Ökonomin klärt auf

Warum Frauen den Fachkräftemangel in Zürich nicht beheben können

Der Kanton Zürich steuert auf einen massiven Fachkräftemangel zu. Die Neue Zürcher Zeitung zieht daraus einen klaren Schluss: Frauen könnten das Problem entschärfen – wenn sie denn wollten. Eine Ökonomin widerspricht.

Ökonomin Ana Costa-Ramón von der Universität Zürich
Ana Costa-Ramón ist Assistenzprofessorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich. (Bild: Privat)

Die Pflegebranche spürt die Auswirkungen des Fachkräftemangels in Zürich bereits heute. Spitäler, Pflegeheime und Spitex-Organisationen berichten seit Jahren über zu wenig Personal. Die Folge: lange Schichten, schlechte Löhne und immer mehr Fachkräfte, die den Job verlassen.

Dieses Problem droht auch anderen Branchen. Bis 2050 könnten in Zürich bis zu 300’000 Arbeitskräfte fehlen. Gleichzeitig werden das Renten- und Gesundheitssystem immer teurer. Damit bedroht der Fachkräftemangel das gesamte Zürcher Wirtschaftswachstum.

Das kantonale Amt für Wirtschaft hat in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Deloitte mögliche Massnahmen untersucht. Gemäss der Studie gibt es drei Hebel: Zum einen die Erhöhung der Arbeitsintensität. Mehr Menschen sollen mehr und länger arbeiten. Zum anderen soll die Produktivität etwa durch künstliche Intelligenz gesteigert werden.

Als dritter Hebel nennt die Studie eine Verjüngung der Gesellschaft – etwa durch Zuwanderung aus Drittstaaten oder eine höhere Geburtenrate. Wobei letztere Ansätze politisch und wirtschaftlich umstritten sind.

NZZ sieht Verantwortung bei den Frauen

Die Untersuchung zeigt auch: Ein beachtlicher Teil der Mütter ist in einem Teilzeitpensum oder gar nicht erwerbstätig. Eine Massnahme, um ihre Erwerbstätigkeit zu erhöhen, ist die Subventionierung von Kita-Plätzen. Doch diese hat laut Studie nur einen kleinen Effekt auf die Arbeitstätigkeit von Müttern.

Als Reaktion darauf rückt die Neue Zürcher Zeitung die Verantwortung der Frauen ins Zentrum: «Die Frauen könnten einen grösseren Beitrag leisten als heute – wenn sie denn wollten», schreibt die Zeitung. Deshalb müssten Frauen überzeugt werden, ihr Pensum zu erhöhen oder nach der Geburt der Kinder wieder in den Job einzusteigen.

Die Geburtenrate sinkt und die Kita-Subventionierung hilft nichts – oder wie es die NZZ formuliert: «Wenn weder die Frauen ihre Pensen erhöhen wollen, noch mehr Babys zur Welt kommen, muss der Kanton Zürich nach anderen Optionen suchen.»

Tatsächlich ist die Erwerbsquote von Frauen im Kanton Zürich deutlich tiefer als jene der Männer. Mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen arbeiten in einem Vollzeitpensum. Fehlt es den Frauen also einfach an Willen, das Zürcher Wirtschaftswachstum zu retten?

Väter als Teil der Lösung

Die Frage sei wesentlich komplexer, sagt Ana Costa-Ramón, Ökonomin an der Universität Zürich. «Die Erwerbstätigkeit von Frauen spiegelt Einschränkungen, Anreize und vor allem soziale Normen wider, nicht nur die Motivation», so Costa-Ramón.

Die oft zitierte Aussage, wonach subventionierte Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit von Müttern kaum erhöhe, greife zu kurz, sagt sie: «Wenn Kinderbetreuung fragmentiert ist, keine ganzen Arbeitstage abdeckt, Schulferien ausschliesst oder unzuverlässig ist, können viele Mütter ihr Pensum auch bei subventionierten Angeboten nicht erhöhen.»

«Es braucht Veränderungen, die Geschlechterunterschiede langfristig und nachhaltig verringern können.»

Ana Costa-Ramón, Ökonomin an der Universität Zürich

Statt nur die Frauen in die Pflicht zu nehmen, müsste man auch gezielt bei Vätern ansetzen. Als Beispiel nennt die Wissenschaftlerin Spanien: Dort wurde der bezahlte Vaterschaftsurlaub zwischen 2007 und 2021 schrittweise ausgebaut und schliesslich dem Mutterschaftsurlaub gleichgestellt.

Dabei zeige sich, dass Väter immer mehr Vaterschaftsurlaub in Anspruch nehmen. Zudem hätten sich auch die Einstellungen zu Geschlechterrollen bei Kindern und Jugendlichen verändert. «Die Politik kann damit soziale Normen über Generationen hinweg prägen», erklärt Costa-Ramón.

Die grössten Chancen liegen somit nicht im direkten Anstieg der Erwerbstätigkeit von Müttern. Stattdessen müsse ein schrittweiser Wandel der Erwartungen an Sorgearbeit und bezahlte Erwerbsarbeit erreicht werden, sagt Costa-Ramón: «Veränderungen, die Geschlechterunterschiede langfristig und nachhaltig verringern können.»

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yann

Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.

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