Ein Zürcher Sportverein hilft Geflüchteten bei der Integration

Sport ist gesund und verbindet. Doch als geflüchtete Person, Teil eines Sportvereins zu werden, gestaltet sich oft schwierig. Ein Zürcher Verein spricht deshalb explizit auch Geflüchtete und Expats an.

Sportegration
Viele der Angebote von Sportegration finden unter freiem Himmel statt – auch auf finanziellen Gründen. (Quelle: Nils Wenzler)

«Es geht nicht um den Sport an sich. Es geht darum, zusammen Sport zu machen.» Salome Higi sitzt auf einer Bank im Quartierpark Schütze. Hinten auf der Wiese läuft eine Gruppe Jogger:innen hin und her, macht Aufwärmübungen. Es ist einer der ersten Hitzetage – und trotzdem fanden sich an diesem Abend im Juni knapp zehn Personen ein, um gemeinsam rennen zu gehen. Organisiert wurde das Treffen von Sportegration. Das Projekt aus Zürich will Menschen zusammenbringen und dadurch Geflüchteten und Expats helfen, neue Kontakte zu knüpfen. 

Integration durch Sport: Higi ist überzeugt, dass das funktioniert. Die Zürcherin stiess 2020 zum Verein und leitet seither jeden zweiten Freitagabend einen Kurs mit Kraftübungen. Freiwillig und unentgeltlich, versteht sich.

Sie würde es sich nicht anders wünschen: «Dadurch bin ich niemandem etwas schuldig, entweder gefällt den Teilnehmenden das Training bei mir oder sie besuchen halt nächstes Mal wieder einen anderen Kurs», so Higi. Sie nehme es nicht persönlich, wenn mal nur eine Handvoll käme. Schliesslich trainiert man bei ihr unter freiem Himmel – auch im Winter.

Angebot wächst seit 2016

Insgesamt bietet Sportegration 54 kostenlose Sportkurse in den Kantonen Bern, Basel und Zürich an. Darunter Schwimmen, Pilates oder Basketball. Besonders beliebt sei Fussball, sagt die Co-Geschäftsleiterin Aybüke Yildirim. Deshalb wurde das Angebot dieses Jahr ausgebaut. «Wir versuchen, wann immer möglich, unsere Kurse den Wünschen der Teilnehmenden anzupassen», so Yildirim. Dies sei jedoch nur durch den Einsatz der über 180 Freiwilligen möglich. 

«Wir sehen jeden Tag, wie wertvoll unsere Arbeit für Menschen mit Fluchterfahrung ist.» 

Aybüke Yildirim, Co-Geschäftsleiterin

Seit der Gründung wird der Verein ehrenamtlich geführt. Als 2015/16 viele Asylsuchende in die Schweiz kamen, bot die Juristin Annina Largo in ihrer Freizeit Fitboxing-Kurse für Geflüchtete an – und stiess dabei auf eine grosse Nachfrage. Seither konnte sich das einstige Ein-Frau-Projekt Jahr für Jahr professionalisieren.

Trotzdem fliessen auch heute noch viele Arbeitsstunden in das Fundraising, sagt Aybüke Yildirim. Man sei auf die Unterstützung von Sponsor:innen und Stiftungen angewiesen. Dabei steht für Yildirim fest: «Wir sehen jeden Tag, wie wertvoll unsere Arbeit für Menschen mit Fluchterfahrung ist.» 

Sport als Türöffner

Auch an jenem Abend im Juni rennen zwei grossgewachsene Männer über die Wiese im Park. Beide leben in einer Notunterkunft im Zürcher Umland und nehmen die 20-minütige Anreise mit dem Zug gerne in Kauf, um am Running-Kurs teilnehmen zu können.

Für sie bedeutet die Zeit mit Sportegration auch, die Sorgen über ihre Zukunft kurz vergessen zu können und Teil eines Teams zu sein: «Mein Leben hat sich in verschiedener Hinsicht verändert. Ich fühle mich stark und habe auch neue Freunde gefunden», sagt einer der beiden in gebrochenem Englisch, bevor sich die Gruppe auf den Weg Richtung Escher-Wyss-Platz macht.

Sportegration
Wie das Training genau aussehen soll, entscheiden in der Regel die Freiwilligen selbst. (Quelle: Nils Wenzler)

Die Sprache ist hier zweitrangig. Der Fokus liegt auf anderen Dingen. Genau deshalb eigne sich Sport als Integrationsmittel so gut, erklärt der Sportwissenschaftler Matthias Buser von der Universität Bern: «Bei sportlichen Aktivitäten sind andere Kompetenzen gefragt als die verbale Kommunikation – zum Beispiel, wie geschickt man mit einem Ball umgehen kann oder wie stark man ist.» Ausserdem falle es einem in der Regel leichter, durch ein gemeinsames Ziel miteinander in Kontakt zu kommen. 

Wenn sich die Teilnehmenden untereinander vernetzen, freut sich Aybüke Yildirim besonders. Sie erzählt von einem jungen Geflüchteten, der durch Sportegration einen Ausbildungsplatz fand oder zweien, die sich beim Schwitzen verliebt haben und nun heiraten werden. Es sind solche Geschichten, die für das Projekt sprechen. 

Alles ist politisch

Doch weshalb braucht es einen Verein, der explizit auch Geflüchtete anspricht? «Sportvereine gibt es meist schon seit vielen Jahrzehnten. Entsprechend eingeschworen kann die Gemeinschaft sein», sagt Buser. Das erschwere Menschen mit Migrationsgeschichte den Zugang. Hinzu käme der Mitgliedsbeitrag, den sich längst nicht alle leisten können. Kurz gesagt: «Der grösste Teil des Sportangebots ist nicht niederschwellig genug, um alle Menschen unserer Gesellschaft gleichermassen anzusprechen.» 

«Idealerweise ist der eigene Verein ein Safe Space. Nur so kann Sport als Integrationshilfe sein Potenzial entfalten.»

Matthias Buser, Sportwissenschaftler

Dass dies so sei, habe aber nicht zwingend mit dem fehlenden Willen in den Vereinen zu tun, so Buser. «In unseren Umfragen zeigten sich viele Fussballvereine grundsätzlich offen, auch migrierte Personen aufzunehmen.» Das Problem liegt ihm zufolge eher darin, dass sie das Thema nicht aktiv angehen; sich diesbezüglich keine Ziele setzen und deshalb kaum Kompetenzen bezüglich sozialer Integration mitbringen.

Tief sitzende Vorurteile erschweren die Zusammenarbeit zusätzlich: «Rassismus ist wie in allen gesellschaftlichen Bereichen leider auch im Breitensport ein grosses Thema.» Das hätten auch die befragten Fussballer:innen in Busers Studie kundgetan. Schiedsrichter, die unfair entscheiden oder Gegner:innen, die sich rassistisch äussern, seien keine Seltenheit. «Idealerweise ist der eigene Verein ein Safe Space», so der Sportwissenschaftler, «nur so kann Sport als Integrationshilfe sein Potenzial entfalten».

Ein sicherer Raum, das wollen Aybüke Yildirim und Salome Higi den Teilnehmenden bei Sportegration bieten. «Wenn wir zusammen schwitzen, ist es egal, woher du kommst, welche Sprache du sprichst oder was du beruflich machst. Sport ist das, was uns in diesem Moment verbindet – der Rest kommt von selbst», sagt Higi.

Sport verbindet auf der ganzen Welt. Am Sonntag, 30. Juni 2024, organisiert Tsüri.ch zusammen der Asyl-Organisation Zürich im Rahmen des Fokusmonats zum Thema Fluchtmigration ein Cricket-Schnuppertraining. Hier findest du mehr Infos.

Fokus: Fluchtmigration

Das Thema Fluchtmigration ist allgegenwärtig, heiss diskutiert und polarisiert. Doch Berührungspunkte mit Betroffenen sind rar und oft begegnen wir geflüchteten Menschen mit Vorurteilen. Dem geht nebst den fehlenden Begegnungsräumen oft mangelndes Wissen voraus.

Tsüri.ch setzt sich deswegen für einen Monat intensiv mit dem Thema Fluchtmigration auseinander; mit Workshops, Diskussionen, Spaziergängen, Sportveranstaltungen und mehreren redaktionellen Beiträgen.

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