FDP will Zürich «befreien», doch der Partei droht eine Klatsche
Die FDP wollte Zürich «befreien» – doch rund einen Monat vor den Wahlen in Zürich droht ein historischer Absturz. Vom liberalen Kipppunkt fehlt jede Spur, stattdessen steht die Partei unter Druck. Ein Kommentar.
Die FDP will «Zürich befreien» und die linke Vorherrschaft in der Stadt aufbrechen. So lautet das erklärte Ziel der zweitgrössten Partei. Lange war von einem Kipppunkt die Rede, die Bevölkerung habe genug von der linksgrünen Politik, der liberale Wandel stehe kurz bevor.
Dumm nur, dass sich einen Monat vor den Wahlen dieser Kipppunkt nirgendwo abzeichnet. Wie die repräsentative Umfrage von Tsüri.ch zeigt, droht die Partei auf ganzer Linie zu verlieren.
Für den Stadtrat gibt es zwei realistische Szenarien, beide sind für die FDP schlecht: Entweder schafft es Përparim Avdili nicht, den Sitz von Filippo Leutenegger zu verteidigen, oder Avdili überholt seinen Parteikollegen Michael Baumer – den Stadtrat, den niemand kennt.
Noch im Sommer hatte die Partei das Ziel ausgerufen, einen dritten Sitz erobern zu wollen. Doch die Kandidatin Marita Verbali liegt abgeschlagen auf dem zweitletzten Platz.
Ist die FDP neu also nur noch mit einer Person in der Regierung vertreten, wäre dies das schwächste Resultat seit den frühen 90er-Jahren. Auch damals hatte die Partei nur eine Stimme im Stadtrat.
Im Gemeinderat sieht es nicht viel besser aus. Auch dort wollen die Bürgerlichen die knappe linke Mehrheit knacken. Doch die Oppositionsführerin FDP wankt auch da. Gemäss der Umfrage verliert die Partei rund zwei Prozentpunkte. Das Resultat ist zwar noch innerhalb der Fehlermarge, doch ein Kipppunkt zugunsten der Liberalen sähe anders aus.
Statt des gross angekündigten Politikwechsels droht dem einst so stolzen Zürcher Freisinn ein Schlamassel von historischem Ausmass.
Den Niedergang der Zürcher FDP hat sich die Partei selber zuzuschreiben. Denn es gibt durchaus echte Probleme in der Stadt Zürich, welche die linke Mehrheit nicht lösen konnte: hohe Mieten, knapper Wohnraum, Verkehrschaos.
Doch das Angebot der FDP – mehr bauen und mehr Parkplätze – ist offenbar zu plump und kann die Stimmbevölkerung nicht überzeugen. Noch ist vieles unklar, was am Wahltag Anfang März passieren wird. Doch eines ist sicher: Der liberale Kipppunkt wurde verschoben.
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.