Wie ich mit Fledermäusen mein Haus schütze

Fledermäuse gehören in der Schweiz zu den bedrohten Tierarten. Das können Hausbewohner:innen sich auch zu Nutzen machen; denn wer Fledermäusen eine Wohnmöglichkeit bietet, kann so ein Haus vor dem Abriss bewahren.

Fledermaus für ZAS*-Kolumne
Eine Wohngemeinschaft mit Langohrfledermäusen. (Quelle: Jakob Walter)

Text: Von ZAS* / Dieser Beitrag erschien erstmals bei Hochparterre Campus.

Als ich damals in die Siedlung zog, lag sie gefühlt noch vor der Stadt. Ich brauche keine «Stadt der kurzen Wege». Ich bin lieber zuhause. Die Gebäude sind am Stadtrand. Sie sind die letzten vor dem Friedhof, den Wiesen und dem Wald. Ich lebe gerne hier, zurückgezogen. Ich habe eine 3-Zimmer-Wohnung mit geräumiger, fast zu großer Küche. Genug Platz also um mich einzurichten – einige sagen, es sei zu viel für eine Person. Ich wohne jedoch nicht alleine. Ich habe um die 90 Pflanzen mit denen ich meinen Raum teile. Habe für jede von ihnen den besten Platz in der Wohnung gefunden; abhängig von Sonnenlicht und Raumtemperatur. Ihre Positionen in der Wohnung müssen der Jahreszeit angepasst werden, verschoben werden. Das Mikroklima ist wichtig und kleinste Veränderungen im Raum können dieses stören.

«Ich habe der Langohrfledermaus eine Wohngemeinschaft angeboten. Im Gegenzug schützt diese Fledermaus das ganze Haus vor einem Abriss.»

Wer momentan in Zürich am Stadtrand wohnt – in einem Zeilenbau aus den 1950er Jahren – muss davon ausgehen, dass das Wohnhaus in den nächsten Jahren abgerissen wird. Gerade wenn das Gebäude in der Nachverdichtungszone des kommunalen Richtplans der Stadt liegt. Doch schon der Umzug wäre der Tod für die meisten meiner raumhohen Pflanzen. Ich, als Mensch, wäre gezwungen von vorne anzufangen. Ich müsste nochmals zehn Jahre alles einrichten und austarieren, meine Routinen in dem neuen Wohnraum entwickeln. Wenn Eigentümer:innen ihr Eigentum zerstören wollen, haben diese jedes Recht dazu, unabhängig welche Menschen darin wohnen. 

Glücklicherweise gibt es aber Bewohner:innen, die wichtiger sind als privates Eigentum. Bewohner:innen wie die Braune Langohrfledermaus. Gebäude-Brüter, also Lebewesen, die auf Gebäude angewiesen sind. Vor gut drei Jahren konstruierte ich einen von der Decke abhängten Raum, und verband ihn mit dem gekippten Flügel des Fensters. So zogen letztes Jahr im Frühling etwa 25 dieser Fledermäuse bei mir ein.

Eine Wochenstube des Braunen Langohrs teilt sich nun mit mir das Schlafzimmer. Wochenstuben bestehen vorwiegend aus Weibchen, die ihre Nachkommen dort gebären und bis September großziehen. Die Langohrfledermaus ist eine stark gefährdete Tierart in der Schweiz, und ihr Überleben ist von «sehr hoher nationalen Priorität». Das liegt vor allem daran, dass die Langohren nach und nach ihren Lebensraum verlieren. Die Dachböden, an die sich die Fledermaus in den letzten Jahrhunderten gewöhnt hatte, gibt es nicht mehr. Dachböden werden saniert, von Menschen bewohnt, oder abgerissen und durch Flachdächer ersetzt.

Ich habe der Langohrfledermaus eine Wohngemeinschaft angeboten, eine Kohabitation. Im Gegenzug schützt diese Fledermaus das ganze Haus vor einem Abriss. Ich habe das Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich gefragt und sie haben bestätigt, dass sie es nicht zulassen würden, dass der Wohnort dieser Fledermaus zerstört wird. Ein Abriss wäre nicht erlaubt. 

Der Lebensraum der Pflanzen, der Fledermäuse und meiner sind in der Wohnung miteinander und voneinander abhängig. Die Fledermaus wird bis zu 30 Jahre alt und wird ihr ganzes Leben wissen, dass es bei mir im Schlafzimmer ein sicheres Zuhause gibt, und ihre Nachkommen werden auch wissen, dass es diese abgehängte Decke über meinem Bett gibt. Sie schlafen tagsüber, ich schlafe nachts. Frühmorgens, noch im Halbschlaf, vor dem Sonnenaufgang, höre ich sie manchmal nach Hause kommen.

Leider ist es so nie passiert, aber es könnte passieren. Der erste Präzedenzfall fehlt noch. Genaueres zur Rechtslage und wie sich Abrisse mit Tieren verhindern lassen erfahrt ihr auf www.cohabitation-podcast.ch. Den Podcast könnt ihr aber auch in der App eures Vertrauens nachhören; zum Beispiel bei Spotify.

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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