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Bild: Dieter Wirth

Literatur für das, was passiert: «Wünschen uns Lebendigkeit ohne das Aalglatte»

Sie sind eine Gruppe von Schriftsteller*innen, die mit ihrem Schreiben Menschen auf der Flucht helfen. Dafür verfassen sie Texte auf Wunsch: Gedichte, Pamphlete, Haikus, Liebesbriefe und mehr. Es gehe aber nicht nur ums Geld, finden sie, «sondern auch um den Diskurs und das Nicht-Verlieren der Aufmerksamkeit für Themen, die aus den Medien und Köpfen verschwinden».
08. Januar 2021
Redaktionsleiterin

Zürich hat unzählige Kollektive – was treibt diese an, wie sind sie organisiert und wie haben sie das Jahr 2020 erlebt? Wir haben es in dieser Serie für dich herausgefunden.


Auf Schreibmaschinen schreiben sie auf Wunsch Gedichte, Geschichten, Pamphlete, Liebesbriefe und mehr. Die Einnahmen spenden die Schriftsteller*innen des Kollektivs Literatur für das, was passiert jeweils Menschen auf der Flucht. Menschen, die an den Aussengrenzen Europas ausharren. Die weder vorwärts noch rückwärts können. Es werden Organisationen unterstützt, welche vor Ort, mehrheitlich in Griechenland, Italien und Syrien, tätig sind, die medizinische Hilfe leisten, Nahrungsmittel und Kleidung verteilen und die Menschen bei der Weiterreise finanziell und rechtlich unterstützen.

Gegründet wurde das Kollektiv 2015 von den beiden Schriftsteller*innen Gianna Molinari und Julia Weber. Dank den beiden Zürcher*innen fanden bis zur Corona-Krise regelmässig Anlässe etwa in Zusammenarbeit mit dem Verein Haus & Hof, dem Kunstprojekt Message Salon, dem Ausstellungshaus für Literatur, dem Strauhof, oder dem Literaturhaus Zürich statt. Mit der Zeit kamen auch immer wieder mal Zeichner*innen dazu, welche die Texte vor Ort illustrierten.

Da Anlässe seit geraumer Zeit, na ja, sagen wir mal «etwas schwierig» umzusetzen sind, haben die Schriftsteller*innen zwischen März und August des vergangenen Jahres Aufträge per Mail entgegengenommen und die Wunschtexte per Post versendet. Das Ganze nannte sich Literatur per Post.

Dabei mitgewirkt haben neben den Mitbegründerinnen Autor*innen wie Simon Chen, Lea Gottheil, Heinz Helle, Simone Lappert oder Ruth Schweikert. Ganze 8000 Franken wurden während dieser Zeit eingenommen, die an die Organisationen Glocal Roots und One Happy Family sowie an die Autonome Schule Zürich gingen. Seit 2019 ist Literatur für das, was passiert übrigens auch in Deutschland präsent.


Tsüri.ch: Das Jahr 2020 in drei Worten?

Literatur für das, was passiert:

  • Auseinandergerissen
  • Internet
  • Neudenken

Was für Herausforderungen hat die Corona-Krise mitgebracht – und wie seid ihr damit umgegangen?

Positiv war, dass es organisatorisch leichter war. Weil wir Aufträge über Mails angenommen haben, mussten wir keine Veranstaltungen organisieren. Und konnten trotzdem die Menschen erreichen. Unser Schaffen lebt aber von den Begegnungen mit den Menschen, die sich Texte wünschen und dann spenden. Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um den Diskurs und das Nicht-Verlieren der Aufmerksamkeit für Themen, die aus den Medien und Köpfen verschwinden.

Weshalb tut ihr das, was ihr tut in Zürich – und nicht in einer anderen Stadt?

Wir reisen in der Schweiz herum, aber Gianna Molinari und Julia Weber haben das Kollektiv gegründet und wohnen hier. Ulrike Ulrich, die auch in der Organisation jetzt immer dabei ist, lebt auch in Zürich. Darum ist Zürich die Basis.

Bild: Nicolas Schaltegger

Zahlt ihr euch einen Lohn aus? Wenn ja, weshalb? Wenn nein, weshalb nicht?

Nein, weil wir das gesammelte Geld als Ganzes weitergeben wollen: dahin, wo es gebraucht wird. Wenn wir von Veranstalter*innen angefragt werden, dann erhalten wir auch eine Gage, die wir ebenfalls spenden.

Waren die Stadt und ihre Bewohner*innen bislang gut zu euch? Wo haben sie euch Steine in den Weg gelegt? Wo Türen geöffnet?

Zürich war meistens gut zu uns. Wir wurden von vielen tollen Menschen an Orte eingeladen, um unsere Aktionen zu machen. Im Strauhof zum Beispiel hat die Künstlerin Esther Eppstein uns eingeladen und hat durch den Abend moderiert, hat mit einem glitzernden Bauchtäschchen den Leuten wunderbar selbst glänzend erklärt, warum sie uns viel spenden sollen, und wir konnten in Ruhe Texte schreiben, haben so viel Geld gesammelt für geflüchtete Menschen wie nie zuvor.

Oder einmal waren wir am Lochergut in einem leerstehenden Ladenlokal von RESEDA. Dort haben wir ein Feuer gemacht draussen, am 10 Dezember, am Tag der Menschenrechte und haben Texte geschrieben und ein Mann kam vorbei, legte uns Schokolade hin, sagte, so gut, dass ihr das macht. Dieses Gesicht von Zürich ist wunderbar. Auch die Anerkennungsgabe der Stadt Zürich, die Literatur für das, was passiert 2016 erhalten hat, war sehr motivierend

Wünschen uns Farbe. Und Widerstand. Und Grosszügigkeit.
Literatur für das, was passiert

Wie geht ihr als Gruppe kollektiv mit Entscheidungsprozessen um?

Es gibt diese drei: Gianna, Ulrike und Julia. Sie machen die Organisation und Koordination und treffen auch Entscheidungen. Zum Beispiel, wo das Geld hingeht. Aber wenn jemand einen Ort weiss, selbst vielleicht Menschen kennt, die Helfen, dafür Geld brauchen, eine Idee für eine Veranstaltung hat, dann sind wir natürlich offen dafür.

Wichtig ist vor allem zu sagen, dass wir die Texte als Kollektiv schreiben. Nicht als einzelne Autor*innen. Es geht nicht darum, wer was wann für wen geschrieben hat sondern, dass Literatur entsteht für das, was passiert.

member ad

Was wünscht ihr euch von Zürich?

Lebendigkeit ohne das Aalglatte. Versteckte Orte und Möglichkeiten, Solidarität mit den Menschen, von überall kommend. Und Farbe. Und Widerstand. Und Grosszügigkeit.

Ihr seid es, die unsere Stadt zu der machen, die sie ist. Sie beleben – kulturell, aber auch politisch. Was plant ihr für das kommende Jahr?

Im 2020 hatten wir 5-jähriges Jubiläum. Wir wollten einen grossen Anlass machen, aber dann kam Corona. Darum feiern wir dann das 6-jährige Bestehen. Sollen alle kommen, wünschen, helfen.

Serie «Zürcher Kollektive»
Immer mehr Menschen dieser Stadt schliessen sich zu einem Kollektiv zusammen. Für diese Serie wollten wir wissen: Was treibt diese Menschen an? Wie gehen sie mit Entscheidungsprozessen um? Wie haben sie, die das kulturelle Leben dieser Stadt prägen, das Jahr 2020 gemeistert? Und was ist trotz der widrigen Umstände für die kommenden Monate geplant?

1. Was ist eigentlich ein Kollektiv?
2. Urban Equipe
3. Ziegel oh Lac
4. Organ Tempel
5. Zentrum für kritisches Denken
6. Jungthaeter
7. Vo da.
8. Literatur für das, was passiert
9. F 96
10. Tempofoif
11. Regula Rec
12. Lauter
13. Tauchstation
14. Radio Megahex
15. Fagdom

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