Gemeinderätin der Woche: Nadina Diday (SP)

Nadina Diday hat die UNO und westafrikanische Regierungen beraten. Seit 2022 sitzt sie im Zürcher Gemeinderat und wünscht sich, dass neben dem Klein-Klein der Lokalpolitik die grossen Bögen nicht aus den Augen geraten.

Nadina Diday, SP
Von Mali und dem Kongo ins Rathaus am Bullingerplatz: Nadina Diday. (Quelle: Steffen Kolberg)

In der Debatte um die Ausgliederung des Zürcher Stadtspitals, die in dieser Woche die Gemüter im Gemeinderat erhitzte, fiel Nadina Diday mit einem äusserst klar strukturierten Beitrag auf. Vier Anforderungen habe ihre SP an das Stadtspital gestellt, erklärte sie. Dies seien eine hohe Versorgungsqualität, gute Arbeitsbedingungen, demokratische Mitsprache und Aufsicht sowie Zukunftsfähigkeit. «Entlang dieser Anforderungen haben wir innerhalb der Fraktion intensiv diskutiert und sind dann schlussendlich zu dem klaren Entscheid gekommen, dass ein Stadtspital besser in einer Dienstabteilung aufgehoben ist», schloss sie.

Im Gespräch merkt man schnell, dass Diday es versteht, Gedanken erst zu strukturieren, bevor sie sie äussert. Eine Fähigkeit, die sie wahrscheinlich aus ihrem Berufsleben mitgebracht hat. Dieses hat die 41-Jährige vor allem in der Friedensförderung verbracht. Für die Schweizerische Friedensstiftung Swisspeace war sie unter anderem in Guinea, Mali und dem Kongo unterwegs und beriet unter anderem das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, NGOs sowie Firmen.

2020 wechselte Diday zum WWF, wo sie als Verantwortliche Menschenrechte arbeitet. Seither sei sie nicht mehr so viel auf Reisen, erzählt sie. Das habe ihr die Möglichkeit gegeben, sich auf lokaler Ebene zu engagieren. Dass sie bei der Gemeinderatswahl 2022 tatsächlich gewählt wurde, habe sie selbst überrascht, so Diday. Damals wurde ein Rekordanteil an Frauen auf die Wahlzettel geschrieben, auch die SPlerin überholte im Wahlkreis 7 & 8 einen Bisherigen.

Es habe sie am Anfang irritiert, dass im Gemeinderat sehr viel auf der Mikro-Ebene verhandelt werde, sagt sie und zählt den Tukan in der Stadtgärtnerei und den Selecta-Automaten am Römerhof als Beispiele auf. «Ich habe das Gefühl, wir verlieren manchmal die grossen Bögen aus den Augen. Die Vision, wo wir hinwollen in dieser Stadt.» Die Kommission des Gesundheits- und Umweltdepartements liege ihr auch aus diesem Grund: «Es ist ein strategisches Gremium und keines, das sich im Klein-Klein verliert. Mit Netto-Null oder der Altersstrategie befassen wir uns ausserdem mit Themen, die bleiben und in der Zukunft noch relevanter werden.»

«Ich stehe fest hinter der Vision der Sozialdemokratie», so Diday, die bereits seit 2007 SP-Mitglied ist. Ihre Eltern arbeiteten beide im sozialen Bereich, die politischen Diskussionen am Familientisch hätten sie geprägt, sagt sie. «Ich habe früh mitbekommen, dass es Menschen gibt, die nicht das Glück hatten, in einem privilegierten und intakten Umfeld zu leben wie ich. Deshalb wollte ich meine berufliche Laufbahn so ausgestalten, dass ich einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten kann.»

Warum sind Sie Gemeinderätin geworden? Ich habe viele Jahre im internationalen Kontext gearbeitet, in Ländern wie Mali, Kongo, Guinea oder Burkina Faso. So spannend das ist, man ist oft nur ein paar Wochen vor Ort, berät Organisationen, Firmen oder Regierungen und weiss aber gar nicht, ob die eigene Arbeit einen Beitrag zu mehr Frieden, sozialem Zusammenhalt oder Gerechtigkeit geleistet hat. Darum hat es mich gereizt, Politik in einem Umfeld zu machen, in dem ich irgendwann auch die Früchte meiner Arbeit sehen kann. Ich will, dass meine Arbeit Sinn macht, aber ich will auch sehen, dass sie Sinn macht. Mit welche:r Ratskolleg:in der Gegenseite würden Sie gerne mal ein Bier trinken gehen? Ich bewege mich gerne ausserhalb meiner eigenen Bubble und finde es anregend, mich mit einem Gegenüber auszutauschen, das nicht gleicher Meinung ist wie ich. Dabei kann ich neue Perspektiven und Lebensrealitäten kennenlernen und bin in meiner Argumentation mehr gefordert. Gerne würde ich mit Frank Rühli (FDP) ein Bier trinken. Er ist Mumienforscher und DJ und hat einen sehr guten Humor. Das sind doch ideale Voraussetzungen für ein Bier. Welches Abstimmungsergebnis hat Sie bisher am meisten geärgert? Der Kauf des Uetlihofs wäre ein grosser Wurf gewesen, den wir leider nicht gemacht haben. Aber so sind halt die demokratischen Prozesse, Verlieren gehört genauso dazu wie Gewinnen, und der Mehrheitsentscheid muss respektiert werden. Was mich mehr nervt als solche Niederlagen, ist, dass wir uns so viel mit Mikro-Entscheidungen beschäftigen und uns weniger mit den grossen, strategischen Fragen für ein solidarisches, buntes und nachhaltiges Zürich beschäftigen.

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