David Ondraschek: «Nur für das Papier mache ich etwas nicht» - Tsüri.ch #MirSindTsüri
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Gemeinderat der Woche: David Ondraschek (Die Mitte)

Nicht nur beruflich sucht David Ondraschek den Dialog, auch politisch will er vermittelnd zu pragmatischen Lösungen kommen. Als Brückenbauer sei sein politisches Engagement bei der Mitte nur folgerichtig, findet er.

David Ondraschek, Die Mitte

(Foto: Ladina Cavelti)

Das Postulat, das David Ondraschek in dieser Woche zusammen mit Andreas Egli (FDP) in den Rat brachte, überrascht auf den ersten Blick ein wenig: Die Beiden forderten darin öffentliche Informationsveranstaltungen, um bei geplanten Velovorszugsrouten die Bevölkerung mit einzubeziehen. Insbesondere beim damit einhergehenden Parkplatzabbau solle so die Debatte um Grundsatz-Positionen vermieden und stattdessen «kreative Lösungen» entwickelt werden, heisst es im Postulatstext. Doch informiert die Stadt nicht längst über ihre Bauprojekte und bindet so die Interessen der lokalen Bevölkerung in ihre Bauprojekte mit ein?

Grundsätzlich könne man Einsicht in die Planauflagen haben, das stimme, so Ondraschek. Ihm gehe es aber um einen zusätzlichen Dialog mit den Bürger:innen. In diesem Dialog solle unter anderem herausgefunden werden, wo in der näheren Umgebung ungenutzte Parkräume in Liegenschaften zur Verfügung stehen, welche dann wiederum abzubauende Blaue-Zonen-Parklplätze kompensieren könnten. «Die Velovorszugsrouten sind keine Einladung, die Anzahl der Blaue-Zonen-Parplätze insgesamt zu reduzieren», sagt der 45-Jährige: «Das sollte dort gemacht werden, wo es keine Möglichkeit zur Kompensation gibt.» Ondraschek ist überzeugt, dass so die Wahrscheinlichkeit für Rekurse und Einsprachen aus der Anwohner:innenschaft sinken könnte und die Umsetzung der Velovorzugsrouten schneller vorankäme. «Wir haben ein deutliches Ja zu den Velovorzugsrouten, und ich persönlich finde, dass ihre Errichtung in dieser Stadt absolut Sinn macht», meint Ondraschek: «Aber es gibt auch eine Verantwortung der Mehrheit, dafür zu sorgen, dass die Minderheit nicht benachteiligt wird.»

Den Dialog zu suchen, das ist im Grunde der Beruf von David Ondraschek. Als Berater, Coach und Mediator berät er Schulen und Gemeinden unter anderem in der Lösung von Konflikten und der Teamentwicklung. Er versuche, neurowissenschaftliche und soziologische Erkenntnisse seines Berufsfelds wo möglich auch in der politischen Arbeit einzubringen, erzählt er. «Ich nehme an, dass die Gemeinderatsmitglieder, die mit mir schon Kontakt hatten, sagen würden: Der ist bei der Sache, er interessiert sich für mein Anliegen und ist nicht mit einer eigenen Agenda unterwegs.» Er sei schon als Jugendlicher ein Brückenbauer gewesen, und so sei sein politisches Engagement bei der Mitte nur folgerichtig: «Ich finde, die Polparteien können und sollen auf Missstände aufmerksam machen, aber dann geht es darum, pragmatisch auf Lösungen hinzuarbeiten.»

Als die Mitte im Frühjahr 2022 wieder zurück in den Gemeinderat gewählt wurde, lehnte der Listenerste der Partei im Wahlkreis 10 seine Wahl ab. Die drei nachfolgenden Kandidierenden auf der Liste lehnten ebenfalls ab, so dass am Ende Ondraschek zum Überraschungs-Gemeinderat wurde. Er ist seither Mitglied der Gesundheits- und Umweltkommission, die ihm inhaltlich recht nahe stehe, wie er sagt. Seine bisherigen Vorstösse decken jedoch ein breites Spektrum ab. So setzte er sich unter anderem für eine erweiterete Nutzung der Züri-Modular-Pavillons oder eine bessere Finanzierung von Kitas ein und reichte zuletzt ein Postulat ein, das für die Hitzeminderung das Streichen von Dächern mit weisser Farbe fordert. Er habe ein breites Interesse auch ausserhalb seines beruflichen Fachgebiets, so Ondraschek, und manche Themen ergäben sich einfach aus Gesprächen.

Der heutige Berater könnte als Musterbeispiel des lebenslangen Lernens herhalten. Nach einem Primarlehrerdiplom und einem Psychologie-Master absolvierte er fortlaufend Weiterbildungskurse, arbeitete als Sekundarschullehrer, Berufsfachschullehrer und Schulleiter. «Ich bin sehr neugierig», erläutert er: «Nur für das Papier mache ich etwas nicht.» Was er in seinem Leben noch gerne lernen würde? «Ich würde gerne mehr im Haushaltsbereich können. Etwas kleines flicken oder selbst reparieren können.»

Warum sind Sie Gemeinderat geworden?

Nachdem die Mitte in der letzten Legislatur nicht im Gemeinderat vertreten war, wurde ich als ehemaliger Präsident der schulbehördlichen Aufsichtskommission Höngg angefragt, ob ich im Kreis 10 kandidieren würde. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Tochter noch ein Baby, also sagte ich zwar zu, jedoch nur für den letzten Listenplatz. Als mich Kreispräsident Daniel Weiss telefonisch unterrichtete, ich sei gewählt, war ich
dann doch überrascht. An der politischen Arbeit als Gemeinderat reizt mich die Vielfalt und Komplexität der Themen. Einerseits gibt es unzählige gesetzliche Bestimmungen und wissenschaftliche Grundlagen, andererseits die Interessen der Fraktionen. Aus diesem Dschungel die wesentlichen Informationen zu filtern und daraus plausible Lösungen für die Bevölkerung unserer Stadt zu schmieden, ist eine Herausforderung, welche ich gerne annehme.

Mit welche:r Ratskolleg:in der Gegenseite würden Sie gerne mal ein Bier trinken gehen?

Ich verstehe die Vertreter:innen anderer Fraktionen nicht als Gegner, sondern sehe es als gemeinsame Verantwortung, die unterschiedlichen Interessen der Bevölkerung möglichst maximal zu berücksichtigen und auszugleichen. Das Bier würde ich gerne mit Davy Graf trinken. Er ist ein langjähriges Ratsmitglied und war Fraktionspräsident der SP. Ich wäre an seiner Sichtweise über das politische Geschehen interessiert, zum Beispiel wie linke und rechte Kräfte politische Differenzen überwinden und vermehrt an einem Strang ziehen könnten.

Welches Abstimmungsergebnis hat Sie bisher am meisten geärgert?

Bei der Frage, wie die Stadt rechtsextremen Gruppierungen begegnen solle, haben die bürgerlichen Fraktionen per Textänderungsantrag gefordert, dass die Stadt gegen jedwelche Form von Extremismus einstehe. Dies wurde von linker Seite abgelehnt, unter anderem mit dem Argument gegen die Hufeisentheorie, dass man Linksextremismus nicht mit Rechtsextremismus gleichsetzen könne. Selbstverständlich können unterschiedliche Formen von Extremismus nicht gleichgesetzt werden, jedoch wäre es zielführender, wenn Gemeinsamkeiten und Unterschiede eruiert und daraus passende Vorgehensweisen abgeleitet werden können.

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