Aktivist:innen mobilisieren auf Zürcher Plätzen für Wohndemo

Am vierten Mittwoch in Folge verteilen Aktivist:innen auf einem Zürcher Platz gratis Essen für die Bevölkerung. Der Anlass soll Menschen vernetzen und Kräfte für die Wohndemo vom kommenden Samstag bündeln.

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Die «Küche für Alle» und die Velowerkstatt wurden von Menschen aus dem Umfeld der besetzten Post in Wipkingen organisiert.

Es ist Mittwochabend und der Bullingerplatz ist voller Menschen, die versuchen, die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. Etwas abseits haben einige Leute eine Velo-Reparatur-Station aufgebaut. Unter dem Namen «Velonom» flicken sie üblicherweise in der besetzten Post am Wipkingerplatz Velos und verstehen sich als «öffentliche selbstverwaltete Velowerkstatt».

Auch in der Menschenmenge um den Brunnen befinden sich Personen aus dem Umfeld der Besetzer:innen, die an diesem Abend eine «Küche für alle», kurz Küfa, organisieren.

Gleiche Anlässe mit wechselnden Koch-Teams hatte es zuvor schon jeweils mittwochs in Seebach, am Röntgenplatz und am Röschibachplatz gegeben. Auch in Winterthur wurde am letzten Donnerstag gekocht. Die Idee dahinter: sich solidarisch zeigen, für die Wohndemo vom Samstag werben und einen Ort bieten, an dem sich Aktivist:innen untereinander vernetzen können.

Küche für alle Wohndemo Bullingerplatz
Neben der Küfa haben Mitglieder des «Velonom» eine Velowerkstatt aufgebaut.

An der Bar gibt's «Gentri-Spritz»

Kurz vor halb sieben kreuzen weitere Organisator:innen der Küfa auf, entladen Getränkekisten aus ihren Einkaufswagen und Töpfe voller Lebensmittel aus einem weissen Minivan. Alles wird auf Holztischen rund um den Brunnen platziert.

Auch eine kleine Bar bauen die Aktivist:innen auf, rund um den Bullingerplatz kleben sie Plakate an Wände und Säulen und hängen Banner zwischen die Bäume. Im Handumdrehen ist alles installiert und die Helfer:innen sind bereit, das dampfende Essen zu schöpfen.

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Für das Essen aus der Küfa standen die Menschen Schlange.

Was es gibt? «Goldener Reis mit allen möglichen Toppings, Tzatziki, Curry-Cashews, Kichererbsen und Koriander», antwortet eine Helferin. Beim Kochen gelte es, pragmatisch zu sein. Schliesslich werden an den Küfas teils hunderte Portionen Essen verteilt. Dieses ist gratis, doch die allermeisten werfen ein paar Münzen oder Scheine in das Spendenkässeli.

Über die Boxen läuft leise Pink Floyd, an der Bar gibt es Sirup für einen, Mate für zwei und Bier für drei Franken Richtpreis, und dazu noch einen Drink mit dem Namen «Good Night White Pride» und einen «Gentri-Spritz».

Als die meisten Bäuche gefüllt sind, findet sich Gelegenheit, Mitgliedern des Organisationskomitees der Wohndemo ein paar Fragen zu stellen. Das Gespräch findet anonymisiert, beziehungsweise mit falschen Namen statt, niemand will sich in den Vordergrund drängen. Denn die Aufmerksamkeit soll einzig und allein auf der Demonstration vom kommenden Samstag liegen, die von zahlreichen unterschiedlichen Gruppierungen und Einzelpersonen organisiert ist.

Keine Parteien im Organisationskomitee

«Die Idee ist, die Demo so breit wie möglich abzustützen. Wir haben nach der letzten Demo dazu aufgerufen, dass sich verschiedene Menschen bei uns einklinken sollen. Aber es sind absichtlich keine Parteien dabei», erklärt einer der Aktivist:innen, der sich als Tobias vorstellt. 

Es gehe bei der Demo weniger um konkrete Forderungen und mehr darum, ein breites Spektrum an Menschen und Organisationen zu mobilisieren und so der «Wohnkrise Aufmerksamkeit zu verschaffen». So seien dieses Jahr auch Klima- und Feminismus-Verbände an der Demo dabei, ebenso wie Sans-Papiers und Armutsbetroffene, sagt Marta.

Küche für alle Wohndemo Bullingerplatz
Rund um den Bullingerplatz wurden Plakate und Banner aufgehängt.

«Wir lassen die Veranstaltung jedes Jahr bewusst bewilligen, damit auch Menschen teilnehmen können, die noch nicht oft an einer Demo waren oder ansonsten Repressionen befürchten müssten», erklärt sie weiter.

Von der Zürcher Rathausbrücke wird die Demo über den Limmatquai zum Landesmuseum ziehen, dann weiter über den Limmatplatz und die Langstrasse und Kanonengasse und wird am Helvetiaplatz, beziehungsweise Ni Una Menos Platz, wie ihn das Organisationskomitee nennt, enden. 

Ihre Hoffnung für den Samstag: «Dass die Resignation bei der Bevölkerung abnimmt. Früher hat es solche Demos kaum gegeben, obwohl das Thema bereits drängend war», sagt Tobias.

Doch in den letzten Jahren sei das Problem dringlicher geworden: «Eigentlich gibt es mehr oder weniger Konsens über das Problem, auch die Rechten können es nicht mehr abstreiten. Sie kommen einfach auf andere Schlüsse», fügt er an.

Bei der Demo gehe es auch darum, «ein anderes Politikverständnis zu entwickeln und den Menschen zu zeigen, dass sie Handlungsmacht haben», ergänzt ein dritter Aktivist. Denn: «Wenn man sich nicht wehrt, wird es immer schlimmer». Er betont: «Die meisten Kämpfe gegen die Wohnkrise sind aus der schieren Not entstanden.»

Mut geben und Kämpfe vereinen

Marta nickt und sagt «Es braucht die Realisierung, dass wir alle gemeinsam etwas ändern müssen.» Die Wohndemo könne helfen, die Menschen zu politisieren und verschiedene Kämpfe zu verbinden, sie könne zu Solidarität zwischen Einzelpersonen führen und ihnen Mut geben, sich zu wehren.

Nach einem Abstecher an die Bar löst sich das Gespräch langsam auf. Die Küche ist inzwischen abgebaut und die Sonne längst untergegangen, doch noch immer tummeln sich die Menschen auf dem Bullingerplatz. 

Die Hoffnung bei den Organisierenden ist gross, dass die Zahl der etwa 5000 Demonstrierenden aus dem Vorjahr weit übertroffen wird. 

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