Gemeinderätin der Woche

Cordelia Forde (SP): «Ich will mich für mehr Solidarität einbringen»

Bereits im Schulalter lösten internationale Konflikte bei Cordelia Forde den Wunsch aus, mitzuwirken. Seit knapp vier Monaten ist sie lokalpolitisch für die SP im Gemeinderat aktiv. Ihr damaliges Engagement für Menschenrechte prägt sie dabei bis heute.

GR Cordelia Forde
Cordelia Forde fühlt sich in Wollishofen daheim und geniesst besonders die Sommermonate im Quartier. (Bild: Minea Pejakovic)

Cordelia Forde erinnert sich noch genau an ihre erste Demonstration: «Mit meinem Vater und Schulkameradinnen marschierten wir 2003 gegen den Irakkrieg.» Als Mitglied der Grünen Partei hat ihre Mutter sie in Sachen Nachhaltigkeit und Solidarität geprägt.

Als junge Erwachsene beschäftigten die heute 37-Jährige zunehmend Fragen zur globalen Ungerechtigkeit. Auf der Suche nach Antworten zog sie für ihr Studium der internationalen Beziehungen nach Genf.

Beruflich war Forde zunächst auf der internationalen politischen Ebene tätig, unter anderem auf der Schweizer Botschaft im Kosovo. «Diese globale Vogelperspektive hat mir gezeigt, dass weltweite Ungleichheit durch lokales Handeln entsteht», erzählt sie.

Durch diese Erkenntnis begann sie dann ihr Jurastudium «mit dem Ziel, sich für den Schutz und die Rechte der Betroffenen dieser globalen Ausbeutungsstrukturen einzusetzen», so die SP-Politikerin.

Forde engagierte sich zunehmend lokal, etwa in Kampagnen für Konzernverantwortung und Sans Papiers. Als Freiwillige beriet sie ausserdem geflüchtete Personen in Notunterkünften: «Die prekären Zustände der Familien in den Unterkünften schockieren mich bis heute.»

Im Oktober rückte Forde schliesslich in den Gemeinderat nach, wo sie die Kreise 1 und 2 vertritt. Zu Letzterem gehört auch das Quartier Leimbach, das im vergangenen Dezember stark in den Medien präsent war.

Die Stadt entschied damals, das geplante Asylzentrum im leerstehenden Alterszentrum umzusetzen. Aus Fordes Sicht geriet die Diskussion um die geplante Asylunterkunft rasch aus den Fugen, da sie vielfach auf falschen Annahmen beruhte.

«Die Stimmung wurde von der rechten Seite unter anderem durch Falschinformationen und Fake-Flyer aufgeheizt», sagt sie. Die Debatte sei damit «auf dem Rücken von Menschen geführt worden, die ohnehin in einer sehr schwierigen Situation sind».

Auch beruflich spielt das Asylwesen für die Gemeinderätin eine zentrale Rolle. Sie ist Juristin bei der Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA). Dort vertritt sie geflüchtete Personen gegenüber Behörden und vor Gericht, etwa bei einem Familiennachzug, einem Härtefallgesuch oder negativen Asylentscheiden.

Abseits ihres Büros und dem Stadtparlament trifft man die Politikerin am ehesten draussen: «In meiner Freizeit bin ich am liebsten mit meiner Familie in Wollishofen am See unterwegs.» Bis vor Kurzem habe sie zudem in der Alternativen Liga Fussball gespielt. «Fussball hat mich für geschlechtliche Gleichstellung sensibilisiert. Als ich als Kind im Fussballclub war, musste ich mich als einziges Mädchen im Team in der Schiedsrichterkabine umziehen», erzählt sie.

Auch als Mutter seien ihr strukturelle geschlechtliche Diskriminierungen wie die fehlende Elternzeit verstärkt aufgefallen – ein Thema, das sie bei einer Wiederwahl im Gemeinderat stärker angehen möchte.

Warum sind Sie Gemeinderätin geworden?

Aus einem Verantwortungsgefühl heraus. Meine juristische Arbeit wird durch die Politik von rechts ständig restriktiver. Ich will mich daher auch politisch für mehr Solidarität einbringen. Es ist ein Privileg, mitbestimmen und lokalpolitisch viel ändern zu können – das wollte ich möglichst gut nutzen. Deshalb habe ich für den Gemeinderat kandidiert.

«Mir ist eine offene Kommunikation wichtig, um Lösungen zu finden, von denen die Bevölkerung tatsächlich profitiert.»

Cordelia Forde, Gemeinderätin

Welches Abstimmungsergebnis im Rat hat Sie am meisten gefreut?

Besonders gefreut hat mich zuletzt die Entscheidung, Sans-Papiers künftig eine medizinische Grundversorgung zu gewähren und Menschen mit F- und S-Status erleichterten Zugang zu Stipendien zu ermöglichen. Ebenso bedeutend war es, dass wir während der Budgetdebatte mehr Mittel für humanitäre Hilfe sichern konnten.

Gibt es denn ein Abstimmungsergebnis, das Sie am meisten geärgert hat?

Seit ich im Gemeinderat bin, hatten wir erfreulicherweise fast immer die Mehrheit. Mehr gestört haben mich die kantonalen Abstimmungen wie beispielsweise die Ablehnung des Vorkaufsrecht. Im Gemeinderat war ich zuletzt enttäuscht, dass der Beitritt der Stadt zur «Blue Community» abgelehnt wurde. Die «Blue Community» erkennt Wasser als Menschenrecht an und setzt sich für den öffentlichen Zugang zum Wasser ein.

Wofür kennt man Sie im Rat – auch ausserhalb Ihrer Partei?

Ich glaube, dafür ist es noch etwas zu früh. Aber ich gelte als gute Zuhörerin. Mir ist eine offene Kommunikation wichtig, um Lösungen zu finden, von denen die Bevölkerung tatsächlich profitiert.

Mit welcher Gemeinderätin oder welchem Gemeinderat der politischen Gegenseite würden Sie gerne ein Getränk nach Wahl trinken?

Mit Bernhard im Oberdorf (Die Mitte). Ich finde es mutig, dass er nach bald 30 Jahren im Gemeinderat der SVP endlich den Rücken gekehrt hat.

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Minea Pejakovic

Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.

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