Stadtparlament spricht 325 Millionen Franken für Tram Affoltern
Der Zürcher Gemeinderat will, dass es mit dem Tram Affoltern vorwärtsgeht und bewilligt dafür 325 Millionen Franken. Während die SP sich für das Grossprojekt aussprach, kam es seitens der Grünen zu Kritik.
Zürich-Affoltern – ein Quartier mit 38’000 Menschen, schnell wachsend und mit chronisch überlastetem ÖV. Seit Jahren wird ein Tram gefordert, jetzt soll es endlich vorwärtsgehen. Doch der Weg dahin ist teuer: Der Kanton hat das Projekt wegen der klammen Finanzen verschoben, die Stadt soll’s nun selbst finanzieren – zumindest vorerst. Es geht um nicht weniger als 325 Millionen Franken.
Die Motion von Benedikt Gerth (Mitte), Thomas Hofstetter (FDP) und Anjushka Früh (SP) will den Stadtrat verpflichten, «die Umsetzung des Tramprojektes Affoltern gemäss ihrem Zeitplan sicherzustellen – trotz der Verschiebung durch den Kanton».
Übersetzt: Die Stadt soll in die Tasche greifen, um die drohende Verzögerung zu verhindern. Denn: «Nur schon mit der generellen Verzögerung im Projekt sind die Kosten durch die Teuerung gestiegen», warnt Gerth. Weitere Verzögerungen würden weitere Teuerungen in Millionenhöhe bedeuten.
Grünes Licht – aber nicht von den Grünen
Während SP, FDP und Mitte das Projekt freudig unterstützen, schiessen die Grünen quer, und zwar mit voller Kraft. «Wir sind für den ÖV, aber wollen uns nicht erpressen lassen», sagt Julia Hofstetter (Grüne).
Ihr Hauptkritikpunkt: Die Wehntalerstrasse soll auf vier Kilometern um bis zu sechs Meter verbreitert werden – eine Massnahme, die laut Hofstetter eher dem Auto als dem Tram zugutekommt. Zudem würden über 600 Bäume gefällt. «Das ist ein Ausbau des Autoverkehrs, kein Fortschritt für den ÖV.»
«Es geht gar nicht ums Tram. Es geht um eine unübliche Vorfinanzierung für den öffentlichen Verkehr.»
Sven Sobernheim, GLP-Gemeinderat
Auch AL-Politiker Christian Häberli sieht das Tramprojekt kritisch. Er bemerkt: «682 Bäume – das entspricht sieben Hektaren Wald.» Als Journalist berechne ich Flächen nur noch in Fussballfeldern: sieben Hektaren entsprechen zehn bis elf Fussballplätzen.
GLP zwischen allen Gleisen
GLP-Mann Sven Sobernheim bringt eine andere Sorge auf die Schiene: «Es geht gar nicht ums Tram. Es geht um eine unübliche Vorfinanzierung für den öffentlichen Verkehr.» Dass die Stadt vorstrecken soll, ohne Sicherheit, dass der Kanton das Geld je zurückzahlt – für Sobernheim eine politische Zumutung. Er fragt rhetorisch: «Sie sagen uns im Ernst, dass der Kanton dieses Geld der verhassten Stadt Zürich zurückzahlen würde?»
Dabei wird im Quartier längst gedrängelt. Thomas Hofstetter (FDP) erinnert daran, dass der 32er-Bus längst an seine Grenzen kommt. Und Stadtrat Michael Baumer (FDP) ergänzt: «Ein Tram hat doppelt so viel Platz wie zwei Busse. Wenn man möchte, dass die Leute mit dem ÖV unterwegs sind, dann muss man ihnen die Infrastruktur zur Verfügung stellen.»
Baumer verteidigt das Projekt auch gegen grüne Einwände: Die Vorgaben des Kantons liessen keinen Rückbau von Autospuren zu – neue Tramstrecken müssten auf eigenem Trassee verlaufen. Dass dies Platz braucht, sei unvermeidlich. Und eine Neuplanung? Würde wieder zehn Jahre dauern. «Ob es dann besser käme, ist zu bezweifeln», so Baumer trocken.
Mit 66 zu 51 Stimmen nimmt der Gemeinderat die Motion schliesslich an. Der Stadtrat muss nun eine Vorlage ausarbeiten. Am Ende könnte das Stimmvolk über das Schicksal des Tram Affoltern entscheiden – inklusive Finanzierung. Es geht auch um über 100 Millionen Franken vom Bund, die nur fliessen, wenn das Projekt rechtzeitig realisiert wird.
Weitere Themen aus dem Rat
Unterstützung für Alleinerziehende in Zürich
Die Realität ist klar: In Zürich wächst jedes sechste Kind in einem Einelternhaushalt auf. Ein Postulat von SP, Grünen und GLP will das ändern – nicht die Familienform, sondern den Umgang der Gesellschaft damit. Die Forderung: Sensibilisierung und bessere Information über Unterstützungsangebote. Hannah Locher (SP) bringt’s auf den Punkt: «Alleinerziehende sind eine Realität – und oft arm.»
Widerstand kam von SVP und Mitte. SVP-Mann Samuel Balsiger empfiehlt Nachbarschaftshilfe statt Staat – ein bisschen «selber schuld»-Vibes inklusive. Karin Stepinski (Mitte) meint, wir lebten ja nicht mehr im Jahr 1950 – und übersieht dabei, dass Armut leider auch 2025 noch existiert. Trotzdem: Das Postulat wurde angenommen.
Referendum gegen Laubbläserverbot
SP, Grüne, GLP und AL haben im Zürcher Gemeinderat eine Teilrevision der Polizeiverordnung durchgesetzt: Laubbläser und -sauger sollen weitgehend verboten werden – auch elektrische. Wir haben bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausführlich berichtet. FDP, SVP und Mitte/EVP kontern mit einem Parlamentsreferendum, wie sie in einer Medienmitteilung schreiben. Sie kritisieren «Verbotskultur», Bürokratie und Ungleichbehandlung – etwa gegenüber lauten Reinigungsmaschinen. Nun entscheidet die Bevölkerung. Die Grünen geben sich entspannt: «Dem angekündigten Referendum und der allfälligen Volksabstimmung sehen wir gelassen entgegen.»
Keine städtische Krankenkasse
Die Grünen wollten Zürich eine eigene Krankenkasse verpassen – fair, transparent und ohne teure Werbung, dies fordern Yves Henz und Matthias Probst mit einem Postulat. Der Gemeinderat sah das anders: Der Vorstoss wurde abgelehnt. FDP und GLP warnten vor fehlender Expertise und unnötiger Konkurrenz. Auch der Stadtrat winkte ab – eine städtische Kasse bringe «keinen Vorteil». Fazit: Die Einheitskasse bleibt (vorerst) ein grüner Traum.
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Lara. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Gründungsmitglied und Co-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.