Mit diesen 4 Massnahmen will die Stadt das Chaos auf der Velovorzugsroute lösen
Die erste Velovorzugsroute Zürichs sollte ein Vorzeigeprojekt sein. Heute ist sie ein Schleichweg für Autos und ein Risiko für Velofahrende. Statt auf Sofortmassnahmen setzt die Stadt auf diese vier Schritte.
Die erste Velovorzugsroute Zürichs hat ihren Namen eigentlich nicht verdient. Seit 2023 müsste die Bullingerstrasse, die vom Letzigrund zum Bullingerplatz führt, gemäss Volksentscheid «grundsätzlich vom motorisierten Verkehr befreit» sein. Doch die Route fördert statt des Velos weiterhin den Konflikt.
Um die Verkehrsüberlastung am Albisriederplatz zu umfahren, weichen jeden Tag hunderte Autos auf die Veloroute aus, um von dort auf die Hardbrücke zu kommen. Zu Stosszeiten können sich Velofahrende wahlweise in den Autostau einreihen oder aufs Trottoir ausweichen. Das führt immer wieder zu gefährlichen Situationen für Kinder aus dem anliegenden Schulhaus Hardau. An der Kreuzung Basler-, Bullinger- und Herdernstrasse missachten Autos regelmässig das Vortrittsrecht von Velofahrenden. Der Knotenpunkt ist ein regelrechter Velounfallherd, wie auch ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Konzept feststellt.
Mit dem Konzept, das Tsüri.ch vorliegt, hat die Stadt 2024 untersucht, wie die Vorzugsroute zu entlasten wäre. Das Konzept sah vor, den Durchgangsverkehr über die Veloroute auf Kosten der Autofahrenden faktisch zu unterbinden. Auf Anfrage erklärte die Dienstabteilung Verkehr (DAV) jedoch, dass Fachpersonen befürchteten, dass der zusätzliche Verkehr auf den bereits überlasteten Albisriederplatz ausweicht.
Das Konzept wurde damit abgelehnt und ein neues ausgearbeitet, das Ende 2025 genehmigt wurde. Dieses setzt auf eine jahrelange, schrittweise Verkehrsberuhigung, um die negativen Auswirkungen auf das umliegende Verkehrsnetz abzufedern.
Diese vier Schritte plant die Stadt:
1. Neue Signalisierung
Ein Hauptproblem ist der Albisriederplatz. Der Kreisel hat verschiedene Tram- und Bushaltestellen, vier Zufahrten und ungeregelte Zebrastreifen. Gemäss dem Bundesamt für Strassen (ASTRA) wurden während der letzten 14 Jahre 45 Unfälle mit verletzten Personen registriert. 15 Unfälle ereigneten sich mit Fussgänger:innen und 11 Unfälle mit Velofahrenden. Während Hauptverkehrszeiten führt die Überlastung zu grossem Ausweichverkehr.
Um die Befahrung des Platzes attraktiver zu gestalten, soll der Verkehrsfluss zwischen Hardbrücke und Albisriederplatz verbessert werden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass sich der Rückstau der Autos auf der Velovorzugsroute kurz vor der Hardstrasse noch vergrössern wird.
Auch der Verkehr auf der Badenerstrasse wird beschränkt. Zu Spitzenzeiten kann es dort zu mehr Zeitverlust kommen, was den Ausweichverkehr in die umliegenden Strassen erhöhen kann. Insgesamt könnten die Sofortmassnahmen eine kurzzeitige Verschlechterung für die Velofahrenden auf der Vorzugsroute bedeuten.
Dass dieses Risiko besteht, bestätigt die DAV auf Anfrage: «Falls sich diese Annahme bewahrheitet, werden wir Massnahmen rund um den Bullingerplatz prüfen.»
Umsetzung: bereits in Gange.
2. Einbahn Letzigrund
Auf der Herdernstrasse, auf dem Abschnitt entlang des Stadions, sollen Autos nur noch in Richtung Letzigrund fahren dürfen. Dadurch sollen Autos, die über den Letzigrund auf die Hardbrücke wollen, nicht über die Velovorzugsroute fahren. Das städtische Konzept rechnet dort mit einer Halbierung des Verkehrs zu Stosszeiten.
Umsetzung: Falls keine Einsprachen erhoben werden, soll die Einbahn im Frühling oder Sommer dieses Jahres umgesetzt werden.
3. Sanierung Duttweilerbrücke
2027 wird die Duttweilerbrücke saniert. Während des Umbaus kann die Brücke nur in Richtung Norden zum Toni-Areal befahren werden. Die Belastung auf der Velovorzugsroute wird dadurch deutlich sinken. Nach dem Umbau soll auf der Duttweilerbrücke nur noch Links- oder Rechtsabbiegen auf die Hohlstrasse möglich sein.
Umsetzung: Die Sanierung der Duttweilerbrücke ist beschlossen. Die Planung, ob die Massnahmen auch nach dem Umbau bestehen bleiben, hat noch nicht begonnen, wie das DAV auf Anfrage erklärt.
4. Sperrung Letzigraben
Langfristig soll die Durchfahrt durch den Letzigraben zwischen Hubertus und dem Letzigrund (FC-Zürich-Platz) in beiden Richtungen unterbunden werden. Ausgenommen davon wären Velos und der öffentliche Verkehr. Welche Auswirkungen diese Massnahme haben wird, sei aufgrund des langen Zeithorizonts der Umsetzung nicht zu sagen, wie es im städtischen Konzept heisst.
Umsetzung: Wer weiss? Aufgrund von Abhängigkeiten von anderen Bauprojekten kann der Letzigraben frühestens 2029 gesperrt werden.
Die Stimmbevölkerung hat 2020 mit über 70 Prozent Ja zum mindestens 50 Kilometer langen und sicheren Veloroutennetz gesagt. Trotzdem hat sich die Stadt gegen Massnahmen entschieden, welche die Vorzugsroute auf der Bullingerstrasse rasch vom motorisierten Verkehr befreit hätten. Stattdessen setzt sie auf eine jahrelange, schrittweise Umsetzung, die Rücksicht auf das umliegende Strassennetz nimmt. Ob die Bullingerstrasse ihrem Namen als Velovorzugsroute damit jemals gerecht wird, wird sich zeigen.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.