Züri Deal 4: «Wollt ihr erste Liga spielen oder wollt ihr Turnhallen?»

Unsere ZAS*-Architekturkolumnist:innen finden: Je tiefer die Auseinandersetzung mit dem Ort, wo heute das Kunsthaus steht, desto mehr liest sich seine jüngere Geschichte als chronisches städtebauliches Scheitern.

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Der Erweiterungsbau in Steinwolle gehüllt, kurz vor Montage der Kalksteinfassade. (Quelle: Leopold Strobl )

Wer sich noch vor wenigen Wochen per Google Street View am stadtplanerischen Problemfall Heimplatz bewegte, konnte zwischen der 1880 entstandenen Turnhalle von Otto Weber und einer zweiten Turnhalle aus dem Jahr 1901 von den Architekten Kehrer und Knoll, in den Pfauenpark schauen. Wem es gelang, mit der Maus die Position richtig zu justieren, erhaschte sogar einen Blick auf die erhöht gelegene Kantonsschule, die 1839 nach den Plänen von Gustav Albert Wegmann gebaut wurde und durch eine axial gelegene Freitreppe mit dem Park verbunden war. Unterbrochen wird die Sichtachse heute von einem strengen Vorhang aus Kalkstein-Lisenen. 

Die erinnerungswürdige Geschichte des Ortes wurde baulich einbetoniert. Heute befindet sich an ihrer Stelle die vierte Erweiterung des Kunsthaus Zürich von David Chipperfield Architects, die im Oktober 2021 eröffnet wurde. Der Schweizer Architekt und Publizist Benedikt Loderer kommentiert 2020 die Erweiterung mit den Worten: «Un retour à l’ordre. Bilbao ist nicht überall. Die stumme Masse erzeugt durch ihr Gewicht eine stille Würde. So sieht die Monumentalität heute aus.»

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Im Wettbewerbsprogramm hiess es: «Die Halle wirkt in erster Linie als urbaner Begegnungsort, als Ort sozialer Erfahrungen, an dem man sich trifft und austauscht, wo man gerne verweilt oder einfach nur hindurchgeht.» (Quelle: Noshe)

20’000 Jahre Ortsgeschichte

Während des Aushubs für den Erweiterungsbau lassen sich 20’000 Jahre Ortsgeschichte begreifen. Den Boden der Baugrube bildet die Moräne des Linthgletschers, der sich circa 17’000 v. Chr. aus Zürich zurückzieht. Oberhalb derer werden 5000 Jahre alte Ackerböden freigelegt und fördern Samen und Nussschalen der Jungsteinzeit, Eisenzeit und Bronzezeit zutage. 1381 wird erstmals schriftlich der jüdische Friedhof  an dieser Stelle erwähnt, bevor die jüdische Gemeinde 1436 aus Zürich vertrieben wird. Wider Erwarten werden keine Hinweise darauf gefunden. Vermutlich kommt es bereits während des Baus der barocken Stadtbefestigung ab 1793 zu gröberen Umwälzungen. Nur 50 Jahre nach ihrer Fertigstellung gilt die Befestigung als wachstumsbehindernd und wird wieder abgetragen. An ihrer Stelle entsteht ein Sportplatz für die neue benachbarte Kantonsschule. Um 1900 werden zwei Turnhallen gebaut. 1916 muss sich der Zürcher Stadtrat mit dem Bau einer dritten Turnhalle quer zu den zwei bestehenden beschäftigen. Diese wird abgelehnt, da das vorgeschlagene Projekt «ästhetisch nicht befriedige» und eine unerwünschte «Platzwand» am Heimplatz bilde.

«Die physische Permanenz des Gebäudes findet ihr Pendant im intransparenten Umgang der Institution mit ihrer Vergangenheit.»

ZAS*

Die Hallen bleiben ein Jahrhundert in Betrieb, bis das Grundstück für die Kunsthauserweiterung baurechtlich zur Verfügung gestellt wird. Nach Eingabe des Baugesuches legt die Luzerner Stiftung «Archicultura» Rekurs ein. Sie engagiert sich für den Erhalt der inzwischen inventarisierten Hallen und des Pfauenparks auf dem Grundstück. Gestützt hätte ihr Anliegen der 2014 verfasste Masterplan, der eine Durchwegung und «qualitätsvolle Raum-Platz-Folge» vom Zürichsee über den Pfauenpark am Heimplatz zum darüberliegenden rasant wachsenden Hochschulquartier vorsieht, ganz im Gegensatz zur Platzwand des Chipperfield-Projekts, das mit dem Namen «Aglaia» – Göttin der Schönheit – den Wettbewerb gewann. Mangels eines Nachweises gesamtkantonaler Tätigkeit, wird der Rekurrentin indes die Legitimation zur Beschwerde abgesprochen. Der Bau kann beginnen. Kurz vor Abriss der Turnhallen fragt Kunsthausdirektor Christoph Becker: «Wollt ihr erste Liga spielen oder wollt ihr Turnhallen?».

Gerettete Überbleibsel der Hallen befinden sich heute im Bauteillager des Kanton Zürich. Die Stadt hofft, zwei Tafeln im Garten der Kunsthauserweiterung aufzustellen. Ihre Inschrift: «Sit mens sana in corpore sano.» Auf Deutsch: «Möge ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sein.»

Die Worte des römischen Dichters Juvenal ergeben einen zynischen Kommentar auf die Ursprünge der neuen Kunsthauserweiterung. Dem Projekt liegt eine ungewöhnliche öffentlich-private Partnerschaft zugrunde: Die Projektkosten von 206 Millionen Schweizer Franken werden zu zwei Dritteln durch öffentliche Gelder finanziert, das Grundstück wird vom Kanton zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig ist das Programm zu ebenfalls zwei Dritteln auf die Beherbergung privater Sammlungen ausgelegt. Die wichtigste ist die Sammlung Bührle. 

Der Fall Bührle

Der Waffenfabrikant beliefert während des zweiten Weltkrieges an Nazi-Deutschland und beschäftigte minderjährige Zwangsarbeiter:innen in einer Textilfabrik in Dietfurt. Seine Profite investiert er in einen Kunstmarkt, der Produkt der Kriegsverfolgungen war. Wiederholt tritt Bührle in der Geschichte des Kunsthauses als grosszügiger Spender auf: So stiftet er beispielsweise den Abguss des Rodin-Höllentors neben dem heutigen Eingang, welches ursprünglich für ein «Führermuseum» in Linz vorgesehen war. Bührle finanziert den ersten Erweiterungsbau von 1958 für den bereits denkmalgeschütze Wohngebäude des Krautgarten-Quartiers abgerissen wurden.1968 wird öffentlich, dass die Oerlikon-Bührle AG illegale Waffenlieferungen an Länder betrieb, die mit einem Embargo belegt waren. Als Konsequenz wird 1975 der «Bührle-Saal» des Pfister-Anbaus in «Grosser Ausstellungssaal» umbenannt, nur um fünfundzwanzig Jahre später unter der Direktion von Christoph Becker wieder seinen Ursprungsnamen zu erhalten

«Trotz beträchtlicher finanzieller und personeller Unterstützung durch die öffentliche Hand wird das Wettbewerbsprogramm vom Kunsthaus und den privaten Stiftungen bestimmt.»

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Erst Jahre nach der Abstimmung wird die Verlegung der Sammlung vom defizitären Privatmuseum in ein öffentlich subventioniertes Gebäude, sowie personelle Überschneidungen zwischen dem Kunsthaus Zürich und Stiftungsrat der Sammlung Bührle medial thematisiert. 2017 vergibt die Stadt einen Forschungsauftrag an die Universität Zürich, um sie «historisch […] kontextualisieren» zu lassen. 2020 wird ein Revisionsverfahren eingeleitet, da die Studienergebnisse mit massgeblichen Eingriffen des Stiftungsvorstandes veröffentlicht wurden und die Unabhängigkeit der Forschung nicht sichergestellt war. Medialer Druck führt im Februar 2022 zur Überarbeitung und Veröffentlichung der Verträge zwischen der Sammlung Bührle und dem Kunsthaus.

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Das Krautgartenquartier mit 13 Altstadthäusern und 100 Bewohner:innen musste in der Nachkriegszeit dem Pfisterbau weichen. (Quelle: Fotografie von 1946, Schweizerische Lichtbildanstalt, Baugeschichtliches Archiv Zürich)

Die physische Permanenz des Gebäudes findet ihr Pendant im intransparenten Umgang der Institution mit ihrer Vergangenheit. Die bauliche Entwicklung zeichnet sich über die folgenden Jahrhunderte durch Radierung aus, jede Schicht versiegelt rücksichtslos die vorangegangenen. Je tiefer die Auseinandersetzung mit dem Ort, desto mehr liest sich seine jüngere Geschichte als chronisches städtebauliches Scheitern. Mit dem Abriss inventarisierter oder denkmalgeschützter Bauwerke verschwindet eine Vielzahl persönlicher Verbindungen. Konsumorientierte Programme ersetzen zugängliche, gewachsene Grünräume. Die Schutzwürdigkeit der Gebäude weicht zugunsten von vermeintlichen öffentlichen Interessen und weist auf, wie fragil die Begriffe des «Inventars» und des Denkmals sind. Laut dem Hochbaudepartment der Stadt Zürich stehen inventarisierte Bauten nicht unter Schutz. 

«Wie umgehen mit auf Ewigkeit angelegten Architekturen, ohne dass zukünftige Veränderungen in ihrer Kleinteiligkeit kapitulieren?»

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Über allfällige Schutzmassnahmen wird erst im Zusammenhang mit einem Bauvorhaben entschieden. Oftmals werden die baulichen Interessen höher gewichtet, selten wird mit dem Verschwinden von Bausubstanz das im Abtausch formulierte Versprechen an die Bevölkerung zurückgegeben. Was ein Museum ist und leisten soll, scheint zum Zeitpunkt der Auslobung allen Beteiligten klar: «Klassische» Ausstellungsräume sollen ideale Belichtungs- und Klimaverhältnisse zur Ausstellung von «Flachware» bieten. Trotz beträchtlicher finanzieller und personeller Unterstützung durch die öffentliche Hand wird das Wettbewerbsprogramm vom Kunsthaus und den privaten Stiftungen bestimmt. Das Programm sieht zudem eine zentrale Halle vor, als «vitaler Ort» und «grosszügiger überdachter urbaner Begegnungsraum», welcher das Spektrum zwischen «Museum» und «Mall« angemessen auslotet und in seiner Durchlässigkeit der Bahnhofshalle vergleichbar ist. Die Halle soll zusammen mit dem projektierten «Garten der Kunst» als öffentliche Durchgangs- und Aufenthaltsräume den Pfauenpark ersetzen, der bis anhin die benachbarten Quartiere verband.

Ein maximal kompaktes Heiz- und Kühlsystem, das im Planungsprozess oberste Priorität geniesst, vollendet die verbauten Permanenzansprüche. Zu rigide scheint die massive Tragstruktur des Erweiterungsbaus, ausgeführt als dreidimensionales Brückentragwerk, das statisch determinierte Tatsachen, ineinander verschachtelte Abhängigkeiten, eingeschriebene Veränderungsresistenz erstellt. Wie umgehen mit auf Ewigkeit angelegten Architekturen, ohne dass zukünftige Veränderungen in ihrer Kleinteiligkeit kapitulieren, oder schlimmer, in ebenbürtiger Stringenz das überholte Machtspiel reproduzieren?

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«Sit mens sana in corpore sano»: Inschriftentafel an der 1880 fertiggestellten Turnhalle von Otto Weber. Darunter eine Sprayzeichnung von Harald Naegeli als stummer Protest zum Abriss der inventarisierten Turnhallen. (Quelle: Juliet Haller, Amt für Städtebau)

Mangels der architektonischen und städtebaulichen Qualitäten des Neubaus, können die Kolumnist:innen sich nicht vorstellen, dass der kompakte Baukörper in sechzig Jahren denkmalschutzrechtlich diskutiert wird. Um ihn dennoch vor Abriss zu schützen und seine Baumasse für eine weitere Öffentlichkeit zu nutzen würden sie seine Schutzwürdigkeit mit dem Streitwert argumentieren: Der Streitwert: «Das [Bau]denkmale wertvoll sein können, nicht obwohl, sondern gerade weil über sie gestritten wird, weil sie gesellschaftliche Konflikte anschaulich und verhandelbar machen.»

Die Energiebilanz um den Erweiterungsbau ist bemerkenswert: Die öffentliche Hand förderte das Vorhaben in Form eines Wettbewerbsverfahren, Heerscharen von Beamt:innen, einer Volksabstimmung, eines Grundstücks, sowie Krediten für Bau und Betrieb. Unzählige Architekt:innen entwarfen einen Neubau, dessen Projektleiter bis heute nicht vom Ergebnis überzeugt ist. Hinzu kommt die mediale Resonanz, als Debatte über die Beherbergung einer Nazigeld-Sammlung in einer öffentlich subventionierten Institution, sowie über deren rückschrittliche und intransparente Tätigkeiten. Eine erfolglose Rekursbewegung, die den Bau aufgrund seiner städtebaulichen Mängeln verhindern wollte, füllen trotz ihres Scheiterns weiterhin Kommentarspalten unkritischer Medienberichterstattung. Die jüdische Künstlerin Miriam Cahn möchte ihre Werke im Kunsthaus zurückkaufen. Eine Gruppe Studierender und Lehrender der ETH und ZHdK, organisierten im März 2022 das Symposien «Können wir das Kunsthaus retten?». Im Oktober 2022 eröffnet die Ausstellung des Künstlers Cyril Tyrone Hübscher, der mit der Darstellung eines ruinenhaften Zustands des Neubaus Hoffnungen auf bauliche Veränderungen weckt. Die Liste derer, die am Neubau weiterbauen wollen, ist lang. 

Heute sind die Umrisse der abgerissenen Turnhallen nur noch in der Standardeinstellung von Google Maps zu sehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie auch dort verschwunden sind, um digital von der Kunsthaus Erweiterung verdrängt zu werden. 

Article image for Die Schönheit der Fehlplanung

ZAS*

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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