Stadt entsteht im Widerspruch

Architekt:innen, Urbanist:innen und Aktivisit:innen finden in Zürich immer öfter zusammen und stossen wohnpolitische Debatten an und entwickeln Ideen für die Zukunft unserer Stadt. Wer profitiert von ihrem Engagement? Unsere ZAS*-Kolumnist:innen ordnen ein.

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Mit dieser Postkarte wirbt die Stadt für mehr Partizipation der Bevölkerung. (Quelle: Stadt Zürich)

Letzten Monat präsentierten die Initiant:innen des ‹Crowdplanning für ein grünes Zürich› die gesammelten Ideen zur schnellen Begrünung der Stadt. Anfang Oktober machte die Arbeitsgruppe ‹Josef will wohnen› mit ihrer Forderung nach 500 gemeinnützigen Wohnungen auf dem Josef-Areal auf sich aufmerksam. Als ZAS* organisierten wir mit dem Ideenwettbewerb für das ‹Stadthotel Triemli› letztes Jahr selbst einen solchen Planungsprozess. Und auch für den Ersatzneubau der Wohnsiedlung Bergacker versuchte eine disziplin- und generationenübergreifende Gruppe mit dem ‹Beispiel Bergacker› eine Alternative zum Abriss und Neubau zu formulieren. Das Schlagwort, das alle Initiativen verbindet: ‹Dringlichkeit›.

Wie kommt es zu diesen Planungsprozessen? Was zeigen sie? Wo führen sie hin? Und wie unterscheiden sie sich von offiziellen Planungen der Stadt, die mittels Partizipation und Mitwirkung vorgehen? Wir unternehmen hier den Versuch, einige Gedanken dazu festzuhalten.

Wer stellt die Fragen?

Abendveranstaltungen zu Zürichs Stadtplanung gibt es zurzeit in dichten Abständen. Einmal ins Rollen gebracht, suchen selbstinitiierte Planungsprozesse die Öffentlichkeit – früh müssen diese öffentlich werden, ansonsten überleben sie nicht. So organisierte etwa die Zeitschrift Hochparterre am 12. Oktober eine Podiumsdiskussion zum Thema ‹Wohnen auf dem Josef-Areal› – von der Stadt nahmen keine Vertreter:innen teil. Dafür hielt die Stadt Zürich am keine zwei Wochen später eine bereits geplante Dialogveranstaltung zum Areal ab. Die thematische Setzung und Benennung der Veranstaltungen gibt einen Hinweis darauf, was das erklärte Ziel ist und worin die Intentionen liegen.

«Selbstinitiierte Planungsprozesse stellen die relevanten Fragen ungefragt – das ist zumindest die Behauptung und ein grundlegender Unterschied zu städtischen Planungen.»

ZAS*

Die Titel der städtischen Veranstaltungen und Prozesse spiegeln den Grad der Einflussmöglichkeiten der Bevölkerung wider. Sie variieren zwischen Informieren, Befragen, Dialog, Partizipation und Mitwirkung – Begriffe, die verschieden ausgelegt werden können. In der Praxis sind sie meist geprägt von einem vordefinierten Handlungsfeld der Bewohner:innen innerhalb grosser Planungen und laufender Projekte. Werden Bewohner:innen als Ressource genutzt, um über eine Befragung offene Fragen zu klären, so ist der Grad der Mitwirkung eher niedrig. Werden Bewohner:innen lediglich über eine Planung informiert oder wird ihnen nur die Möglichkeit angeboten, Fragen stellen zu können, so ist der Mitwirkungsgrad noch kleiner.

«Die Zusammenarbeit mit Direktbetroffenen, also Bewohner:innen, kann die Effizienz und Effektivität des staatlichen Handelns erheblich steigern», steht in der Checkliste für Mitwirkungs- und Beteiligungsprozesse der Stadt Zürich. Doch für grundsätzliche Fragen zu Raumprogramm, Ausnützung und Freiflächen ist es oft zu spät, weil ein Grossteil zu diesem Zeitpunkt bereits durch politische Instrumente oder «übergeordnete» Interessen definiert ist.

Selbstinitiierte Planungsprozesse stellen die relevanten Fragen ungefragt – das ist zumindest die Behauptung und ein grundlegender Unterschied zu städtischen Planungen. Planer:innen und Stadtbewohner:innen möchten damit grundlegende Fragen stellen, welche die grossen Planungsprojekte potenziell ins Wanken bringen und oft ausserhalb von laufenden Projekten stehen. Die Fragen werden von den Beteiligten im Planungsprozess selbst erarbeitet und anhand konkreter Projekte geschärft, die wiederum der Öffentlichkeit unterbreitet werden. Dabei geht es nicht primär um eine Kritik an den offiziellen Planungen der Stadt, sondern um das Ausarbeiten proaktiver Vorschläge. Das Projekt für das Josef-Areal ist ein solcher Vorschlag, denn die Stadt Zürich benötigt dringend mehr gemeinnützigen Wohnraum. Alles, was es dazu braucht, ist eine Zonenänderung.

Auch beim ‹Crowdplanning für ein grünes Zürich› wurden grundlegende Fragen gestellt: «Wo ist Grund vorhanden, aus dem etwas wachsen kann? Wo besteht der grösste Handlungsbedarf?» Die Hoffnung: Dass eine Stadt, die aus gemeinsamen Zielen erwächst, vielleicht auch einmal gemeinsame Räume hat.

Wer arbeitet?

Die genannten Beispiele zeigen eine weitere Kluft: jene zwischen gefragter (bezahlter) und ungefragter (unbezahlter) Arbeit. Im Falle des Crowdplanning leisteten die beteiligten Planer:innen bereits 2512 Planungsstunden. Mit einem Stundenansatz von 135 Franken nach SIA entspricht das einem (ungefragten und unbezahlten) Planungsaufwand von 369'833.95 Franken inkl. MWST, die Arbeit der Initiant:innen mit eingerechnet.

Die Vertreterinnen von Tiefbauamt und Grün Stadt Zürich, die letzten Montag im ZAZ eine Replik auf das Crowdplanning vorstellten, scheinen diese Leistung aber nicht einmal als Geschenk entgegennehmen zu wollen. Als machbar beurteilten sie nur die Ideen mit dem geringsten Aufwand. Dabei täte die Stadt Zürich gut daran, umfassend von der geleisteten Arbeit zu profitieren. Bei selbstinitiierten Planungen stellt sich früher oder später die Frage, wie die Stadt von den eingereichten Ideen lernen, diese weiter verfolgen und entsprechend entschädigen kann.

Als ZAS* wissen wir, dass diese Stunden ungefragter Arbeit nicht ausschliesslich ausserhalb der regulären Arbeitszeit, die in der Schweiz nach wie vor bei 8.5 Stunden pro Tag liegt, sondern auch innerhalb dieser geleistet wird, beziehungsweise wir einen Teil unserer Arbeitszeit (fünf Prozent) dafür investieren. Wir verstehen das als Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Planer:innen.

Im Gegensatz dazu werden Stadtbewohner:innen meist in Abendveranstaltungen ausserhalb der Arbeitszeit nach ihrer Meinung gefragt, nicht jedoch in die Ausarbeitung von Planungen mit einbezogen, obwohl gerade in frühen Planungsphasen kaum Fachwissen erfordert wäre. Die Partizipation bleibt auf einer freiwilligen Ebene, auf der sich nur wenig Verantwortung entwickeln kann und die nicht direkt als Arbeit begriffen und auch nicht entlohnt wird. Könnten die selbstinitiierten Planungsprozesse und das Einbinden der Bevölkerung stattdessen auch als Ausgangspunkt für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel verstanden werden? Einer, in dem das Mitgestalten der Stadt entlohnt wird?

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Damit Zürich sich entwickeln kann, braucht es Bewohner:innen, die sich einbringen. Doch meist bleibt deren Engagement unentlöhnt. (Quelle: Nora Ramstein)

Stellen wir uns kurz vor: Auf das ‹Crowdplanning› folgt ein ‹Crowdvoting› und dann die ‹Crowdwork›. Da Grün Stadt Zürich zu wenig Gärtner:innen findet, helfen die Stadtbewohner:innen mit, die Vorschläge zu realisieren. Wer will, gärtnert und schaufelt mit. Wir reissen gemeinsam Asphalt und Pflasterung auf, auf Verkehrsinseln entstehen Beete und kleine Felder. Jede:r pflanzt einen Baum, bis das Stadtklima kühler ist – Utopie oder Dystopie?

Wann übernimmt die Stadt?

Gleichzeitig ist die Stadt, wie wir sie verstehen, keine Ansammlung von Partikularinteressen, die einer vermeintlich gemeinsamen Idee folgen. Selbstinitiierte Projekte, die zu lange in ihrem Ursprungsstadium verharren und nicht von der Stadtplanung übernommen werden, laufen nicht nur ins Leere, sondern garantieren auch keinen wirklichen Gemeinsinn. Mit Unbehagen denken wir an die Langstrasse als baumbestandener Boulevard, wie sie ein Projekt im Crowdplanning vorschlägt. Solch ein Boulevard wäre nichts weiter als eine Verschönerung, um dem Standard einer teuren Stadt zu entsprechen. Worin der Gemeinsinn von Zürich genau besteht, daran sollten aber möglichst viele beteiligt werden!

Irgendwann stellt sich also die Frage, wann die Stadt (wieder) die Verantwortung übernimmt. Selbstinitiierte Planungsprozesse entstehen aus einer Dringlichkeit und sind ein Zeichen für den gesellschaftlichen Wandel, den wir anstreben. Sie erzeugen Vielfalt und brechen festgefahrene Situationen auf. Sie können aber nicht zur neuen Regel werden, auf die man sich verlässt. Die momentane Häufung ungefragter Planungen ist viel eher symptomatisch für eine Stadtplanung, die der Geschwindigkeit der Veränderungen hinterherhinkt. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten. Die Planungskategorien, die der Soziologe Harald Welzer an der Crowdplanning-Veranstaltung letzten Montag dafür vorschlug: ‹Provisorium› und ‹Reversibilität›.

 «Wer plant die Planung?», das ist keine neue Frage. Bereits Lucius Burckhardt hielt 1974 fest, dass Planung «nicht isoliert geschieht, sondern dass sie bedingt ist durch die Politik (oder ihre Abwesenheit, Anmerkung ZAS*), dass sie aufgehängt ist in einem sozialen System». Da Planung und Gesellschaft zusammenhängen, möchten wir Planung als etwas verstehen, das den Diskurs öffnet, anstatt ihn einem Ende zuzuführen.

Initiativen wie das ‹Crowdplanning›, ‹Josef will wohnen› oder das ‹Stadthotel Triemli› erinnern vor allem auch daran, dass Stadt auf keinen Endzustand zusteuert, sondern prozesshaft und im Widerspruch entsteht.

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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