Die Betonreserven am Triemli

Überbleibsel einer vergangenen Zeit bieten oft viel Potenzial, etwas Neuartiges zu entwickeln, finden die Autor:innen der Architekturkolumne. Sie erklären am Beispiel von drei Hochhäusern beim Triemli, welches Potenzial in den städtischen Betonreserven steckt und welche Rolle die Nachhaltigkeit dabei spielt.

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Blick aus dem Bettenhaus des Triemlispital, 2017 (Bild: Baugeschichtliches Archiv, Juliet Haller)

Von ZAS*

Beton als Baustoff gerät zunehmend in Kritik. Bisher findet man kaum klimafreundliche Alternativen zu dem Sand-Zement-Gemisch. Allerdings gibt es Betonreserven in Form von Gebäuden, dessen Bedeutung bisher zu wenig diskutiert wird. 1969 fertiggestellt, dienten die drei 15-stöckigen Betontürme beim Triemli bis vor einigen Jahren als Personalhäuser des Spitals, heute stehen sie grösstenteils leer.

Im Jahr 2023 sollen sie abgerissen werden. Unter anderem wird diese Entscheidung mit den zu kleinen Wohneinheiten begründet – ein Vergrössern der Räume sei im gegebenen Tragwerk nicht möglich. Doch wäre ein Umbau wirklich so undenkbar?

Der Entscheid für den Abriss der Türme wurde bereits 2003 mit der neuen Gesamtplanung für das Triemlispital gefällt. Die Stadt argumentierte damals, dass sich eine Sanierung der Türme mit 80 Prozent der Neubaukosten nicht lohnen würde. Gerade im Einbeziehen der grauen Energie in die Energiebilanz von Gebäuden hat sich in den letzten Jahren aber extrem viel verändert.

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Blick auf die drei Personalhäuser aus dem Wald vom Ueltiberg, 1984 (Bild: Baugeschichtliches Archiv)

Neben der enormen Energie, die in solch massiven Strukturen verbaut ist, besitzen diese auch eine sehr lange Lebenszeit und bieten daher Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Mit jedem Abriss wird dieses Potential verschwendet. Die insgesamt 750 Zimmer offenbaren im Licht des starken Verdichtungsdrucks und der umwelt- und sozialverträglichen Entwicklungsstrategie der Stadt Zürich eine Chance: Würde ein Umbau der Türme in Angriff genommen werden, so könnte dort Wohnraum für eine Vielzahl von Menschen geschaffen werden.

Eine Vielzahl an Wohnformen

Wie könnte also ein solcher Umbau der Türme aussehen? Eines der Hochhäuser wurde bereits leicht umgebaut und als temporäres Altersheim genutzt. In den obersten fünf Geschossen schuf man dafür grosszügige Gemeinschaftsbereiche und Durchblicke, um die eher kleinteilige Zimmerstruktur aufzubrechen. Die Zimmer in den mittleren Geschossen wurden neu gestrichen und werden seit 2006 weiterhin an das Personal und Externe vermietet.

Im Dokument «Temporäres Altersheim im Stadtspital Triemli» erklärte das Amt für Hochhauten 2005 folgendes: «Der Entscheid, den oberen Teil des Hauses umzunutzen, hatte vor allem statische Gründe, doch bringt er den Vorteil einer beeindruckend schönen Aussicht nach allen Himmelsrichtungen mit sich.»

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Daraus lässt sich folgern, dass die Türme einen oberen und einen unteren Teil bekommen könnten. Innerhalb dieser Struktur liessen sich Wohnformen für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen realisieren: «Im Alter nochmals umzuziehen sei ein einschneidendes Ereignis», erzählt die Heimleiterin des Altersheims Wollishofen, welches vorübergehend ins Triemli gezogen ist. Sie rate den Pensionär:innen, den durchaus attraktiven Aufenthalt als verlängerte Ferien anzusehen. Ja, sie seien alle zusammen in den Ferien, ihren Alltag hätten sie einfach mitgenommen», geht aus dem Dokument des Amts für Hochbauten hervor.

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Aussicht von einem Zimmer in Zwischennutzung, 2021 (Bild: ZAS*).

Die Kunst des Unfertigen

Der Abriss wirft auch eine generelle Debatte über Hochhäuser auf. Die Stadtkrone vom Triemli erinnern manch eine:n Zürcher:in an die Waldstadt, ein fast vergessenes Projekt aus dem Jahr 1971. Als Antwort auf die drohende Wohnungsnot und Zersiedelung plante die Stadt damals eine 4,5 Kilometer lange Hochhaus-Siedlung für 100’000 Einwohner:innen im Wald des Züribergs.

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Projekt «Waldstadt», 1971 initiiert vom Zürcher Stadtrat (Bild: NZZ vom 02.09.21 / Keystone).

Heute wirkt ein solches Projekt zwar undenkbar, doch seit der Initiative, die 1984 den Hochausbau aus der Stadt verbannte, hat sich viel bewegt. In den Jahren seit 2005 werden wieder vermehrt Hochhäuser gebaut und die Vorstellung, in deren Höhe zu leben, wird von einem breiteren Teil der Gesellschaft getragen.

Aus Sicht der Denkmalpflege wurde entschieden, dass die drei Türme nicht relevant sind. Anschliessend hat man das Ziel formuliert, mit den neuen Bauten eine Stadtkrone zu bilden. Doch ist die Stadtkrone nicht schon vorhanden? Die hohen Gebäude am Fuss des Uetlibergs bilden wahrhaftig ein imposantes Ensemble.

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Was passiert mit dem Triemlitürmen? (Bild: ZAS*).

Nicht zuletzt sind die Türme Bedeutungsträger und von vielen Punkten aus der Stadt sichtbar. Man sollte nicht unterschätzen wie hoch das Potenzial ist, den Türmen mit gewissen Eingriffen neue Gesichter zu geben. Überbleibsel einer vergangenen Zeit bieten oft viel Potenzial, etwas Neuartiges zu entwickeln. Die Wohnarchitektur ist schliesslich eine unreine Kunst, eine Kunst des Unfertigen.

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Bild: Elio Donauer

<div style="background-color:#3dafe8;color:white;font-weight:bold;padding:10px"> ZAS*</div> <div style="font-size:18px;padding:10px;background-color:#dddddd"> ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected] </div>

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