Markus Knauss: «Man muss nicht Stadtrat sein, um die Stadt zu verändern» - Tsüri.ch #MirSindTsüri
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Gemeinderat der Woche: Markus Knauss (Grüne)

Schon seit er 1998 in den Rat kam, bohrt Markus Knauss dicke Bretter: Verkehrswende, Parkplatzabbau, Tempo 30 und Lärmschutz sind die Schwerpunkte des 62-Jährigen, der hauptberuflich Co-Geschäftsführer des VCS Zürich ist.

Markus Knauss, Grüne

(Foto: Steffen Kolberg)

Zwei Tage, nachdem die Grünen bei den Nationalratswahlen einen herben Rückschlag erlitten haben, ist Markus Knauss bereits wieder guter Dinge. Er sammelt gerade Unterschriften gegen den Autobahnausbau in der Schweiz, und es laufe «extrem gut», verkündet er. Der Abstimmungskampf auf der Strasse, das Reden mit den Leuten mache ihm Spass.

Knauss erklärt, es gebe, gerade in der Stadt Zürich, viele Möglichkeiten für ihn, politisch Einfluss zu nehmen: Im Gemeinderat könne er über Projekte und das städtische Budget mitbestimmen. Als Co-Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) könne er rechtlich vorgehen und politisch in Volksabstimmungen Mehrheiten schaffen, wie letzthin in der Kampagne zu den kommunalen Richtplänen, wo der VCS federführend gewesen sei. Doch selbst wenn man die nötigen politischen Mehrheiten beisammen habe, sei am Ende die Umsetzung des politisch Beschlossenen alles andere als trivial.

Das mache in letzter Zeit einen Hauptteil seiner Arbeit aus, erzählt er. Doch schon seit er 1998 in den Gemeinderat kam, bohrt er dicke Bretter zu den immer gleichen Themen: die Verkehrswende weg vom Auto, weniger Parkplätze im Stadtgebiet, Tempo 30, konsequenter Lärmschutz für die Anwohnenden.

Weil ihm die Umsetzung dieser eigentlich breit unterstützten Themen viel zu langsam geht, macht er Druck auf den Stadtrat. Jährlich verantwortet Knauss eine zweistellige Anzahl an Vorstössen. Darunter die in dieser Woche diskutierte Interpellation zur Umsetzung von Lärmschutzmassnahmen mithilfe einer Reduktion auf Tempo 30. Die Antworten des Stadtrats fielen ähnlich aus wie meist bei diesem Thema: Man arbeite mehr oder weniger nach Plan, erschwerende Faktoren wie das übergeordnete kantonale Recht führten zu Verzögerungen, das Ziel habe man aber im Blick.

Knauss ist das wie zu erwarten nicht genug: Der Lärmschutz sei seit 1985 gesetzlich vorgegeben, passiert sei in den letzten zehn Jahren praktisch nichts, sagt er. Trotzdem findet er, dass das konsequente Nachhaken mittels Vorstössen Sinn macht: «Die Verwaltung ist auch eine lernende Institution: Wenn es Druck gibt, kann sie sich anpassen.» Wenn die Stadträt:innen im Rat Rede und Antwort stehen müssten, bewirke das etwas im Binnenverhältnis zwischen Stadtrat und Verwaltung.

Manche Kämpfe hat Knauss in seiner Karriere erfolgreich ausgefochten. Die Verlängerung der Tramlinie 8 im Rahmen der Westumfahrung geht beispielsweise auf einen Vorstoss von ihm zurück, und auch auf die neuen Richtpläne blickt er stolz zurück: «Hier haben wir ein super Gesamtpaket mit Blick auf die zukünftige Entwicklung der Stadt vorgelegt.» Zudem habe sich durch den Druck des Parlaments etwas in der Aufarbeitung der Bührle-Geschichte getan. Dass das Kunsthaus nun seinen Ausstellungsraum völlig neu konzipiere, sei ein Erfolg.

Anders als Balthasar Glättli, der zeitgleich mit Knauss in den Zürcher Gemeinderat kam und heute Präsident der Schweizer Grünen ist, hat Knauss die Bundespolitik nie interessiert, wie er sagt: «Ich finde es spannend, dass es im Gemeinderat um sehr handfeste Themen geht. Ich rede mit den Leuten auf der Strasse über ihre Probleme vor Ort, den Verkehr, die Bäume oder die Wohnsituation, und versuche dann daran etwas zu ändern.» Im Nachhinein sei er sogar froh, dass er bei seiner bislang einzigen Kandidatur für den Stadtrat 2014 nicht gewählt wurde: «Vermutlich kann ich im Gemeinderat sogar mehr erreichen, weil ich freier bin.»

Warum sind Sie Gemeinderat geworden?

Als Deutscher, der im Toggenburg aufgewachsen ist, hatte ich 1970 ein einschneidendes Erlebnis. Mit der Schwarzenbach-Initiative, die eine Reduktion des Bestandes an ausländischen Personen vorsah, ging ich davon aus, dass ich die Schweiz sofort verlassen müsse. Das hat mich politisiert. Und Gemeinderat geblieben bin ich, weil ich gemerkt habe, dass man nicht Stadtrat sein muss, um die Stadt zu verändern.

Mit welche:r Ratskolleg:in der Gegenseite würden Sie gerne mal ein Bier trinken gehen?

Mit Jehuda Spielman (FDP). Wir hatten einige nette, aber kurze Begegnungen, die ich gerne vertiefen würde.

Welches Abstimmungsergebnis hat Sie bisher am meisten geärgert?

Die Abstimmung über die Sonderbauvorschriften Maag-Areal Plus 2004. Rund ein Jahr lang hatte unsere Seite vieles im Griff, zehn Minuten vor Schluss der Beratungen hat die damalige Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) die öffentlichen Parkplätze unter der Hardbrücke ins Maag-Areal verschoben. Im Gemeinderat wurden dann wohl sieben Anträge von uns, mit Stichentscheid des Präsidiums, abgelehnt, weil eine Fraktionskollegin von mir in der letzten Gemeinderatssitzung vor Weihnachten lieber in Kreta Sonne tanken wollte, als an der Sitzung teilzunehmen. Diese Parkplätze sind nun immer noch Bestandteil des Projekts im Welti-Furrer-Areal, im Prime 3.

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