Kolumne von Hannan Salamat

«Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt dort, wo sich Trauer verwandeln darf»

Als Zürich den Opfern von Crans-Montana gedenkt, spürt unsere Kolumnistin Hannan Salamat: Diese Form des öffentlichen Innehaltens ist keine Selbstverständlichkeit. Dabei sei es für eine Gesellschaft wichtig, gemeinsam zu trauern.

Trauer Kerzen
Kollektives Trauern ist laut unserer Kolumnistin Hannan Salamat wichtig für eine Gesellschaft. (Bild: Unsplash)

Ich habe mir keine Videos angesehen, keine Bilder betrachtet, keine Details über die Opfer gelesen. Und doch traf mich das Unglück von Crans-Montana unerwartet tief. Das merkte ich am nationalen Trauertag Anfang Januar für die Opfer der Katastrophe in der Silvesternacht.

Zum ersten Mal seitdem ich in der Schweiz wohne, erlebte ich eine tiefe Verbundenheit zu diesem Land. Ich war überwältigt, wie ein Ereignis, das nicht Teil meiner persönlichen Realität war, eine solche Trauer in mir auslöste. Etwas brach auf, körperlich spürbar, schwer. Ich wusste nicht, wohin mit mir.

«Was sollen wir in Zeiten tun, in denen Trauer allgegenwärtig scheint? Wenn Empathielosigkeit zur Krise wird.»

Hannan Salamat

Als ich an besagtem Tag angespannt durch Zürich lief, auf dem Weg zum Münsterhof, fühlte ich mich wie betäubt. Ich ging allein hin, mit schweren Schritten, zutiefst erschüttert. Der nationale Trauertag wurde für mich zu einem Gefäss. Zu einem Ort, an dem diese Trauer sein durfte.

Trauer ist nie nur gegenwartsbezogen. Sie öffnet Erinnerungsschichten – körperliche, seelische. Sie öffnet innere Räume und macht verletzlich.

Auf meinem Weg zum Münsterhof sah ich die Plakate: eine schwarze Schleife, darunter die Worte: «Wir gedenken heute der Opfer von Crans-Montana.» Diese Form des öffentlichen Innehaltens ist keine Selbstverständlichkeit. Sie zeigt, dass eine Gesellschaft bereit ist, gemeinsam zu trauern, ohne individuell betroffen zu sein. Dass sie den Schmerz nicht privatisiert, sondern teilt.

Trauerfeier Münsterhof
Am Gedenktag für die Opfer von Crans-Montana kamen auch Vertreter:innen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammen. (Bild: Hannan Salamat)

Trauer ist politisch. Wann sagen wir als Gesellschaft zueinander – deine Trauer tragen wir gemeinsam, auf allen Schultern, egal, welche Geschichten du in dir trägst? Trauer macht sichtbar, ob wir füreinander Verantwortung übernehmen können, auch ohne Antworten zu haben. Ob wir auch für die, die wir nicht kennen, Empathie empfinden können.

Was aber sollen wir in Zeiten tun, in denen Trauer allgegenwärtig scheint? Wenn Weltereignisse keine Pause einlegen und das Gefühl entsteht, der Schmerz habe keinen Ort mehr? Wenn Empathielosigkeit zur Krise wird.

Auf dem Münsterhof war diese Verbundenheit spürbar. Später, im Fraumünster, wurde einleitend gesagt, es gehe heute nicht um viele Worte. Im Zentrum stünden Besinnung, Gemeinschaft und Verbundenheit. Vielleicht hätte diese Kirche in diesem Moment auch einfach Stille tragen können.

Als die Stimmen vorne sprachen, löste sich etwas in mir. Die Anspannung fiel ab. Die Tränen kamen. Nicht aus Überforderung, sondern aus Erleichterung. Weil meine Trauer da sein durfte. Nicht allein, sondern eingebettet.

In diesem Moment wurde etwas sichtbar, das in politischen Debatten oft versteckt bleibt: Wir waren vereint – als postmigrantische, religiöse und weltanschaulich plurale Gesellschaft.

Unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Sozialisierungen, unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Formen von Glauben und Zweifel, und doch verbunden im selben Raum, im selben Innehalten. Trauer war nichts Trennendes, sondern etwas, das uns zusammengeführt hat.

Als ich den Münsterhof wieder verliess, dachte ich noch einmal an Crans-Montana. An die Opfer. An die Menschen, die zurückbleiben.

Eine Freundesperson sagte mir letzte Woche im Zusammenhang mit der oft einsamen Trauer um den Iran: «Grief is love with nowhere to go.» Vielleicht ist das genau der Moment, in dem diese Liebe einen Ort findet. Wenn Trauer nicht vereinzelt bleibt, sondern geteilt wird. Wenn wir sie nicht allein aushalten müssen, sondern gemeinsam tragen.

Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt genau dort, wo sich Trauer verwandeln darf – in Nähe, in Verantwortung, in Liebe.

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