Wahlen 2026

Stadtratswahlen Zürich: Viele Kandidierenden sind noch im Winterschlaf

Der Wahlkampf für die Wahlen im März sollte längst in vollem Gange sein – eigentlich. Ein Blick auf die Plakatwände und in die digitalen Kanäle zeigt jedoch: Viele neue und amtierende Kandidierende halten sich bisher zurück.

Wahlplakat Përparim Avdili
Schon bevor andere Kandidierenden um die Gunst der Wähler:innen weibelten, führte Avdili Fundraisingevents durch, ging mit Unternehmer:innen Mittagessen, hing Plakate auf und ist bis jetzt mit seinen Videos auf Social Media kaum zu übersehen. (Bild: Jenny Bargetzi)

Die heisse Phase rückt näher. Bald treffen die Stimmcouverts in den Zürcher Briefkästen ein, am 8. März ist Wahltag. Dann entscheidet sich unter anderem, wer einen Sitz in der Regierung erhält und wer die Stadt nach aussen hin als oberste politische Figur vertritt.

Doch wer dieser Tage durch Zürich spaziert oder durch soziale Netzwerke scrollt, stellt fest: Der Wahlkampf der Kandidierenden, denen realistische Wahlchancen zugerechnet werden, ist kaum sichtbar. «Man sieht kaum Werbung, vor allem wenige Plakate», sagt Oliver Strijbis, Professor für Politikwissenschaft an der Franklin University Switzerland. Auch online fehle es bisher an einer offensiven Mobilisierung, sagt Strijbis. Das sei ungewöhnlich. Früh wahrnehmbar sei vor allem eine Partei gewesen: die FDP. «Sie hat bereits im Herbst mit dem Wahlkampf begonnen. Von den grossen linken Parteien sieht man bislang wenig.»

Eine Ausnahme: Përparim Avdili.

Avdili setzt auf maximale Sichtbarkeit

Er kandidiert für die FDP für das Stadtpräsidium und damit automatisch für einen Sitz im Stadtrat. Bereits vor der Jahreswende blickte er von Plakaten den Passant:innen entgegen. Inzwischen fährt ein pink gebrandeter Van durch die Stadt, zuletzt veröffentlichte Avdili sogar einen Song zur eigenen Kampagne. Dazu sagt er: «Mir ist wichtig, dass mein Wahlkampf auch unterhaltsam ist – Politkommunikation muss sich nicht immer auf Plakate und Flyer beschränken.»

Der Aufwand ist beträchtlich und kostspielig. Wie viel genau, sagt Avdili nicht. Klar ist jedoch: Sein Budget liegt über jenem seines Konkurrenten Raphael Golta, der rund 80’000 Franken einsetzt. Avdili selbst trägt etwa 30’000 Franken bei, der Rest stammt laut eigenen Angaben aus Spenden.

Und das alles, obwohl Avdili als Herausforderer auf das Stadtpräsidium nur geringe Wahlchancen eingeräumt werden. 

«Man wird gewählt, weil man bekannt ist.»

Oliver Strijbis, Professor für Politikwissenschaft an der Franklin University Switzerland

Laut Politikwissenschaftler Strijbis ist das dennoch eine nachvollziehbare Strategie. «Avdili ist bislang der Einzige, dem es gelungen ist, systematisch Aufmerksamkeit zu erzeugen – nicht nur über Werbung, sondern über Provokation und damit über die Medien.» Genau das sei entscheidend. «Die Medien sind der grosse Multiplikator. Wenn über Plakate berichtet wird, ist das wirksamer, als die Stadt einfach vollzupflastern.»

Die Öffentlichkeit sei bei Lokalwahlen zentral. Strijbis sagt: «Man wird gewählt, weil man bekannt ist.»

SP und Grüne nehmen geringe Sichtbarkeit in Kauf

Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgen SP und Grüne. Beide Parteien verzichten bislang weitgehend auf die Präsenz in den Medien und konzentrieren ihre Werbung stattdessen auf einen bestimmten Zeitpunkt. «Wir starten Online-Werbung erst in ein bis zwei Wochen, um unsere begrenzten Mittel gezielt einzusetzen», sagt Tobias Langenegger, Kantonsrat und Stadtratskandidat der SP. Diese Strategie gelte für alle Kandidierenden der Partei, auch für Céline Widmer und die amtierende Stadträtin Simone Brander.

Die SP investiere für die Gemeinderats- und Stadtratswahlen zusammen rund 400'000 Franken, erklärt Langenegger. Ergänzt werde das Budget durch Mitgliederbeiträge und Spenden von Sympathisant:innen.

Der Plan lautet: Sichtbarkeit dort aufbauen, wo sie am meisten Wirkung entfalten soll – rund um den Versand der Wahlunterlagen. Dann sollen Online-Werbung, Plakate, Veranstaltungen sowie Telefon- und Flyeraktionen folgen.

Eine ähnliche Strategie verfolgen die Grünen. Zwar ist Stadtratskandidat Balthasar Glättli digital präsent, doch seine Aktivitäten beziehen sich vor allem auf laufende Abstimmungen, weniger auf die Wahlen im März, wie ein Blick in die Meta Ad Library zeigt. Auch das sei kein Zufall, sagt Eticus Rozas, Co-Präsident der Grünen Stadt Zürich, sondern eine Frage des Timings und des Geldes. Rozas sagt: «Wir sind nicht wie die FDP.» Das Budget für die Stadtratswahlen der Grünen beträgt insgesamt rund 120’000 Franken, die Kandidierenden tragen etwa die Hälfte selbst bei.

Aufwendige und kostspielige Aktionen wie bei Avdili hält Rozas für wenig wirksam. «Wenn man weniger Geld hat, konzentriert man sich auf das, was einen Effekt hat.» Für die Grünen bedeutet das vor allem: die eigene Basis mobilisieren, etwa über Standaktionen, persönliche Kontakte oder Anlässe wie eine Weindegustation.

Die Mobilisierung der Basis sei zentral, bestätigt Strijbis. Allerdings warnt er davor, diese ausschliesslich im Stillen zu betreiben. «Basisaktivierung kann auch über Zuspitzung, Provokation oder klare thematische Konflikte entstehen – und das oft ohne grosses Budget.»

Eine solche Gelegenheit hätte sich den Grünen zuletzt durchaus geboten, sagt Strijbis. Im November kündigte FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh an, die Mobilitätsinitiative rasch umzusetzen und bestehende Tempo-30-Strecken unter Umständen rückgängig zu machen. «Die Grünen hätten noch lauter darauf reagieren und ihre Position öffentlich medienwirksam kommunizieren müssen», sagt Strijbis. «Dafür braucht es keine Plakate, sondern klare Forderungen und mediale Präsenz.»

Bislang sei davon wenig zu sehen gewesen.

Der Vorteil der Grünen: die Bekanntheit der einzelnen Persönlichkeiten. Die amtierenden Stadträt:innen Karin Rykart und Daniel Leupi haben bereits ein Stadtratsamt inne. Glättli ist Nationalrat, war Präsident der Grünen Schweiz und dadurch weit über Zürich hinaus bekannt, doch einen Amtsinhaberbonus besitzt er nicht. Seine Ausgangslage lasse sich daher schwerer einschätzen, sagt Strijbis.

Wer sich zeigt, wird wahrgenommen

Von den sechs amtierenden Stadträt:innen schalten drei inzwischen Online-Werbung: Andreas Hauri (GLP), Michael Baumer (FDP) und Raphael Golta (SP), der ebenfalls als Stadtratspräsident kandidiert.

Hauri setzt gezielt auf digitale Präsenz und direkten Austausch. «Viele schreiben mich direkt an, stellen Fragen oder bringen Anliegen ein», sagt er. Plakate nutze er gezielt. Politik entstehe für ihn primär im Gespräch, nicht über Inszenierung.

FDP-Stadtrat Michael Baumer verfolgt eine langfristig geplante Kampagne. Vorbereitet wurde sie bereits im letzten Frühjahr, online präsent ist Baumer seit Herbst 2025. Digitale Werbung ermögliche es, verschiedene Zielgruppen gezielt anzusprechen, erklärt Baumer, ergänzt durch klassische Mittel und mediale Sichtbarkeit aus dem Amt.

Die übrigen wieder antretenden Stadträt:innen Simone Brander, Karin Rykart und Daniel Leupi, setzen wie ihre Parteien auf den richtigen Zeitpunkt. Bei den Grünen läuft der Wahlkampf über ein Dreierticket, Plakate und Wahlzeitung zeigen alle drei Kandidierenden gleichermassen. Mobilisierung und Präsenz auf der Strasse stünden im Vordergrund, Werbung im Netz spiele vor allem im Listenwahlkampf, zum Beispiel für die Gemeinderatswahlen, eine Rolle.

Wie wirksam welche Form von Wahlwerbung tatsächlich ist, sei schwer zu erforschen, sagt Strijbis. «Der Hype um gezieltes Online-Targeting, das Werbung gezielt an bestimmte Personen oder Gruppen ausgespielt wird, ist vorbei. Es gibt kaum wissenschaftliche Evidenz, dass Wahlwerbung – egal in welchem Format – zuverlässig wirkt.» Sicher sei nur eines: Wer es an die Öffentlichkeit schafft, wird wahrgenommen.

Und bislang, sagt Strijbis, habe das erst einer geschafft: Përparim Avdili.

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jenny

Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.

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