Veganismus Kolumne: Das Dilemma der Hühner

Der Konsum von Fleisch geht in der Schweiz immer weiter zurück. Ausser bei Poulet - da wächst der Absatz. Aus Sicht der Individuen ist das eine Katastrophe.

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Hühner sind schlau. Sie können sogar lügen. Bild: Pixabay

Dass grosse Mengen an rotem Fleisch ungesund sind, ist weitgehend bekannt. Auch dass Kühe pupsen und deshalb Rindfleisch, Käse und Butter für die Umwelt eher schlecht sind, wissen die meisten. Das sind vermutlich auch die Gründe, warum immer mehr Menschen zu Poulet greifen. In der Schweiz werden jährlich rund 72 Millionen Hühner geschlachtet. Um diese Zahl besser einordnen zu können: Das sind pro Person rund acht Hühner im Jahr. Würde man den Import noch dazu rechnen, wären es noch viel mehr. Und die Zahlen steigen weiter an.

Umwelt vs. Ethik

Bei der eigenen Ernährung wendet man verschiedene, individuelle Kriterien an: Geschmack, Verfügbarkeit, Gesundheit und bestenfalls auch Faktoren wie Ethik und Nachhaltigkeit. Wer den eigenen Fleischkonsum reduzieren möchte, stellt sich oft die Frage: Wo anfangen? Was für die Umwelt weniger invasiv sein mag, ist ethisch dafür höchst fragwürdig. Ein Kilo Rindfleisch verursacht etwa dreimal mehr Co2, als ein Kilo Pouletfleisch. Das würde gegen Rindfleisch und für Pouletfleisch sprechen. Kühen geht es in der Regel in der Schweiz aber etwas besser in der Haltung, als Hühnern. Denn die Vögel leben meist zu Tausenden in grossen Hallen, ohne Auslauf ins Freie. Und: Eine Kuh liefert mehr Fleisch, als ein Huhn. Es müssen deshalb mehr Hühner sterben für dieselbe Menge Fleisch. Das würde gegen Pouletfleisch und für Rindfleisch sprechen. Wer für den eigenen Konsum so wenig Individuen wie möglich leiden lassen und keine Sojafütterung verantworten will, müsste eigentlich anfangen Wale zu essen. Aber auch da gibt es wieder zig Gründe, die dagegen sprechen. Die ganze Angelegenheit ist echt ein einzig grosses Dilemma.

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Zu Tausenden in grossen Hallen: So sieht ein Hühnerleben oft aus. Bild: Pixabay

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Hühner können lügen

Viele gewichten ökologische Aspekte höher, als ethische. Vermutlich, weil die Auswirkungen sichtbarer sind und uns direkter betreffen. Ein weiterer Grund, warum es vielen Menschen so schwer fällt, Empathie für Hühner zu empfinden, ist vermutlich auch das fehlende Kindchenschema. Die Vögel haben nicht die Kulleraugen oder Stupsnäschen, die wir bei Hunden und Äffchen so süss finden. Die schnellen Kopfbewegungen und die starren Augen helfen da auch nicht unbedingt. Wer aber ein bisschen genauer hinschaut, findet schnell Gefallen an den gefiederten Tieren. Die sind nämlich so schlau, dass sie sogar lügen können! Um Weibchen anzulocken, geben Hähne zum Beispiel Laute von sich, die eigentlich auf Essen hinweisen. Und das, obwohl sie überhaupt nichts Essbares gefunden haben! Allzu oft kann ein Männchen diesen Trick aber nicht durchführen. Die Weibchen durchschauen dieses Spiel nämlich schnell und reagieren dann nicht mehr auf ihre Rufe. Recht haben sie - würde ich auch nicht.

Was mir ebenfalls geholfen hat, Hühner besser kennen zu lernen, waren Besuche auf dem Lebenshof. Ich erinnere mich, wie erstaunt ich war, als ich das erste Mal ein Huhn auf dem Arm hatte. Ihre Neugier, ihr weiches Gefieder und ihre Zerbrechlichkeit entzückten mich. Aber was mir besonders gefiel: Die dinosaurier ähnlichen Füsse, die auf der Unterseite so Pölsterchen haben, wie ich es sonst nur von Katzentatzen kenne.

Und was nun?

Wenn wir beginnen jedes Huhn, jede Kuh und jedes Schwein als Individuum mit einem Namen, Charakter, Bedürfnissen und Leidensfähigkeit anzusehen, wird es immer schwieriger, sich bewusst für eine Spezies zu entscheiden, die man noch essen möchte. Auch auf Wal, der am meisten Fleisch hergeben würde und kein Soja frisst, hat man keine Lust, sobald man ihm persönliche Eigenschaften mit einer Geschichte zuspricht. Aus diesen Gründen fördern und begrüssen wir als Vegane Gesellschaft Schweiz die Entwicklung von Fleisch- und Milchalternativen. Es nützt allen, die dieses Dilemma von Genuss, Ethik und Umwelt haben und es lösen möchten.

Mir persönlich hat es in dem Prozess, zu neuen Gewohnheiten zu finden, sehr geholfen, mir immer wieder vor Augen zu führen, weshalb ich das mache. Wer sich ebenfalls die gepolsterten Dino-Füsschen ansehen oder einem Schwein über den grossen Bauch kraulen möchte, kann das zum Beispiel auf dem Hof Narr in Hinteregg. Die Fahrt dauert mit der Forchbahn ab Stadelhofen nur eine halbe Stunde. Auf dem Hof gibt es einige öffentliche Events und auf Anfrage darf man auch sonst mal vorbei gehen. Wir hätten dieses Jahr eigentlich unsere Sommerparty mit BBQ wieder dort durchgeführt, aber Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hoffen auf nächstes Jahr. Bis dahin geniessen wir unsere veganen Grillspiessli ohne grosses Dilemma in kleinerem Rahmen.

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Hühner sind Individuen mit Charakter, Bedürfnissen und Leidensfähigkeit. Bild: Pixabay

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