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Visa für Künstler:innen: Gut getarnter Rassismus
Die Vergabepraxis von Schengen-Visa ist intransparent – auch für Künstler:innen. Dabei wäre die Reisefreizügigkeit für eine diverse Kulturlandschaft in der Schweiz zwingend notwendig, um Vorurteile abzubauen. Ein Kommentar.
Egal, ob auf Theaterbühnen, im Festivalprogramm oder in Galerien. Die Zürcher Kulturlandschaft soll so divers wie möglich sein. Während die Kunst selbst jedoch keine Grenzen kennt, scheitert ihre Präsentation nicht selten an der restriktiven Visa-Vergabepraxis.
Besonders betroffen sind Künstler:innen aus Drittstaaten. Für eine Einreise in die Schweiz oder andere europäische Staaten benötigen sie ein Schengen-Visum. Doch das Verfahren ist zeitintensiv, teuer und nicht zuletzt diskriminierend. So müssen sich Menschen aus dem afrikanischen Raum beispielsweise den Vorwurf gefallen lassen, dass sie illegal immigrieren möchten.
Der Migrationsrechtsexperte Marc Spescha sprach gegenüber Tsüri.ch von einer «übersteigerten Angst» seitens der Migrationsbehörden. Auch betroffene Künstler:innen berichten davon, dass sie zwar alle verlangten Dokumente eingereicht, ihr Gesuch jedoch nicht bewilligt bekommen hätten. Über die Gründe schwiegen die zuständigen Konsulate. Diese Intransparenz führt gewollt oder ungewollt zu völlig willkürlichen Entscheidungen.
Es erstaunt daher nicht, dass das Thema auch in der links geprägten Kulturszene nur mit Vorsicht an die Öffentlichkeit getragen wird. Als Institutionen, von denen die Gesellschaft sowie Politik ein diverses Programm verlangen, sind Veranstalter:innen darauf angewiesen, gute Beziehungen zu den Migrationsbehörden zu pflegen. Welche Kriterien oder Beziehungen zu einer erfolgreichen Visavergabe führen, bleibt im Dunkeln.
Warum das problematisch ist, liegt auf der Hand. Wenn Menschen nach Sympathien entscheiden können, ob jemand ein Visum erhält oder nicht, führt das dazu, dass Vorurteilen Platz geboten wird.
Wie sonst lässt sich erklären, weshalb ein westafrikanischer Koch vergangenen Herbst nicht in die Schweiz reisen durfte, weil er jung und männlich ist. Wer versucht, in einem solchen Fall den rassistischen Hintergrund zu leugnen, hat nicht verstanden, wie Rassismus funktioniert.
Nun könnte man hier ansetzen: Aufklärungsarbeit leisten, rassistische Strukturen hinterfragen. Oder man könnte die Reisefreizügigkeit von Kunstschaffenden erleichtern, damit unsere kulturelle Welt vielfältiger wird, was ebenfalls Vorurteile abbaut.
Wir dürfen nicht vergessen: Landesgrenzen sind ein Konstrukt von uns Menschen – gemacht, um andere auszuschliessen. Kunst bietet die Möglichkeit, uns von diesen Grenzen zu lösen. Dies sollten wir uns zunutze machen.
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Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.
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