Mit «Tea Happens» kommt tamilische Teekultur nach Zürich
In ihrem Pop-up stellt die Betreiberin Kerthiya Sathiyaseelan den traditionellen «Paal Tea» in den Mittelpunkt. Das Café öffnet damit mitten im Zürcher Kreis 4 ein Fenster in die tamilische Kultur.
Routiniert hebt Kerthiya Sathiyaseelan den Arm immer höher und lässt den frisch gebrauten Tee in einem dünnen Strahl in den Becher fliessen. Den Vorgang wiederholt sie mehrere Male, bis sich auf der Oberfläche des Tees feine Luftblasen bilden. «Es sieht zwar schwierig aus, aber man braucht dafür nur ein wenig Übung», sagt sie.
Das Aufschäumen durch Umschütten gehört zur Zubereitung. Erst dadurch entfaltet der würzige Tee sein volles Aroma. Serviert wird er mit einem kleinen Butterkeks.
Seit knapp drei Monaten ziehen nahe der Kanonengasse im Kreis 4 warme Gewürznoten durch die Luft. An der Tellstrasse 20 hat Sathiyaseelan nämlich ihr erstes Pop-up «Tea Happens» eröffnet. Im Mittelpunkt des Angebots steht der «Paal Tea» – ein Getränk, das in der tamilischen Kultur tief verwurzelt ist.
Ein Wohnzimmer für die Community
In einem Regal sind Bilder von eelam-tamilischen Künstler:innen aufgestellt, alles Freund:innen von Sathiyaseelan. Dazu laden gestapelte Bücher und Magazine zum Durchblättern ein. Räucherstäbchen und Pflanzengirlanden ergänzen die Einrichtung. Die Betreiberin hat ihr Café so dekoriert, dass ihre Herkunft sichtbar wird. «Mir war es wichtig, dass der Raum die tamilische Identität trägt», sagt sie.
Die Idee für ein eigenes Pop-up kam Sathiyaseelan bereits vor rund zwei Jahren. Ihr fehlte in der Stadt ein Ort, an dem man nach Feierabend in gemütlicher Atmosphäre ein heisses Getränk geniessen kann. Viele Cafés schliessen früh, eine Bar wiederum vermittelt nicht das gleiche «Wohnzimmergefühl».
Zeitgleich sei ihr aufgefallen, dass es in Zürich kaum Lokale gebe, die Tee ins Zentrum stellen. «Das Teetrinken ist für viele Tamilinnen und Tamilen ein fester Bestandteil des Alltags», erklärt sie. Im Arbeitsumfeld ebenso wie in geselliger Runde sei Tee allgegenwärtig und biete stets einen Anlass für Austausch. Am liebsten steht dabei der traditionelle Milchtee «Paal Tea» auf dem Tisch.
«Die Geschichte unserer Kultur geht mit jeder Generation etwas mehr vergessen und ich möchte dazu beitragen, dass das nicht so schnell passiert.»
Kerthiya Sathiyaseelan, Betreiberin Pop-up «Tea Happens»
«Paal Tea» ist ein Schwarztee, der mit Milch aufgegossen und mit Kardamom, Zimt sowie Sternanis gewürzt werden kann. Im Café bereitet Sathiyaseelan den Tee nach ihrem Familienrezept zu. Vielen ist das Getränk auch unter dem Namen «Chai» bekannt. Doch diese Bezeichnung greift aus ihrer Sicht zu kurz: «Chai heisst einfach Tee und wird eher als Sammelbegriff benutzt, deshalb sage ich bewusst Paal Tea.»
Mit dem Pop-up möchte Sathiyaseelan «den Besucher:innen die tamilische Teekultur etwas näherbringen», sagt sie. Zugleich soll der Raum der Community Platz geben, um zusammenzukommen und die Identität zu stärken. «Die Geschichte unserer Kultur geht mit jeder Generation etwas mehr vergessen und ich möchte dazu beitragen, dass das nicht so schnell passiert», so die Betreiberin.
Mit dem Pop-up hat sich Kerthiya Sathiyaseelan einen langjährigen Traum erfüllt. (Bild: Minea Pejakovic) Der «Paal Tea» wird in einem Becher aus Edelstahl serviert. (Bild: Minea Pejakovic) Das Bücherregal wurde mit Gegenständen dekoriert, die die tamilische Kultur widerspiegeln. (Bild: Minea Pejakovic)
Dieses Ziel möchte sie unter anderem durch die Organisation verschiedener kultureller Veranstaltungen innerhalb des Pop-ups erreichen. So fand Ende Januar ein Carromboard-Turnier statt. Carrom ist auch als Fingerbillard bekannt und bei Tamil:innen ein beliebte Freizeitbeschäftigung.
Rezept bleibt in der Familie
Das Café hat am Nachmittag bis spät abends geöffnet, damit auch Berufstätige nach Feierabend vorbeikommen können. Neben dem «Paal Tea» bietet das Pop-up eine Auswahl traditioneller Snacks an. Die täglich wechselnde Karte umfasst unter anderem «Roast paan», ein geröstetes Brot, sowie knusprige Rollen gefüllt mit Lammfleisch. Ergänzt wird das Angebot durch klassischen Schokoladen- oder Butterschwammkuchen.
Da Sathiyaseelan weiterhin hauptberuflich als Pflegefachfrau arbeitet, führt sie den Betrieb nicht alleine. Freund:innen und ihr Bruder helfen mit. «Neben mir bereitet mein Bruder die Tees zu, da wir beide das Rezept beherrschen», erzählt sie. Auf diese Weise stellen sie sicher, dass der Geschmack für alle Kund:innen gleich bleibt.
Dennoch bleibt auch Raum für Individualität. Wer es weniger würzig mag, kann das anmerken. «Wir passen den Tee bei Bedarf an, denn nicht alle haben die gleiche Toleranz für Gewürze», sagt sie lachend. Für Unentschlossenen gibt es zudem die Möglichkeit, vorab eine kleine Kostprobe zu erhalten.
Auch wenn bisher vieles nach Plan lief, war die Umsetzung des Projekts laut Sathiyaseelan teilweise herausfordernd. Schliesslich hatte sie zuvor noch nie ein Lokal betrieben. «Am Anfang hatte ich keine Ahnung, wie alles läuft und musste mir das Wissen Schritt für Schritt erarbeiten», sagt sie. Das habe auch viel Disziplin gefordert. Trotzdem sei sie froh, den Schritt gewagt zu haben. Die positive Resonanz habe sie darin bestätigt, dass «keine Vision zu klein ist».
Noch bis zum 27. Februar hat das Pop-up «Tea Happens» geöffnet. Danach möchte sich Sathiyaseelan erstmal Zeit nehmen, um zu reflektieren. Eine baldige Wiedereröffnung könne sie sich jedoch gut vorstellen – denn «Paal Tea wird auch gerne an heissen Sommertagen getrunken».
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Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.