Kolumne von Hannan Salamat

«Wir haben nicht gelernt zu lieben, sondern zu performen»

Bei der Wohnungssuche lief für unsere Kolumnistin Hannan Salamat alles rund. In der Liebe hingegen bleibt der Erfolg aus. Den Grund sieht sie in patriarchalen Strukturen: Wir wüssten zwar, wie Beziehungen aussehen sollen, aber nicht, wie man sie gerecht verhandelt.

Liebesschlösser auf einer Brücke in Zürich.
Für immer und ewig? Hannan Salamat findet, wir sollten anders lieben. (Bild: Unsplash)

«Ist es in Zürich einfacher, eine Wohnung zu finden oder eine Partnerschaft?», fragt jemand in einem Reel auf Instagram, das mir mein Algorithmus ungefragt serviert. «Wohnung!», ruft der Befragte und läuft weiter.

Ich habe gelacht. Und dann nicht mehr.

Wohnungen in Zürich zu finden ist ein Ausdauersport. Vierzig Menschen in einer 2-Zimmer-Wohnung, Bewerbungsdossiers dicker als Liebesbriefe. Trotzdem habe ich in drei Monaten drei Wohnungen besichtigt – und die dritte bekommen.

Meine Datinghistorie hingegen ist weniger effizient. Irgendwann hatte ich das Gefühl, alle Bindungstypen durchgespielt zu haben. Der ewige «gerade nicht Bereite». Der Reflektierte mit Podcasts und Bell Hooks neben dem Bett – gefühlskompetent im Konjunktiv. Der progressive Narzisst im sensiblen Packaging.

Das hier ist keine Abrechnung. Es geht nicht um einzelne Männer. Es geht um Struktur.

Wir leben in einer Gesellschaft mit einem patriarchalen Problem. Noch immer leisten Frauen den Grossteil der Care-Arbeit. Noch immer gelten emotionale Kompetenzen bei Männern als Bonus, bei Frauen als Selbstverständlichkeit. Noch immer wird weibliche Bedürftigkeit pathologisiert und männliche Unverbindlichkeit als Freiheitsdrang gelesen.

Ich schreibe hier über heteronormative, binäre Beziehungen. Über das Modell Mann-Frau, das uns als Default verkauft wird. Und ich merke: Auch ich bin in diesen Bildern gross geworden. Ich habe gelernt, dass Liebe maximale Erfüllung verspricht. Dass man sich zuständig fühlt. Vermittelt. Repariert.

Aber habe ich gelernt, Grenzen zu setzen? Konflikte auszuhalten? Nicht mit meinem Gegenüber zu verschmelzen?

«Wir lernen Rollenbilder, aber nicht, wie wir Nähe aushalten.»

Hannan Salamat

Vielleicht haben wir in Westeuropa nicht gelernt zu lieben, sondern zu performen. Wir wissen, wie Beziehung aussieht. Nicht, wie sie sich gerecht verhandeln lässt.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal sagt neulich in einem Interview mit der «Zeit» sinngemäss: Wir lernen Rollenbilder, aber nicht, wie wir Nähe aushalten. Nicht, wie man mit Wut, Eifersucht oder Angst konstruktiv umgeht. Wir wissen, wie Candle-Light-Dinner aussehen. Aber nicht, wie man streitet, ohne gleich alle Zelte abzubrechen. 

Und genau da beginnt für mich die eigentliche Frage: Wenn ich das alles weiss – wie will ich dann lieben?

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sehe ich kluge, politisch denkende, finanziell unabhängige Frauen – und viele sind Single. Nicht, weil sie niemanden «abbekommen». Sondern weil sie keine Lust mehr haben, emotionale Infrastruktur zu stellen. Keine Lust auf Care-Arbeit im Tarnmantel der Romantik. Keine Lust, Therapeutin, Projektmanagerin und Geliebte in Personalunion zu sein.

Dieser Rückzug ist kein individuelles Scheitern. Er ist Widerstand. Und nein: Das ist kein kulturelles Sonderphänomen. Kein religiöses Drama. Das Muster zieht sich durch Milieus. Das Problem ist nicht Herkunft. Es ist Struktur.

«Eine Wohnung hat einen Vertrag. Liebe hat Gewohnheiten.»

Hannan Salamat

Beziehungen sind in unserer Gesellschaft entlang patriarchaler Linien organisiert – emotional, ökonomisch, zeitlich. Das erzeugt Schieflagen. Für viele Frauen sind sie erschöpfend, für viele gewaltvoll. Sich dem zu entziehen, ist legitim.

Aber Widerstand allein ist noch keine Vision.

Wenn wir uns zurückziehen, schützen wir uns. Doch wir beantworten noch nicht die Frage, wie wir stattdessen in Verbindung treten wollen. Natürlich bin ich nicht die Erste, die sich das fragt. Feminist:innen, Queers, Theoretiker:innen, Aktivist:innen denken seit Jahrzehnten darüber nach, wie Beziehung jenseits von Besitz, Hierarchie und romantischer Pflicht aussehen kann. Beziehung anders zu denken ist keine neue Idee. Neu ist höchstens, wie viele von uns sie gerade existenziell spüren.

Die Frage ist also nicht, ob es Alternativen gibt. Die Frage ist, ob wir bereit sind, diese ernst zu nehmen.

Ich habe gelernt, Liebe als Vollversorgungssystem zu verstehen: die eine Person, für immer, Verschmelzung, maximale Erfüllung. Dieses Modell funktionierte nur, solange eine Seite mehr investierte als die andere. Es war nie neutral. Es war normativ.

Als sich in meinem Leben neulich eine Beziehung verschob, schrieb ich mir zum ersten Mal eine Bedürfnisliste. Nicht als Lifestyle-Experiment, sondern als politische Praxis. Ein Versuch, nicht delulu, sondern wirklich ehrlich zu mir zu sein. Nähe ohne Besitzanspruch. Zärtlichkeit ohne Verschmelzung. Keine Exklusivität als Beweiswert von Hingabe, sondern Ehrlichkeit und Transparenz. Fürsorge ja – aber keine selbstverständlich delegierte Care-Arbeit. Beziehungen, die man verhandelt, statt Rollen, die automatisch verteilt werden.

Liebe ist politisch. Also muss sie verhandelbar sein.

Beziehung kann vieles sein: Freundschaft Plus, Wahlfamilie, Verantwortungsgemeinschaft, nicht-monogame Konstellation oder heterosexuelle Zweierbeziehung. In einer Demokratie muss alles Platz haben. Aber nichts davon sollte sakral sein. Alles muss hinterfragbar bleiben.

Genau das macht es für mich zur realen Utopie: nicht das perfekte Modell, sondern die Bereitschaft, Verantwortung neu zu verteilen.

Eine Wohnung hat einen Vertrag. Liebe hat Gewohnheiten. Und die sind politisch.

Vielleicht ist es einfacher, Wohnraum zu finden als eine Beziehung, die nicht Frauen mehr kostet.

Verhandlung ist kein Scheitern.

Sie ist das Zeichen, dass wir beginnen, Macht neu zu verteilen und Liebe zu demokratisieren.

Ohne Deine Unterstützung geht es nicht.

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 2800 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3000 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!
tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare

Franz Hauser
21. Februar 2026 um 06:58

50:50 Aufteilung

Noch immer erwarten Frauen dass der besser verdienende Partner (den sie sich so ja auch ausgesucht haben) mehr an die Haushaltskosten zahlt… Emanzipiert ist man, wenn man 50% der Kosten trägt znd sich nicht aushalten lässt… Netter Nebeneffekt: Man begibt sich nicht in eine Abhängigkeit zum Mann und man sucht sich den Beruf und Karriere eher danach aus, dass man sich und die Familie auch selbst finanzieren kann…

Franz Hauser
21. Februar 2026 um 06:54

Reichen Typen

Noch immer orientieren sich Frauen hauptsächlich nach oben. Sie suchen sich nen Mann der mehr verdient… Würden sie sich auch nach unten orientieren hätten sie mehr Auswahl…