Die Zürcher Auto-Architektur schadet uns
Endlose Glasfronten, graue Fassaden: Viele Neubauten in Zürich seien für Menschen zu Fuss oder auf dem Velo eine Zumutung, findet unser Kolumnist Thomas Hug-Di Lena. Dabei ende die Verkehrswende nicht am Strassenrand.
Wer heute durch Zürichs neu erbaute Quartiere spaziert, kennt das Gefühl: Man läuft und läuft, und nichts passiert. Sei es an der Pfingstweidstrasse in Zürich West oder im Leutschenbach in Oerlikon – die gleichen Fassaden erstrecken sich teils über Dutzende von Metern, ohne Halt für das Auge. Es ist eine Architektur, die vom Auto aus funktioniert. Zu Fuss wird sie zur Zumutung.
Diese Bauweise hat eine Geschichte, und sie begann vor rund hundert Jahren. Le Corbusiers Visionen für Barcelona und Paris lassen uns heute erschaudern: Kompletter Abriss gewachsener Stadtstrukturen, ersetzt durch langgezogene Wohnriegel inmitten von Grünflächen und breiten Verkehrsachsen.
Was den Meister der Moderne antrieb, war nicht Grössenwahn, sondern eine Reaktion auf das Automobil. Die neuen Maschinen brachten Lärm und Abgase in die engen Gassen. Corbusiers Lösung: Abstand schaffen, die Menschen von der Strasse wegbringen, den Autos freie Bahn geben.
Die radikalen Abrisse blieben uns grösstenteils erspart. Doch der Grundsatz hat sich in unsere Köpfe eingenistet und prägt bis heute, wie wir bauen. Private Investor:innen setzen auf endlose Glasfronten wie beim Prime Tower oder seinen geplanten Nachbarn Prime 3.
Und die öffentliche Hand? Die Wohnüberbauung Letzi in Altstetten, die Neubau-Siedlung beim Tramdepot Hard – alles graue Monolithen, die bestenfalls aus dem Zugfenster oder vom Steuer aus interessant wirken. Ausgerechnet städtische Bauträger leisten keine Vorbildwirkung.
Was nach einem ästhetischen Problem klingt, ist tatsächlich viel mehr ein Menschliches. Zu Fuss brauchen wir alle paar Sekunden einen neuen visuellen Reiz. Das hat der bekannte dänische Stadtplaner Jan Gehl mit seiner Forschung vielfach belegt.
Kleinteilige Erdgeschosse, wechselnde Nutzungen, Fassadensprünge: Sie machen das Gehen zum Erlebnis. Lange, monotone Fronten hingegen funktionieren nur bei hoher Geschwindigkeit. Sie sind für Menschen hinter Windschutzscheiben gemacht.
«Die Verkehrswende endet nicht am Strassenrand.»
Thomas Hug-Di Lena
Und genau hier liegt das Dilemma: Dieselben Strassen, wo Autos fahren, müssen auch für jene funktionieren, die zu Fuss oder per Velo unterwegs sind. Studien zeigen, dass Menschen monotone Strassenzüge meiden, schneller durchqueren und als weniger sicher empfinden. Diese Architektur vertreibt genau jene, die wir für die Verkehrswende gewinnen wollen.
Zürich investiert Millionen in Velostreifen und Begegnungszonen. Doch was nützt die beste Infrastruktur, wenn die Gebäude daneben signalisieren: Dieser Ort ist nicht für dich? Die Verkehrswende endet nicht am Strassenrand. Sie muss auch die Massstäbe verändern, nach denen wir Gebäude bauen.
Le Corbusier plante für eine Welt, in der das Auto die Zukunft war. Diese Zukunft ist vorbei. Höchste Zeit, dass sich auch unsere Architektur davon befreit.
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