Wohnkrise in Schwamendingen: Das Versagen der rot-grünen Regierung

Die Aufwertung in Schwamendingen ist in vollem Gange. Doch nicht alle profitieren vom Umbau des Stadtteils. Viele Menschen haben Mühe, eine neue Bleibe zu finden. Wirklich ernst nimmt es niemand – auch nicht die rot-grün regierte Stadt. Ein Kommentar von Lara Blatter.

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Während Schwamendingen neu gebaut wird, schaut die Stadt zu, findet Redaktorin Lara Blatter. (Quelle: Yves De Prà)

Bauerndorf, Arbeiterquartier, Gartenstadt – Schwamendingen hat viele Gesichter, aktuell ziert aber vor allem eine Fratze den Kreis 12: die Aufwertung und die damit verbundene Verdrängung von Mieter:innen. Gemeinsam mit Schwamendinger:innen hat das Mietenplenum deshalb vergangen Samstag zu einer Kundgebung gegen die Wohnungsnot auf dem Schwamedingerplatz aufgerufen. Aktivist:innen und Menschen aus dem Quartier diskutierten über die Missstände in der städtischen Wohnpolitik und schafften ihrem Unmut Luft. 

Kürzlich haben wir auch auf Tsüri.ch von zwei Bauprojekten berichtet. An der Winterthurerstrasse plant die Pensionskasse BVK einen Ersatzneubau und an der Grosswiesenstrasse müssen bald zehn Wohnblöcke einem Neubau weichen. In der Folge verlieren fast 600 Menschen ihr Zuhause und sind gleichzeitig auf Wohnungssuche – und mit grosser Wahrscheinlichkeit müssen sie die Stadt verlassen.

Und es werden noch mehr. Beim Gang durch den Kreis 12 zeigt sich ein erschreckendes Bild: Die Tage von mehreren Siedlungen sind gezählt. Bauvisiere, die in den Himmel ragen, durchbrechen die Quartier-Idylle. Gemäss Prognosen der Stadt wird die Einwohner:innenzahl im Kreis 12 in den nächsten 20 Jahren von 33’000 auf über 45’000 ansteigen. So stark wie in keinem anderen Stadtteil. Kommen sollen Menschen mit Geld: Bereits in den letzten Jahren hat sich das Durchschnittseinkommen der Schwamendinger:innen vervielfacht. 

Bald wird Schwamendingen also neu gebaut sein. Damit einher geht die Verdrängung der jetzigen Bewohner:innen. Wie Analysen zeigen, sind weniger gut gutverdienende Haushalte, Alleinerziehende und migrantische Menschen besonders von diesen Entwicklungen betroffen.

Ebenfalls bekannt, sind die Befürchtungen der Anwohner:innen und Politiker:innen, dass die Einhausung der A1 und die damit einhergehende Neubauten und die Beruhigung des Quartiers die ganze Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Und was tut die Stadt?

Auf Nachfrage verwies die Stadt kürzlich auf einen Bericht zur Einhausung. Dieser spricht von einem «geringen Verdrängungsrisiko» im Kreis 12, da er einen hohen Anteil an gemeinnützigen Bauträger:innen aufweise. Solche Statements sind ein Affront gegenüber jenen Menschen, die aus ihrem Quartier entwurzelt werden oder es bereits wurden.

Dass Schwamendingen viele gemeinnützige Wohnungen hat, stimmt. Rund 32 Prozent aller Wohnungen gehören entweder der Stadt oder Genossenschaften. Zum Vergleich: In ganz Zürich sind es derzeit nur ein Viertel. 

Zu behaupten, dass deshalb kaum Menschen verdrängt würden, gleicht aber einer Farce. Denn auch wenn Genossenschaften neu bauen, steigen die Mieten, wie eine Recherche von Tsüri.ch zeigt. Auch sie wälzen die Kosten für die Sanierung von bestehenden Wohnungen oder den Bau neuer Häuser auf ihre Mieter:innen ab. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass Schwamendingen nicht vor der Gentrifizierung gefeit ist – auch nicht, wenn es eine hohe Dichte an Genossenschaften gibt.

Die Einhausung der Autobahn mag zwar die Lebensqualität der Anwohner:innen verbessern, profitieren davon aber nach wie vor nur jene, die sich die Mieten im Kreis 12 danach noch leisten können.

«Schwamendingen wird nicht bleiben, wenn die Stadt und die Politik nicht endlich handeln.»

Während Schwamendingen also neu gebaut wird, schaut die Stadt zu und stützt sich auf das Argument, dass das Quartier verhältnismässig viele Genossenschaften habe. Sich so aus der Verantwortung ziehen, ist feige. Denn man kann die Zahl auch umkehren: Fast 70 Prozent der Liegenschaften im Kreis 12 sind nicht gemeinnützig. Städtische Wohnungen sind beliebt, werden per Zufallsgenerator vergeben und Genossenschaften führen aufgrund der hohen Nachfrage oft keine Wartelisten mehr. Wohin also mit den Menschen, die weniger Glück haben?

Die Stadt muss sich längerfristig auf solche Massenkündigungen vorbereiten, noch mehr gemeinnützigen Wohnraum bauen, statt sich auf Zahlen auszuruhen, und verhindern, dass ganze Quartiere innerhalb weniger Jahre umgebaut werden und nur noch Gutverdienende sich den Wohnraum leisten können.

Das Motto der Demonstration vergangenen Samstag war: Schwamendingen bleibt. Schwamendingen wird nicht bleiben, wenn die Stadt und die Politik nicht endlich handeln und Paroli gegenüber institutionellen Anleger:innen und Pensionskassen bieten. 

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