9 harte Fakten zum Zürcher Wohnungsmarkt

Am Samstag rufen in Zürich verschiedene Organisationen zu einer Wohndemo auf. Ein guter Zeitpunkt, um sich den Ernst der Lage auf dem städtischen Wohnungsmarkt nochmals vor Augen zu führen.

Rund 5000 Demonstrant:innen nahmen an der letztjährigen Wohndemo teil. (Bild: Lara Blatter)

1. So günstig konnte man in Zürich einmal wohnen

Wer mag sich noch an solche Zeiten erinnern? Als die Stadt Zürich Ende 2006 eine Mietpreiserhebung durchführte, kamen diese Resultate hervor: Eine 1-Zimmer-Wohnung kostete damals durchschnittlich 791 Franken monatlich, eine 2-Zimmer-Wohnung 1080 Franken, 3-Zimmer-Wohnungen gab es im Schnitt für 1236 Franken, 4-Zimmer-Wohnungen waren für 1611 Franken zu haben und die Miete für eine 5-Zimmer-Wohnungen betrug durchschnittlich 2330 Franken. 

Die Preise für städtische oder genossenschaftliche Wohnungen lagen nochmals deutlich unter diesen Werten. Heute, keine 20 Jahre später, klingen diese Mietpreise nach Utopie: Wer heute eine 3-Zimmer-Wohnung aus privater Hand mietet, zahlt gemäss der letztjährigen Mietpreiserhebung der Stadt Zürich im Durchschnitt 1875 Franken monatlich und dürfte sich damit noch glücklich schätzen. Seit der Erhebung Ende 2006 ist die Nettomiete für eine 3-Zimmer-Wohnung um über 27 Prozent gestiegen. 

2. So wenige Wohnungen stehen leer 

144 Wohnungen standen im Juni 2024 in Zürich frei. Zwar wurde fleissig gebaut, doch vermag dies nur knapp den Bevölkerungszuwachs aufzufangen. 

Schweizweit ist die Anzahl der Leerwohnungen über die Jahre immer weiter gesunken: Standen 2021 noch 71'000 Wohnungen leer, waren es 2024 noch knapp 52’000. Die nationale Leerwohnziffer sank somit von 1,54 auf 1,08.

Im Kanton Zürich lag die Zahl sogar nur bei 0,56, einzig überboten von den Kantonen Obwalden und Zug. In der Stadt Zürich sieht es nochmal düsterer aus: Hier standen 2024 nur 0,07 Prozent der Wohnungen leer – also nur etwa eine von 1500 Wohnungen. Zum Vergleich: Bereits bei einer Leerwohnziffer unter 1,5 sprechen Expert:innen in der Schweiz von einer «angespannten Wohnsituation», liegt die Zahl unter eins spricht man von «akutem Wohnungsmangel».

3. Die Mieten werden weiter erhöht

Der Quadratmetermietpreis auf Stadtgebiet ist seit 2022 von 20,5 auf 21,8 Franken gestiegen, was einer Erhöhung von sechs Prozent entspricht. Und die mittlere Nettomiete einer 3-Zimmer-Wohnung ist im gleichen Zeitraum um gut 7 Prozent auf 1578 Franken erhöht worden. 

Mit Abstand die teuersten Mieten sind in der Altstadt zu finden, die günstigsten Wohnungen gibt es in Leimbach, gefolgt von Affoltern, Schwamendingen und Höngg. Interessant: Die privaten Vermietungen halten sich mit ihren Preisinformationen gerne bedeckt. So weiss die Stadt nur bei jeder vierten privaten Wohnung über die Mietpreise Bescheid. 

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Die Wohndemo findet insgesamt zum dritten Mal statt.

4. Nur im Kanton Zug sind die Mieten höher

Über alle Wohnungsgrössen hinweg betrug die durchschnittliche Miete im Kanton Zürich im Jahr 2022 monatlich 1722 Franken. Das sind zwar noch keine Zustände wie in London, aber dennoch geht ein signifikanter Anteil des Einkommens für die Miete drauf. Schweizweit liegen die Mieten nur im Kanton Zug höher. Zum Vergleich: Im Kanton Jura liegt die Durchschnittsmiete noch unter 1000 Franken monatlich. 

5. Die meisten Zürcher Wohnungen gehören privaten Unternehmen

«Privatgesellschaften halten neu den grössten Anteil an Wohnungen», konstatiert die Stadt Zürich im Jahr 2024. Diese kauften insbesondere Wohnungen aus dem Besitz von Privatpersonen auf. Waren im Jahr 2010 noch 41 Prozent der Zürcher Wohnungen im Besitz von Privaten, waren es 2024 nur noch 32 Prozent. Konstant bleibt der Anteil der Stadt- und Genossenschaftswohnungen bei rund einem Viertel. Grosse Gewinnerinnen dieser Entwicklungen sind somit die privaten, profitorientierten Unternehmen.

6. Bodenpreise haben sich verdreifacht

Auch die Stadtzürcher Bodenpreise schiessen durch die Decke: Gemäss dem Bundesamt für Statistik haben sie sich in den letzten 15 Jahren verdreifacht. Ende 2023 hatte der mittlere Bodenpreis pro Quadratmeter einen Wert von knapp 6200 Franken erreicht.

2010 hatte der Wert noch bei 2134 Franken gelegen, im Jahr 2000 bei 1218 Franken. Und im Kreis 11 ist der Quadratmeterpreis in den letzten 15 Jahren gemäss dem BFS gar um das Siebenfache gestiegen.  

7. Neu ausgeschriebene Wohnungen kosten das Doppelte

Bei neu ausgeschriebenen Wohnungen kennen Vermieter:innen oft keine Scham: Wie eine exklusive Auswertung von Tsüri.ch zuletzt aufzeigte, übertreffen Preise auf dem aktuellen Wohnungsmarkt die Bestandsmieten um das Doppelte. In den Kreisen 1, 5 und 8 lagen die durchschnittlichen Angebotspreise für eine 3-Zimmer-Wohnung gar über 4000 Franken. 

Bereits zwischen 2010 und 2023 sind die Angebotsmieten um 20 Prozent gestiegen. Wird die Miete bei einer Neuvermietung um mehr als 10 Prozent angehoben, muss die Preissteigerung begründet werden können – mit höheren Betriebskosten, Zinsen oder wertsteigernden Investitionen in die Wohnung wie zum Beispiel einer Renovation. 

8. 433’000 Quadratmeter Bürofläche stehen leer

Das ergibt sich aus einer neuen Studie zum Büromarkt von Jones Lang LaSalle (JLL). Der Leerstand hat damit in der zehn Jahre umfassenden Statistik einen neuen Höchstwert erreicht. Im Zürcher Kreis 1 stehen aktuell ganze 3 Prozent der Büroflächen leer. Während Mieter:innen in der Stadt um bezahlbaren Wohnraum kämpfen, verwandeln internationale Unternehmen wie Google ganze Bürokomplexe in Geisterhäuser, wie Tsüri.ch berichtete.

In den fünf grössten Büromärkten der Schweiz – Zürich, Genf, Bern, Basel und Lausanne – beträgt der Büro-Leerstand gemäss der Studie insgesamt fast eine Million Quadratmeter.

9. Zürich baut viel zu wenige Wohnungen

Im Jahr 2023 wurden in Zürich 3047 Wohnungen fertiggestellt, im Jahr 2024 waren es 2630, die meisten davon im Kreis 11. Das klingt zwar gut, doch vermag es den Bedarf an Wohnungen nicht annähernd abzudecken. So bräuchte es gemäss einer Analyse der Stadt Zürich jedes Jahr 7600 neue Wohnungen, um das prognostizierte Wachstum aufzufangen – und das bis 2040. 

Hinter dieser Wunschzahl hinkt die Stadt weit hinterher, und so dürfte die Wohnsituation in Zürich in Zukunft nur noch angespannter werden und die Mieten weiter klettern. Dazu kommt: Fast die Hälfte der 2024 fertiggestellten Wohnungen befinden sich in der Hand von privaten Unternehmen. Deren Anteil am Zürcher Wohnungsmarkt dürfte also weiter zunehmen.

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Kommentare

Gentri
01. April 2025 um 19:56

Willkommen im Wohn-Utopia Zürich – wo Träumerei auf Realität prallt

Wieder mal ein Artikel voll Empörung, null Substanz. Alle schreien nach bezahlbarem Wohnraum, aber wehe jemand investiert. Als Privatinvestor bin ich der Prügelknabe für alles: Modernisiere ich, bin ich ein Spekulant. Baue ich neu, bin ich ein Gentrifizierer. Kündige ich legal, bin ich ein Unmensch. Die Stadt schafft ein Klima, in dem Investieren zur Mutprobe wird: lähmende Verfahren, ideologisch motivierte Hürden, politische Hexenjagd. Und dann wundert man sich über Wohnungsnot? Genossenschaften werden als Heilsbringer verklärt, obwohl auch dort Preise steigen. Fakt ist: Ohne privates Kapital gibt’s keinen neuen Wohnraum. Aber Zürich will keine Lösungen, sondern Schuldige. Die Realität wird ignoriert, solange sich die Moralkeule besser schwingen lässt. Investoren sind nicht das Problem – sie sind der einzige Grund, warum hier überhaupt noch gebaut wird. Aber macht ruhig weiter so. Dann erstickt die Stadt irgendwann an ihrer eigenen Verweigerung.

Pius Kobler
02. April 2025 um 06:43

Das Problem liegt in den Bodenpreisen

Es ist schön zu sehen, dass im Artikel gleich auf die hohen Bodenpreise als Ursache der hohen Mietkosten hingewiesen wird. Wir vom Verein Gemeingut Boden (gemeingutboden.ch) haben es uns zum Ziel gesetzt, die Zusammenhänge zwischen den Bodenpreisen und den Wohnkosten und z.B. wie viel Geld jedes Jahr dadurch von wem zu wem fliesst aufzuzeigen. Für sehr spontane: Heute Abend 2. April 2025 veranstalten wir um 18:45 im Zollhaus Zürich einen interessanten Anlass dazu: https://gemeingutboden.ch/aktuell/weiterentwicklung-kernthemen-und-podiumsdiskussion/