Gemeinderat der Woche

Micha Amstad (SP): «Die Rechte von Arbeitnehmenden sind für mich zentral»

Am Familientisch politisiert, setzt sich Micha Amstad heute vor allem für die Rechte von Arbeitnehmenden ein. Seit Oktober tut er das nicht nur beruflich, sondern auch im grössten kommunalen Parlament der Schweiz.

Gemeinderat Micha Amstad
Micha Amstad ist seit fast 17 Jahren politisch aktiv. (Bild: Minea Pejakovic)

Vor fünf Jahren kam Micha Amstad von seiner Heimatstadt Luzern nach Zürich. Es war die Arbeit, die ihn in die Limmatstadt verschlug und schliesslich in den Kreis 5 führte. Heute gibt es für ihn keinen besseren Ort in der Stadt. «Für mich ist es einer der spannendsten Stadtteile», sagt er, «gerade weil er so vielseitig ist – sowohl in Bezug auf die Bevölkerung als auch auf das kulturelle Angebot.» 

Gleichzeitig treibt den SP-Politiker die Sorge um, dass diese Vielfalt durch die Verdrängung infolge des angespannten Wohnungsmarkts verloren gehen könnte. «Leider ist das teilweise bereits spürbar», meint er.

Sein Engagement für den Kreis 5 beschränkt sich heute nicht nur auf die politische Arbeit im Gemeinderat: Er ist auch im Vorstand des Röntgenplatzfests aktiv und gestaltet so das Quartierleben mit.

Seine Freizeit verbringt Amstad am liebsten mit Freund:innen. Er geht wandern, fährt Velo durch die Stadt oder fiebert mit seinem Lieblingsfussballclub mit – dem FC Luzern, auch wenn er in Zürich «klar ein Sympathisant vom FCZ» ist, wie er hinzufügt.

Politisch geprägt wurde der heute 33-Jährige besonders durch seine Eltern. «Sie sind beide stark politisiert, also war das Interesse an Politik bei mir von Anfang an da», erzählt er. Später hätten verschiedene Ereignisse, wie etwa die Weltwirtschaftskrise Ende der Nullerjahre oder die Initiative gegen den Bau von Minaretten, seine politische Haltung nachhaltig beeinflusst. «Daher engagierte ich mich relativ früh bei der JUSO und später bei der SP», so Amstad.

Hauptberuflich arbeitet der Gemeinderat als Zentralsekretär für Nahverkehr und Jugend beim Schweizer Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), wo er zudem die Finanzen leitet. In seinem Beruf unterstützt er Arbeitnehmende, damit diese zu ihren Rechten kommen. «Der Job ist sehr basisnah – die Mitglieder geben den Takt vor, und wir suchen gemeinsam nach Lösungen», erklärt er.

Dass sich diese berufliche Erfahrung auch auf seine politische Arbeit im Gemeinderat auswirkt, liegt für Amstad auf der Hand. Die Tradition der Gewerkschaften sei ein wesentlicher Grundpfeiler der Sozialdemokratie, sagt er. «Die Rechte von Arbeitnehmenden sind für mich seit langem ein zentrales Anliegen.» Entsprechend befasste sich sein erster Vorstoss im Rat mit den prekären Arbeitsbedingungen von Uberfahrer:innen.

Warum sind Sie Gemeinderat geworden?

Ich hatte schon lange den Wunsch, in einem solchen Gremium mitzuarbeiten und politische Verantwortung zu übernehmen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als sich diese Möglichkeit im Oktober ergeben hat.

Es kam eher unverhofft, aber ich finde es eine grossartige Chance, zumindest für ein halbes Jahr bis zu den Wahlen im Gemeinderat mitarbeiten zu können. Dennoch hoffe ich natürlich auf eine Wiederwahl.

Welches Abstimmungsergebnis im Rat hat Sie am meisten gefreut?

Gleich zu Beginn meiner Amtszeit wurden die Kita-Subventionen ausgeweitet, was ich als eine riesige Errungenschaft sehe. Zuletzt hat es mich zudem besonders gefreut, dass der Gemeinderat anfangs Jahr den Zugang zur medizinischen Grundversorgung für Sans-Papiers durchgesetzt hat.

Beides sind für mich  bedeutende Meilensteine und ich empfinde es als grosse Freude, an solchen wichtigen Entscheidungen mitwirken zu dürfen.

Welches hat Sie am meisten geärgert?

Aktuell kommen wir im Gemeinderat grundsätzlich gut voran. Ärgerlich ist aber, dass erzielte Fortschritte auf anderen Ebenen immer wieder von bürgerlicher Seite angegriffen werden – sei es durch Rekurse oder durch Versuche, über den Kanton Einfluss zu nehmen. Ein Beispiel hierfür waren die Abstimmungen im November zu Tempo 30 und zum Vorkaufsrecht. Das ist einerseits inhaltlich frustrierend und andererseits demokratiepolitisch problematisch.

Wie gehen Sie mit politischen Niederlagen um?

Verlieren gehört dazu und Frustration ist unvermeidlich. Gleichzeitig hat sich bei mir mit der Zeit eine realistische Haltung entwickelt. Niederlagen sind für mich ein Ansporn, weiterzumachen und nach kreativen Lösungen zu suchen. Entscheidend ist dabei das Umfeld, in dem man Politik macht. In der SP habe ich mich diesbezüglich immer gut aufgehoben gefühlt.

Mit welcher Gemeinderätin oder welchem Gemeinderat der politischen Gegenseite würden Sie gerne ein Getränk nach Wahl trinken?

Ich bin noch nicht lange genug im Gemeinderat, um diese Frage abschliessend beantworten zu können. Ich fände es jedoch spannend, mit Përparim Avdili (FDP) zusammenzusitzen. Mich würde interessieren, welche konkreten Ideen er zur Bekämpfung der Wohnkrise hat. Bisher habe ich in der Öffentlichkeit ehrlich gesagt noch nicht viel Substanzielles von ihm wahrgenommen, ausser dass er unsere Ansätze oft verhindern möchte.

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Minea Pejakovic

Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.

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