektiv» bestehe, noch scheine die Begriffsverwendung in den Medien durch Journalist*innen und Kritiker*innen eine reflektierte zu sein. «Anders ausgedrückt: Der Begriff ist in Mode, doch was er genau bezeichnet, ist weder für Praxis, Presse noch Wissenschaft klar definiert», so die beiden.

Was «Kollektiv» nun genau bedeutet, versuchen die Kollektive Urban Equipe und Raumstation in ihrem vor kurzem veröffentlichten Buch «Organisiert euch!» zu definieren. Menschen in Kollektiven würden in den meisten Fällen ein gemeinsames Vorhaben teilen – sei dies nun kurz- oder langfristig, eng oder lose, mit einer Handvoll Freund*innen oder weiter als verzweigtes Netzwerk, schreiben sie darin. Sie würden oft aus informellen Kontakten entstehen und in ihren Strukturen veränderbar bleiben. Oftmals werde ein hoher Teil der Arbeit ehrenamtlich geleistet oder zumindest in einem unkommerziellen Rahmen: «Dadurch bewahren sich Kollektive kreative Freiheiten, die sich stark institutionalisierte Organisationen meist nicht leisten können.»

Durch diese neue Welle der Politisierung etablierte sich gleichzeitig eine Vernetzung und ein Rahmen, der Möglichkeiten bot, auch andere Sachen anzureissen.
Professor Jörg Rössel, Soziologe an der Universität Zürich

Kollektive könnten sich auch eine Rechtsform geben, zum Beispiel einen Verein oder eine Firma gründen, dies bleibe aber Mittel zum Zweck. Zusammen etwas zu tun und zu verändern sei viel erfüllender als alleine, schreiben die Autor*innen weiter. Es berge aber Herausforderungen. Oder wie der oben bereits erwähnte DJ schmunzelnd erzählt: «Der Zusammenhalt ist zwar toll, aber meistens nervt es dann mit der Zeit doch zu sehr.»

Was Fridays for Future mit dem Aufschwung der Kollektive zu tun hat

In Leupis und Möslis Arbeit beschreiben die befragten Theaterschaffenden und Kollektiv-Mitglieder die Entscheidungsfindung innerhalb der Gruppe etwas milder als «Aushandlungsprozess», der eine grundsätzliche Kompromissbereitschaft voraussetze. «Es gibt eine Menge Aushandlungsprozesse, viele Diskussionen. Klar, wie man halt kollektiv Entscheidungen fällt: Man redet darüber und muss kompromissbereit sein».

Laut Professor Jörg Rössel, Soziologe an der Universität Zürich, sind Kollektive tendenziell eher mit linken politischen Traditionen verbunden. Bei den meisten stehe eine zentrale Idee im Zentrum. Der Kibbuz, eine israelische Kollektivsiedlung mit gemeinsamen Eigentum und basisdemokratischen Strukturen, sei ein gutes Beispiel dafür und entspreche dieser Idee, dass viele eigentlich traditionelle Dinge wie zum Beispiel das Konstrukt der Familie in grössere Gruppen übertragen wird. Dass Menschen sich frei und ohne Beschränkungen zusammenschliessen, um gemeinsam etwas zu erreichen, sei indes eine sehr klassische bürgerliche Idee, ein ganz zentraler Punkt innerhalb dieser Gesellschaft – und nichts Neues.

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Auf die Frage, weshalb man diese Zusammenschlüsse heute wieder häufiger antrifft als noch vor zehn oder 20 Jahren verweist Rössel auf die Fridays for Future-Bewegung, die während den vergangenen Jahren auf erstaunliche Weise Fahrt aufgenommen hat. Bis dahin war es lange Zeit unüblich, an Demonstrationen so viele junge Schüler*innen anzutreffen. «Durch diese neue Welle der Politisierung etablierte sich gleichzeitig eine Vernetzung und ein Rahmen, der Möglichkeiten bot, auch andere Sachen anzureissen. Viele sagten sich wohl: ‹Lasst uns nicht nur an Demos gegen den Klimawandel kämpfen, sondern weitere Themen anschliessen. Zum Beispiel gemeinsam Musik machen oder einen öffentlichen Platz verschönern.›» Forschungen zeigen laut Rössel, dass Bewegungen tatsächlich immer in einem Kontext rekrutiert werden, die mit dem Ursprung nicht mehr viel gemein haben. Beobachten könne man diese Entwicklungen vor allem in urbanen, akademischen Stadtgesellschaften.

Die Grundidee der «Subcultural Theory of Urbanism» liefere zudem die Antwort auf die Frage, weshalb es in Städten so viele Subkulturen gibt. Diese ist ganz einfach: Weil in Städten in der Regel eine kritische Masse von Personen mit den gleichen Interessen vorhanden ist. Rössel: «Ein grosser Flickenteppich bestehend aus verschiedenen künstlerischen, politisch aktiven Subkulturen, die sich in Kollektiven vernetzen.»


Die einfachste Art und Weise wäre es wohl, die einzelnen Kollektive selbst zu fragen, was ihr Zusammenschluss ihren Augen ausmacht. Hier ihre zum Teil gekürzten Antworten:

Zentrum für kritisches Denken

«In einem Kollektiv entsteht idealerweise ein Raum, in dem Verbundenheit und Unabhängigkeit parallel existieren können. Menschen verschmelzen nicht zu einer gedanklichen Einheit oder verbiegen ihre Persönlichkeit für die Gruppe, sondern erleben sich zugehörig und dennoch getrennt voneinander. Das mag manchmal weniger gemütlich sein als eine Verschmelzung, aber genau dieses Aushalten der Unterschiede ermöglicht es Einzelnen ihr ganzes Selbst einzubringen und Dinge mitzugestalten.»

F96

«Mut durch Gemeinschaft, Vielstimmigkeit, offener Austausch, kollektives Konzipieren und Realisieren von Projekten.»

Les Belles de Nuit

«Gemeinsam lustvoll mit vereinten Kräften, inspirierenden Ideen und Neugier etwas ausleben und dafür den passenden Space schaffen.»

Tempofoif

«Ein Kollektiv funktioniert ohne Hierarchie, ist Schwarmintelligenz, Inspirationsboomerang und Unterstützungsnetz in einem.»

Ziegel

«In unserem spezifischen Fall wahrscheinlich mit alternativen Formen des Wirtschaftens zu experimentieren. Dies auf der Basis von mindestens formal egalitären Strukturen, wie zum Beispiel Lohngleichheit.»

Vo da.

«Als Kollektiv und als Community lassen sich Sachverhalte thematisieren, für die eine einzelne Person in der heutigen digitalen Welt leider eine Flut an persönlichen Beleidigungen, Hasskommentaren oder gar Drohungen erfahren würde. Ausserdem handelt es sich bei Rassismus – wenn auch dieser oft individuell erlebt wird – um kollektive Erfahrungen, da eine Vielzahl von Menschen identische oder sehr ähnliche negative Erlebnisse macht. Dieser Umstand unterstreicht die strukturelle Problematik und weist darauf hin, dass dagegen auch zusammen in der Gemeinschaft vorgegangen werden soll.»

Fagdom

«Als wir Fagdom gegründet haben, haben wir es nicht explizit als Kollektiv konzipiert – zunächst wollten wir nur einen Raum schaffen, der Sicherheit für queere Menschen und Musik, auf die wir stehen, vereint. Das Kollektiv hat sich daraus entwickelt und ist sowieso viel breiter als wir. Die Veranstaltungen wären nichts ohne Freunde und liebe Menschen, die immer als Freiwillige arbeiten und ihre Energie einbringen, um unsere Abende lebendig zu machen.»

Organ Tempel

«Das holokratische Zusammenarbeiten, sprich freies co-kreieren von Individuen. Flexible Anarchy. Der Körper funktioniert dank den Organen.»

Czarnagora

«Eine temporäre Synergie von Individuen.»

Lauter

«Eine dezentrale Organisation von Mitgliedern, die sich mehrheitlich ehrenamtlich für eine gemeinsame Vision engagieren.
Bei uns sind das circa 25 Konzertveranstalter*innen und Labelmacher*innen sowie knapp 50 Musiker*innen, die gemeinsam unvergessliche Musikerlebnisse kreieren möchten.»

Jungthaeter

«Eine Plattform und einen Safer Space schaffen und bewahren, in welchem
gemeinsames Arbeiten möglich ist. Wichtig sind uns dabei flache Hierarchien.»

Literatur für das, was passiert

«Dass nicht die einzelnen Personen dem Tun die Bedeutung geben, sondern das, was getan wird.»

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif

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