Podium zum Stadtpräsidium

Wer wird Stapi? Zürich hat am Sonntagabend ein erstes Mal entschieden

Beim Tsüri-Event haben sich die vier Anwärter:innen für das Stadtpräsidium zu den wichtigsten Themen der Stadt gestritten – Verkehr und Wohnen. Doch auch persönliche Vorlieben für bestimmte Rap-Songs wurden dabei deutlich.

Alle vier Kandidierenden fürs Stapi-Amt
Sie alle wollen Corine Mauch beerben: Serap Kahriman, Raphael Golta, Përparim Avdili und Ueli Bamert. (Bild: Mai Hubacher)

Und dann konnte das Publikum darüber abstimmen, wer der oder die nächste Stadtpräsident:in von Zürich werden soll. Das Resultat dürfte nicht nur die gut 200 Anwesenden im Zürcher Kraftwerk, sondern auch die Podiumsgäst:innen überrascht haben.

Es ist Sonntagabend, draussen herrschen Minusgrade, doch der Januar-Blues ist einer neuen Dynamik gewichen: dem Wahlkampf. Nun, da es in die heisse Phase bis zum 8. März geht, hat Tsüri.ch zu einem Podium mit allen Kandidierenden für das Stadtpräsidium geladen – ganz ohne klassische Podiums-Elemente.

Ähnlich wie bei einem Boxkampf bahnten sich die Kandidierenden zu Beginn des Events einzeln ihren Weg durch die Menge auf die Bühne, begleitet von einem selbst gewählten Song. Dort hatten sie jeweils eine Minute Zeit, sich vorzustellen.

SVP-Mann lässt sich von «Still D.R.E» begleiten

Nach dem Alphabet gehend, kam FDP-Kandidat Përparim Avdili als erster zum Zug und lief mit «Ëine vo Ois» ein. Den Song hatte er extra für seinen Wahlkampf zusammen mit dem Schweizer Rapper EAZ produziert. In gefühlt doppelter Geschwindigkeit raste er daraufhin durch seine Herkunftsgeschichte und Parteiparolen, um mit dem Wunsch zu enden, dass Grossanlässe wie der ESC künftig wieder in Zürich statt in Basel stattfinden.

Ruhiger im Ton, dafür schärfer im Inhalt präsentierte sich SVP-Kandidat Ueli Bamert, aktuell Kantonsrat der rechtskonservativen Partei. Er sagte, die aktuelle Stadtregierung wolle die Bevölkerung «umerziehen», ausserdem sollen Demos nicht mehr «ausarten». Politisch widersprüchlich war sein Einlaufen. Bamert kam mit dem Rap-Song «Still D.R.E» auf die Bühne, in dem es unter anderem heisst: «Still not loving police». 

«Züri giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit.»

Raphael Golta, Sozialvorsteher und SP-Politiker

SP-Kandidat Raphael Golta spielte seine Rolle als amtierender Sozialvorsteher konsequent aus. Begleitet von Mani Matters «Dene wos guet geit» versprach er eine «ambitionierte Politik» im Stadtpräsidium und kündigte an, Menschen mit weniger Ressourcen ins Zentrum seiner Politik zu stellen. «Züri giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit», sagte Golta.

Serap Kahriman wiederum, die einzige Frau im Kandidierendenfeld, machte genau diesen Umstand zum Thema. Sie lief mit dem feministischen Song «FRAU» von Lara Hulo ein und erinnerte daran, dass es im Amt des Stadtpräsidiums mehr Männer mit dem Namen «Hans» gegeben habe als Frauen. Tatsächlich ist die abtretende Corine Mauch bis heute die einzige Frau an der Spitze der Stadt Zürich. Dagegen gab es 15 Stadtpräsidenten mit dem Vornamen «Hans».

«Mario Kart oder Mario Fehr, Herr Golta?»

Bevor es zum inhaltlich dichten Teil des Abends ging – den thematischen Duellen zwischen den Kandidierenden – mussten alle noch eine Runde Kurzfragen der Tsüri-Moderator:innen Simon Jacoby und Nina Graf beantworten. Ein kleines Best-of davon:

«Steuern erhöhen oder Sozialleistungen kürzen, Frau Kahriman?» Ihre Antwort fiel klar aus: Steuern erhöhen.

«Mario Kart oder Mario Fehr, Herr Golta?» Golta zögerte nicht: «Mario Kart».

«Olivenöl oder Erdöl, Herr Bamert?» – «Olivenöl».

Ueli Bamert, SVP-Kantonsrat und Lobbyist für die Ölbranche

«Olivenöl oder Erdöl?» Diese Frage ging an Ueli Bamert, der beruflich als Lobbyist für die Ölbranche tätig ist. Überraschend entschied er sich für: Olivenöl.

«UBS in Zürich oder Banken stärker regulieren, Herr Avdili?» Für ihn ist die Sache klar: UBS in Zürich.

Das Publikum quittierte die Antworten jeweils mit Gelächter, Applaus oder gedämpftem Murren. Diese aktive Beteiligung setzte sich im ersten Duell zwischen Kahriman und Bamert fort, das sich um den Verkehr in Zürich drehte – neben Wohnen eines der Themen, das die Zürcher:innen am meisten bewegt.

Tempo 30 scheidet die Geister

Auf die Frage, wie die Stadt ihre Bevölkerung besser vor Lärm schützen könne, antwortete Kahriman wie aus der Pistole geschossen: Es brauche mehr Tempo-30-Zonen. Die andere Option seien Lärmbeläge, doch die seien zu teuer. Dem stimmte Bamert zu: «Lärmbeläge sind nicht das Gelbe vom Ei.» Tempo 30 solle es allerdings nur in den Quartieren geben, nicht auf den Hauptverkehrsachsen.

«Autolärm macht Menschen krank.»

Serap Kahriman, GLP-Gemeinderätin

Wer dort wohne, müsse eben mehr Lärm in Kauf nehmen, erklärte Bamert. «Das war bei mir nicht anders.» Als Student habe er an der damals noch stark befahrenen Weststrasse gewohnt, doch habe ihn das nicht gestört. Kahriman entgegnete: «Autolärm macht Menschen krank», und dadurch würden auch die Gesundheitskosten steigen.

So kamen die beiden auf die Mobilitätsinitiative zu sprechen. Dass der Stadtrat beim Bundesgericht Beschwerde gegen den Kantonsratsbeschluss einreichen will, hält Kahriman für richtig: «Die Stadtbevölkerung hat dagegen gestimmt», sagt sie. Bamert ist anderer Meinung und sieht darin eine «Schikane der Autofahrer:innen».

«Zürich steht vor einem Scherbenhaufen»

Das zweite Duell lieferten sich Raphael Golta und Përparim Avdili zum Thema Wohnen. Der SP-Mann erklärte erst mal sein Rezept gegen die Wohnkrise: «Entweder wir kaufen Wohnraum und sorgen dafür, dass der neue Wohnraum bezahlbar ist, oder wir setzen Regeln fest, dass die Privaten nicht einfach renditeorientierte Wohnungen bauen können.»

Stapi-Event von Tsüri.ch im Kraftwerk
Das Publikum durfte zum Schluss der Veranstaltung über einen QR-Code den oder die «Stapi des Abends» wählen. (Bild: Mai Hubacher)

Doch das passte Avdili nicht. Nach 35 Jahren rotgrüner Politik stehe Zürich heute vor einem «Scherbenhaufen». Natürlich müsse man mehr Wohnraum schaffen, sagte er, doch dafür seien «schlaue Innenverdichtungen und Aufstockungen» nötig. Als Stadtpräsident wolle er alle grossen Immobilienakteure an einen Tisch holen und «ihnen klarmachen, dass sie Teil der Lösung sind».

Zudem müsse die Stadt sicherstellen, dass wirklich diejenigen in günstigen Wohnungen leben, die sie am dringendsten benötigen. Der Anteil von ausländischen Bewohner:innen in Wohnbaugenossenschaften sei deutlich geringer als gesamtgesellschaftlich – hier wirft Avdili der SP Klientelpolitik vor.

Golta wirkte sichtlich irritiert über diese Vorwürfe und wies sie entschieden zurück. Die Stadt nutze ihren Spielraum beim Kauf von Liegenschaften, sagte er. Zudem: «Es wohnen nicht die Falschen in den bezahlbaren Wohnungen, es braucht insgesamt einfach mehr.»

Kahriman überraschend dicht hinter Golta

In zwei weiteren Runden mussten sich die Anwärter:innen für das Stadtpräsidium den Fragen des Publikums sowie einzelner Kritiker:innen der politischen Gegenseite stellen. So konnten auch diejenigen, die sich bislang kaum mit den Profilen der Kandidierenden beschäftigt hatten, ein umfassendes Bild gewinnen.

Zum Schluss spiegelte sich dieses Bild auf einer grossen Leinwand über den Köpfen der Kandidierenden wider: Die 200 Anwesenden hatten über QR-Codes den «Stapi des Abends» gekürt.

Mit 49 Prozent sicherte sich Raphael Golta, schon länger als Kronfavorit gehandelt, die meisten Stimmen. Überraschend knapp auf Rang zwei landete Serap Kahriman mit 37 Prozent. Përparim Avdili erhielt 9 Prozent, Ueli Bamert 5 Prozent.

Da das absolute Mehr niemandem gelang, würde bei einem entsprechenden Wahlausgang im März ein zweiter Wahlgang zwischen Golta und Kahriman, den beiden linken Kandidat:innen, bevorstehen. Doch für diesen Abend war die Politik beiseitegeschoben, zum Abschluss gab es ein symbolisches Friedenszeichen: Tsüri-Socken für alle.

Raphael Golta, der Sieger des Abends
Er erhielt 49 Prozent aller Stimmen: SP-Politiker Raphael Golta. (Bild: Mai Hubacher)
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