Verwurzelt und verdrängt: Wohnungsnot trifft jüdisches Leben in Zürcher Quartieren
Seit über 150 Jahren prägen Juden:Jüdinnen Quartiere wie Aussersihl und Wiedikon. Doch die Wohnkrise macht das Leben dort zunehmend unerschwinglich – mit Folgen für die religiöse Praxis, etwa den Fussweg zur Synagoge an Schabbat.
Jehuda Spielman steht am Manesseplatz und überblickt das Geschehen. An der Gabelung in Alt-Wiedikon kreuzen sich Autos, Busse halten, ein jüdisch-orthodoxer Mann grüsst im Vorbeigehen, Spielman grüsst zurück. «Man kennt sich hier.»
Der FDP-Gemeinderat, selbst jüdisch-orthodox, ist gleich neben dem Manesseplatz aufgewachsen. Viele Mitglieder seiner Familie leben bis heute in der Umgebung, bereits seine Urgrosseltern wohnten in Wiedikon. «Wie ich, sind viele jüdische Menschen hier seit mehreren Generationen verwurzelt», so Spielman.
Seit über 150 Jahren ist das sichtbare jüdische Leben in den Quartieren von Aussersihl bis hinüber zur Enge ein fester Bestandteil des lokalen Alltags. Doch diese Wurzeln geraten zunehmend unter Druck. Fehlender bezahlbarer Wohnraum sei inzwischen das drängendste Thema für die kinderreichen Familien in den jüdischen Gemeinden, sagt Spielman. Einige Bekannte hätten bereits wegziehen müssen. Gleichzeitig blieben sie auf das religiöse Angebot in der Stadt angewiesen, was ihre Situation zusätzlich erschwere.
Denn an Feiertagen und Schabbat ist es für observant lebende Jüdinnen und Juden nicht erlaubt, Auto, Bus, Tram oder Velo zu benutzen; der Weg zur Synagoge muss zu Fuss zurückgelegt werden. Die Verdrängung aus dem Stadtinneren bedeutet daher für viele gläubige jüdische Personen deutlich längere Fusswege zu ihren religiösen Einrichtungen. Der Gang zum Schabbat-Essen bei den Grosseltern wird durch die Distanz oft auch unmöglich.
Immer mehr weichen auf Vororte aus
Wie viele jüdische Haushalte aus Wiedikon und Aussersihl bereits wegziehen mussten, lässt sich nicht beziffern. Doch der Wandel im allgemeinen Wohnungsmarkt ist offensichtlich: Laut Statistik Stadt Zürich haben sich die städtischen Bodenpreise in den vergangenen fünfzehn Jahren verdreifacht. Angebotsmieten in Aussersihl und Wiedikon sind im Durchschnitt doppelt so hoch wie Bestandsmieten, beide Quartiere erfuhren in den letzten zwei Jahrzehnten eine enorme Aufwertung.
An der Weststrasse etwa dürften sich die Bestandsmieten zwischen 2000 und 2024 ungefähr verdoppelt haben. In dieser Zeit wurde die Strasse beruhigt, der Transitverkehr verlagert. Ende 2025 berichtete Tsüri.ch zudem über Leerkündigungen an der Manessestrasse sowie über die zunehmende Umnutzung von Wohnungen zu Business-Apartments im Kreis 3 und 4.
Dass diese Entwicklung spürbare Auswirkungen auf das jüdische Leben hat, bestätigt auch Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. «In diesen traditionell jüdischen Quartieren ist der Druck durch steigende Mieten und Neubauprojekte besonders spürbar.» Wenn Altbauten mit grösseren Wohnungen und tieferen Mieten abgerissen und durch Neubauten mit kleineren Wohnungen und höheren Mieten ersetzt werden, treffe dies vor allem Familien mit mehreren Kindern, oftmals aus traditionelleren Kreisen, so Kreutner.
«Es gibt Personen, die ausserhalb wohnen und jede Woche den rund einstündigen Fussmarsch in die Stadt auf sich nehmen.»
Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds
Eine Folge davon ist die Abwanderung in Randquartiere wie Leimbach oder Vororte wie Adliswil oder Kilchberg. Dort würden laut Kreutner aktuell erste religiöse Einrichtungen entstehen, etwa Gebetslokale. Vorortgemeinden könnten somit für einige eine Entlastung sein, für andere stellten sie jedoch keine Alternative in religiöser oder sozialer Hinsicht dar. «Grundsätzlich ersetzen diese Ausweichvarianten nicht das gewachsene jüdische Leben in Zürich mit seinen Gemeinden und Einrichtungen.»
Vorwiegend in den Zürcher Kreisen 1 bis 4 befinden sich die zentralen religiösen Einrichtungen und Gebetsräume, etwa die Synagoge Agudas Achim an der Erikastrasse oder jene der Israelitischen Religionsgesellschaft an der Freigutstrasse. «Es gibt Personen, die ausserhalb wohnen und jede Woche den rund einstündigen Fussmarsch in die Stadt auf sich nehmen», sagt Kreutner.
Auch das übrige Angebot in der Stadt ist für viele praktizierende Juden:Jüdinnen zentral. In Aussersihl, Wiedikon und der Enge befinden sich koschere Geschäfte, ein jüdisches Altersheim, mehrere jüdische Schulen und Kindergärten sowie Gemeinschaftsräume der Gemeinden. Diese Institutionen sind über Jahrzehnte gewachsen.
Gewöhnung führt zu weniger Antisemitismus
Jehuda Spielman zeigt vom Manesseplatz aus in Richtung der Gleise der Uetlibergbahn, dahinter verläuft die Sihl. Historisch habe der Fluss eine Grenze zwischen zwei globalen Strömungen innerhalb des aschkenasischen Judentums markiert: den Ost- und den Westjüd:innen. Heute sei diese Trennung zwar nicht mehr so klar zu ziehen, in ihren Grundzügen bestehe sie jedoch weiterhin.
Nach 1862 liessen sich Westjüd:innen aus Mittel-, Nord- und Westeuropa in Zürich nieder. Zuvor durften Jüdinnen:Juden in der Schweiz nur in den Aargauer Gemeinden Endingen und Lengnau wohnen, erst eine Verfassungsänderung ermöglichte den Zuzug in die wirtschaftlich boomende Stadt. Sie wohnten vor allem im Niederdorf und in der Enge und organisierten sich in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, aus der später weitere Gemeinden hervorgingen.
Ab den 1870er-Jahren folgte eine weitere Migrationsbewegung. Jüdinnen:Juden aus dem Zarenreich und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie flohen vor Armut, politischer Repression und antisemitischer Gewalt. Während viele weiter nach Amerika zogen, liessen sich andere in Aussersihl und in Wiedikon nieder.
Die aus Osteuropa stammenden Zuwander:innen gründeten die Gemeinde Agudas Achim, da sie einen eigenen Ritus pflegten und von der westeuropäischen Gemeinde oft als fremd wahrgenommen wurden. Über die Jahrzehnte wurde die Gemeinde zu einer Heimat für viele Chassidim, Anhänger:innen einer mystisch-orthodoxen Strömung im Judentum.
«In Wiedikon ist man an das sichtbar jüdische Alltagsleben gewöhnt. Das sorgt für weniger Reibungspunkte im Miteinander.»
Jehuda Spielman, FDP-Gemeinderat und jüdisch-orthodox
Bis ins frühe 21. Jahrhundert galten das Industriequartier, Aussersihl und Wiedikon als Einwanderungsquartiere mit vergleichsweise günstigem Wohnraum. Doch auch damals schon habe Wohnungsnot bestanden; sie sei in Städten ein historisches Dauerproblem, sagt die Historikerin Karin Huser, die zur Geschichte von jüdischen Personen in Zürich geforscht hat. Nach dem Ersten Weltkrieg spitzte sich die Wohnungsnot zu, bis die sozialdemokratische Regierung in der Ära des «Roten Zürich» zwischen 1921 und 1928 den kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau gezielt förderte.
«Eine andere Konstante blieb der Antisemitismus», so Huser. In ihrem Werk «Schtetl an der Sihl» beschreibt sie, dass die Feindseligkeit gegenüber jüdischem Leben sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts offen im Diskurs, aber auch in politischen Massnahmen wie der ab 1912 verschärften Einbürgerungspraxis explizit für jüdische Zuwander:innnen aus dem Osten Europas zeigte.
Auch heute ist der Antisemitismus wieder stark präsent. Laut dem Bundesamt für Statistik nahmen antisemitische Vorfälle im Jahr 2024 schweizweit wieder zu. Auch bei der Wohnungssuche könne er ein Hindernis darstellen, sagt Karin Huser. «Historisch gesehen hatten ärmere Menschen, oder solche, die als anders oder fremd wahrgenommen wurden, stets grössere Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt.»
«In Wiedikon ist man an das sichtbar jüdische Alltagsleben gewöhnt. Das sorgt für weniger Reibungspunkte im Miteinander», sagt Spielman. Wo man sich täglich begegnet, sei das Gegenüber weniger fremd, was den Alltag einfacher mache. Für ihn ist dies ein entscheidender Grund für den Erhalt stabiler Nachbarschaften.
Initiativen gegen jüdische Verdrängung
Mehrere jüdische Gemeinden wollten sich auf Anfrage von Tsüri.ch nicht zur Wohnkrise äussern. Jehuda Spielman berichtet jedoch, dass innerhalb der Gemeinschaft bereits Initiativen gestartet würden, um der Verdrängung entgegenzuwirken. So setze sich eine neu gegründete Wohngenossenschaft dafür ein, durch den Erwerb von Liegenschaften langfristig bezahlbaren Wohnraum für kinderreiche Familien zu sichern. Zu konkreten Projekten möchte die Genossenschaft jedoch keine Stellung beziehen.
Der Verkehr rauscht vorbei, die Sonne bricht durch. Zum Abschied weist Spielman auf ein unscheinbares Haus an der Manessestrasse hin. Es wirkt wie viele andere, doch es ist eigens auf religiöse Bedürfnisse zugeschnitten. In den Küchen gebe es zwei Lavabos, eines für Milchiges, eines für Fleischiges; die Balkone seien versetzt gebaut, sodass jeweils ein Teil unter freiem Himmel liegt – eine Voraussetzung für das jüdische Laubhüttenfest.
Solche Bauten gebe es nur wenige in Zürich, sagt Spielman. «Doch sie garantieren, dass jüdisches Leben im Quartier verankert bleibt.»
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Studium der Politikwissenschaft und Philosophie. Erste journalistische Erfahrungen beim Branchenportal Klein Report und der Zürcher Studierendenzeitung (ZS), zuletzt als Co-Redaktionsleiter. Seit 2023 medienpolitisch engagiert im Verband Medien mit Zukunft. 2024 Einstieg bei Tsüri.ch als Autor des Züri Briefings und Berichterstatter zur Lokalpolitik, ab Juni 2025 Redaktor in Vollzeit. Im Frühjahr 2025 Praktikum im Inlandsressort der tageszeitung taz in Berlin.