Angelica Eichenberger (SP): «Die Abwahl von Blocher hat mich politisiert»

Seit fünf Jahren sitzt Angelica Eichenberger im Gemeinderat der Wahlkreise 7 und 8. Politisiert wurde sie nicht durch ihr Elternhaus, sondern durch einen historischen Moment in der Schweizer Politik.

Angelica Eichenberger
Angelica Eichenberger rückt 2020 für Jean-Daniel Strub in den Gemeinderat nach. (Bild: Sophie Wagner / Tsüri.ch)

«Ich probiere es einfach mal aus», lautete der spontane Entscheid von Angelica Eichenberger, als 2020 ihr Handy klingelte, weil die Zürcher SP noch dringend Listenfüller:innen benötigte. Nun ist Eichenberger seit fünf Jahren als Gemeinderätin für die Wahlkreise 7 und 8 aktiv.

Angelica Eichenberger ist in Zürich aufgewachsen. Dass ihre Eltern bereits in der SP aktiv waren, sei aber nicht der Grund für ihr politisches Engagement gewesen, sagt sie. Vielmehr sei es die Bundesratswahl im Jahr 2007 gewesen, bei der Christoph Blocher überraschend abgewählt wurde. Eichenberger habe das TV-Debakel selbst mitverfolgt, als sie noch das Gymnasium besuchte, erzählt sie. «Während der Pause hatten wir Bildschirme aufgestellt, um nichts zu verpassen. Das war der Moment, in dem mein Interesse für Politik geweckt wurde.»

Auf die Frage, ob die SP-Gemeinderätin jemals in Erwägung gezogen habe, einer anderen Partei beizutreten, antwortet sie entschieden mit: «Nein». Bereits mit 15 Jahren trat Eichenberger der JUSO bei, und für sie ist die SP die Partei, die ihre Ansichten und Werte am treffendsten vertritt.

Als Raumplanerin in der Politik 

Angelica Eichenberger hat an der ETH Zürich Umweltingenieurwissenschaften studiert und einen Master in Raumentwicklung und Infrastruktursysteme abgeschlossen. Als Gemeinderätin war Eichenberger zunächst in der Geschäftsprüfungskommission (GPK) tätig, mittlerweile arbeitet sie im Hochbaudepartement als berufliche Raumplanerin, weil sie dort «am meisten bewirken kann».

Kurz vor dem Ende ihrer ersten Legislaturperiode betont Eichenberger, dass es mindestens sechs Jahre brauche, um die komplexen Abläufe vollständig zu verstehen. «Deshalb kandidiere ich nächstes Jahr nochmals», erklärt sie. In einer zweiten Amtszeit sei es einfacher, Themen durchzusetzen, da man inzwischen gelernt habe, wie Prozesse angestossen und vorangetrieben werden können.

Eichenbergers Vorbild sei Ihre Berner Parteikollegin Tamara Funiciello: «Ich finde Tamara Funiciello eine mega lässige Person und rhetorisch sehr interessant». Sie höre der SP-Nationalrätin gerne zu und sei selbst auch schon bei einer Live-Podcast-Aufnahme dabei gewesen.

Sophie Wagner: Warum sind Sie Gemeinderätin geworden?

Angelica Eichenberger: Das war tatsächlich eine eher spontane Aktion. Am Tag meiner letzten Maturaprüfung brauchte die SP 7 und 8 noch Listenfüller:innen. Ich wurde angerufen und gefragt, ob ich als Kandidatin antreten und somit auch der SP beitreten möchte. Ich hatte Zeit und Lust auf etwas Neues und dachte mir, warum eigentlich nicht.

Welches Abstimmungsergebnis im Rat hat Sie am meisten gefreut?

Sehr gefreut hat mich der Vorstoss, den ich im Bereich Gratis-Menstruationsartikel in den Stadtzürcher Schulen eingereicht hatte. Er wurde nach der Überweisung verhältnismässig schnell umgesetzt. Aber auch grössere Stadtentwicklungsprojekte sind mir wichtig, zum Beispiel das Wohnbauprojekt Harsplen in Witikon, das die Stadt Zürich übernommen hat.

Wofür kennt man Sie im Rat – auch ausserhalb Ihrer Partei?

Vielleicht dafür, dass ich nicht allzu viele Voten halte, sondern mich darauf konzentriere, gezielt dort anzusetzen, wo ich wirklich etwas bewegen kann.

Haben Sie den Eindruck, dass nicht alle im Rat diese Herangehensweise teilen?

Definitiv! Es gibt, egal in welcher Partei, einige Kandidat:innen, die viel reden, ohne etwas zu sagen. Doch natürlich gibt es Themen, bei denen man emotional sein darf und dabei kann es durchaus vorkommen, dass dabei ein Votum etwas ausufert, um es dann auf Umwegen auf den Punkt zu bringen.

Wo ziehen Sie Ihre emotionale Grenze?

Es wird viel unter der Gürtellinie diskutiert mit rassistischen, homophoben, transfeindlichen Aussagen. Da muss man mal durch den Saal schreien und klarmachen, dass solche Äusserungen nicht in Ordnung sind. Ich finde, man kann anderer politischer Meinung sein, aber man sollte trotzdem fair und respektvoll mit und über andere Menschen reden.

Ist die Politik in Zürich zugänglich?

Ich finde, dass sich vor allem junge Menschen, gerade junge Frauen, früh einen Zugang zu Politik verschaffen. Ich gehe einmal im Jahr in mein altes Realgymnasium Rämibühl, wo sie gesellschaftspolitische Wochen organisieren. Die Schüler:innen im Alter von etwa 17 Jahren sind im Vergleich zu früher fast alle politisch interessiert – es gibt aber natürlich Ausnahmen. Auch der Altersdurchschnitt des Gemeinderats ist seit meinem Eintritt deutlich jünger geworden. Bereits 18-Jährige rutschen in den Gemeinderat nach oder werden gewählt. Das ist eine sehr tolle Entwicklung.

Mit welcher Gemeinderätin oder welchem Gemeinderat der politischen Gegenseite würden Sie gerne ein Getränk nach Wahl trinken?

Ich hatte schon lange keine Zeit mehr, mit Selina Frey von der GLP zu reden. Selbst wenn wir nicht in der gleichen Partei sind, können wir uns bei einem Bier sehr gut unterhalten. Nicht nur über politische Themen, sondern auch über private.

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Sophie Wagner

Ausbildung als Polygrafin EFZ an der Schule für Gestaltung in Bern und aktuelle Studentin Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus an der ZHAW Winterthur. Einstieg in den Journalismus als Abenddienstmitarbeiterin am Newsdesk vom Tages-Anzeiger, als Praktikantin bei Monopol in Berlin und als freie Autorin beim Winterthurer Kulturmagazin Coucou. Seit März 2025 als Praktikantin bei Tsüri.ch

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