Halbierungsinitiative: Deshalb leisten Journalist:innen keinen Widerstand
Die Halbierungsinitiative würde das gesamte Mediensystem schwächen. Während sich Politik, Verbände und Initiant:innen zur Halbierungsinitiative äussern, schweigt eine Gruppe: die Journalist:innen selbst.
«Die Halbierungsinitiative hätte massive negative Auswirkungen auf den Journalismus», sagt der Schweizer Medienexperte Matthias Künzler von der Freien Universität Berlin.
Das SRF leiste als einziges Medium in der Schweiz eine umfassende regionale wie nationale Berichterstattung. Die SVP-Initiative hat zum Ziel, die Gebühren und damit das Informationsnetz stark einzuschränken.
Wird die Initiative am 8. März 2026 angenommen, würde der SRG gemäss eigenen Angaben Einnahmen von bis zu 800 Millionen Franken pro Jahr fehlen. Tausende Jobs würden verloren gehen – die Gewerkschaft SSM rechnet mit rund 2450 Vollzeitstellen. Dieser massive Stellenabbau könne von privaten Medien niemals ersetzt werden, so Künzler.
Doch obwohl ein gross angelegter Abbau bei der SRG den ganzen Berufsstand der Journalist:innen hart treffen würde, schweigen die Betroffenen grösstenteils: kein Streik, keine Kundgebungen, keine Komitees von Medienschaffenden.
Tsüri.ch hat bei einem Dutzend Journalist:innen von NZZ, Tages-Anzeiger, CH Media, Blick und 20 Minuten nachgefragt. Doch niemand will sich zur Halbierungsinitiative äussern. Die einzige Ausnahme bildet Kaspar Surber von der Wochenzeitung.
Der WOZ-Redaktor sagt, dass eine Annahme der Halbierungsinitiative das Mediensystem sowohl in journalistischer als auch in ökonomischer Hinsicht als Ganzes schwächen würde. «Die Gebührengelder würden nicht zu den privaten Medien wandern – sie wären auf Nimmerwiedersehen verloren für die Finanzierung des Journalismus», so Surber.
Warum schweigen Journalist:innen?
In jeder anderen Branche würden bei einer solchen Bedrohung Berufsverbände zum Protest aufrufen. Erst vor zwei Monaten haben Bauarbeiter:innen in der ganzen Schweiz für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt und es gab landesweite Protestwellen.
«Ich halte dieses Schweigen für absolut fatal.»
Kaspar Surber, Redaktor bei «Die Wochenzeitung»
Warum äussert sich hingegen die Medienbranche nicht zu einem politischen Vorstoss, von dem sie unmittelbar betroffen ist? Medienexperte Künzler vermutet, dass viele Journalist:innen aus Angst um ihre Stelle den eigenen Verleger nicht verärgern wollen: «Die grossen Medienunternehmen haben ein Eigeninteresse, die SRG zu schwächen – obwohl es ihnen nicht nützen wird.»
In der aktuellen Medienkrise hoffen viele private Medienhäuser, von einem Abbau der SRG zu profitieren.
Dabei kommt eine Studie der Universität Fribourg zum Schluss, dass bei einer Abschaltung von «SRF News» die meisten Leute zu anderen Gratisangeboten wechseln würden. Nur ein ganz kleiner Teil würde ein Abo bei einer Zeitung lösen. Umgekehrt zeigt die Studie, dass jene Personen, die Angebote der SRG nutzen, eher ein bezahltes Abo bei einem anderen Medium kaufen.
Vielleicht spiele auch Neid eine Rolle, mutmasst Künzler: «Neid auf den vermeintlich besseren Lohn beim SRF.»
Auch im 45-köpfigen Präsidium der «Allianz Pro Medienvielfalt», das sich gegen die Halbierungsinitiative einsetzt, sind keine aktiven Journalist:innen vertreten. Das würde ihre Arbeit unter Umständen verkomplizieren, sagt Mark Balsiger, Geschäftsführer der «Allianz Pro Medienvielfalt»: «Diejenigen bei der SRG dürfen nicht, andere würden sich kaum getrauen, weil ihre Arbeitgeber:innen gegenüber der Initiative ambivalent sind.»
Tatsächlich dürfen Angestellte der SRG nicht öffentlich Position beziehen, obwohl sie selbst am stärksten betroffen sind. SRF-Journalist:innen müssten die Halbierungsinitiative wie jede andere Initiative behandeln – neutral und sachlich, heisst es bei der SRG auf Anfrage: «Die SRG wie auch ihre Mitarbeitenden betreiben keinen Abstimmungskampf und geben entsprechend keine Abstimmungsempfehlungen ab.»
Zu den Gründen, weshalb Journalist:innen angesichts dieser Bedrohung schweigen, kann nur spekuliert werden. Tatsache ist, dass hunderte Millionen Franken dem Schweizer Mediensystem unwiderruflich entzogen werden würden. Auch hier findet Kaspar Surber deutliche Worte: «Ich halte dieses Schweigen für absolut fatal und rufe alle dazu auf, sich gegen die SVP-Initiative zu stellen.»
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.