Nachruf auf das Ypsilon

Das Zürcher Strassenprojekt Y nahm vor knapp 60 Jahren seinen Anfang – fertiggestellt wurde es nie. Übrig bleibt ein Zeugnis des damaligen Zeitgeists.

Architekturkolumne: Y-Projekt Zürich 1976
Nationalstrasse N1 im Bau beim Standort des heutigen Irchelparks, 1976. (Quelle: Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich / Fotograf: Jules Vogt)

Text: Von ZAS*

Anfang Jahr verkündete der Bundesrat das endgültige Aus des berüchtigten Ypsilons – das Strassenprojekt, das den Zusammenschluss der Autobahnen A1 und A3 vorsah. Bis jetzt hatte es noch im veralteten Bundesbeschluss über die Nationalstrassen der 1960er Jahre geschlummert. Gemäss Plan sollten die Autobahnen mitten in der Stadt Zürich miteinander verbunden werden.

Mir war bekannt, dass das Ypsilon mal ganz gross hätte werden sollen; eine Idee der Moderne, als man endlich Autofahren wollte, schnell und durch das Herz der Städte. Die Debatten «Für und Gegen» haben wir jedoch nie geführt. Es war schon lange entschieden, was jetzt offiziell wird. Der stille Entscheid, das Infrastrukturprojekt nie zu vollenden, fiel Jahre bevor wir geboren wurden. Aber was hat das Ypsilon seitdem produziert? Was ist daraus entstanden und was bleibt uns nun davon? Ich mache mich auf die Suche.

«Ich schaue auf die Sihl und die Limmat – beide hätten überdeckt werden sollen, überdeckt von einem Fluss von Autos.»

Ich stehe auf einer provisorischen Brücke über der Baustelle der Einhausung. Es hämmert konstant, dafür hört man hier keine Autos mehr. Ein grosser Betondeckel, der einst die Autobahn Schwamendingen durchschnitt. Der Schnitt wird zwar bleiben, aber die aufwendige Lärmsanierung soll die Probleme lösen, welche man sich vor 50 Jahren hier eingebrockt hatte. Angefangen hatte es damals, als man die Autobahn A1 direkt in die Stadt zum Hauptbahnhof führte, wo sie in einem Verkehrsdreieck mit der A3 verknüpft werden sollte. Heute ist die Strasse gesäumt von roten Baukränen, vom Autobahnkreuz Aubrugg bis zum Schöneichtunnel.

Architekturkolumne: Einhausung Schwamendingen
Die Baustelle Einhausung Schwamendingen wird 940 Meter lang. (Quelle: ZAS*)

Ich betrete die Tramstation Schörlistrasse, zwischen der Baustelle hindurch, Treppen hinunter in den Untergrund, unter die Autobahn, unter die Einhausung. Blaues Licht umhüllt mich. Luft zieht durch den Tunnel und kündigt die Ankunft des Trams an. Ein Teil der Zürcher U-Bahn, damals vorsorglich gebaut zusammen mit der Autobahn und dem Schöneichtunnel. Es fühlt sich kurz an wie in einer anderen Stadt, und dann fahre ich Richtung Milchbuck.

Ich stehe im Irchelpark. Um mich herum Geschrei und Pfeifen von Vögeln und Krähen, Möwen und Amseln. In der Mitte des Weihers ein Stein, auf dem sich ein Kormoran in der Sonne seine Flügel trocknet, Enten schwimmen um ihn herum. Eine Informationstafel erklärt mir den Verlust von unzähligen Feuchtgebieten seit 1850. Doch hier ist ein Neues entstanden. Es gibt nur wenige Orte wie diesen in der Stadt, wo sich die Tiere lauter verständigen als die Menschen. Einige Tauben spazieren vor mir auf der Wiese durch und gurren, ein Taucherli taucht und sucht sich Algen am Weihergrund.

Architekturkolumne: Milchbuck
Überdeckung der Wasserwerkstrasse bei der Ausfahrt des Milchbucktunnels. (Quelle: ZAS*)

Eine Treppe führt hoch zur Universität. Leute sitzen auf rechteckigen Sandsteinblöcken und geniessen die Sonne. Die Steine sind fleckig, mit Flechten und Moos überwachsen. Dazwischen wachsen grosse Gräser aus den Ritzen. Ich steige die Treppe hoch, die Uni Irchel erscheint vor mir. Ich blicke über den Park. Die Stadt ist immer noch nicht in Sicht, doch höre ich Autolärm. Die Brücke auf der ich stehe, ist gut getarnt, ein Teil des Parks. Viele Autos fliessen unter dem Park hindurch. Ein Lift führt mich hinunter in die Tiefgarage. Drei Geschosse unter dem Park, ich war noch nie hier. Irgendwo noch weiter unter mir der Milchbucktunnel. Ich glaube, die Autos zu hören, vielleicht bilde ich es mir auch nur ein. Ich suche die Einfahrt der Garage unter der Brücke. Dicke Betonstützen tragen sie, darunter verschiedene Zufahrten. Über eine Treppe gelange ich wieder hinaus in den Park, die Strasse und der Beton sind sogleich vergessen. Jogger kommen mir auf der Finnenbahn entgegen, und die Vögel übertönen wieder alles.

Ich nehme die 14 und fahre zur Kornhausstrasse, spaziere zwischen Alterszentrum Stampfenbach und Berufsschule für Detailhandel hindurch. Vor vier Jahrzehnten klaffte hier ein grosses Loch. Die Ausfahrt des Milchbucktunnels wurde damals gebaut. Auch hier treffe ich auf Vogelgezwitscher. Hinter dem runden Bau des Alterszentrum ragt ein hoher Kamin aus dem Boden. Ein Turm aus Beton, verziert mit gekachelten blauen Streifen, umzäunt von Maschendraht, dahinter ein Hühnerstall. Ein Gehege des Vereins Hühnerhof, steht hier geschrieben. Der vertikale Abzugsschacht verrät noch heute den Tunnel darunter. Auch Fluchttreppen enden hier. Die Bebauung folgt der Logik des Untergrunds, anders als in der umliegenden Stadt. Infrastruktur und Gebäude vermischen sich.

Architekturkolumne: Sihlhochstrasse im Bau 1971
Die Sihlhochstrasse im Bau, ca. 1971. (Quelle: Baugeschichtliches Archiv)

Ich überquere die Nordstrasse und betrete das Schindlergut, der Park über der Tunnelausfahrt mit fantastischem Ausblick auf die Stadt. Ich schaue hinunter auf die grosse Strasse, Autos erscheinen aus dem Nichts und bewegen sich in Richtung Kornhausbrücke. An der Kante wird es lauter und es riecht nach Abgasen. Das Wasser der Limmat glitzert hinter der Strasse. Das Schwimmbad Letten ist leer und verlassen. Ich schaue auf die Sihl und die Limmat – beide hätten überdeckt werden sollen, überdeckt von einem Fluss von Autos. Ich spaziere weiter Richtung Dynamo, dann über die Limmat, über die Sihl bis zum Hauptbahnhof. Hinter einer Tür mit der Aufschrift «Ausstellungsraum Bahnhofsführung» befindet sich noch ein Tunnelstück. Es wurde damals vorsorglich für das Y-Projekt gebaut. Ich war vor einigen Jahren sogar mal drin, und bald wird es mit dem Velo für alle zugänglich sein. Die Zwischennutzung für das Y-Fragment als Fahrradtunnel wurde letztes Jahr angenommen.

Ich bewege mich der Sihl entlang und gelange zum Sihlhölzli. Neben der Leichtathletikanlage stockt der Verkehr. Früher habe ich hier viel Zeit verbracht, bin in Trance im Kreis gerannt. Die vielen Autos sind mir damals nie aufgefallen. Doch hier stehen sie nun, im Stau, denn die Hochstrasse entleert die Autos direkt in die Stadt, und verteilt sie in die Quartiere. Weiter vorne der berühmte Stummel der Sihlhochstrasse, im Nichts endend. Schauplatz von einigen Unfällen, bei denen Fahrzeuge einfach geradeaus fuhren. Ziemlich schön zwar, die rhythmischen Betonstützen, von glitzerndem Wasser umschlossen, das sich manchmal auf der Unterseite der Brücke spiegelt. Doch auch ziemlich schön, dass der Stummel hier endet und nicht weitergezogen wurde – bis zum Hauptbahnhof, durch den Milchbucktunnel, raus aus der Stadt zurück nach Schwamendingen.

Article image for Die Schönheit der Fehlplanung

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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