Tischlein, deck dich: Bauen auf dem Engrosmarkt

Im Engrosmarkt im Zürcher Kreis 5 werden heute an sechs Tagen in der Woche Frischwaren gehandelt. Doch für das Gebäude an den Bahngleisen hegte die Stadt einst noch andere Pläne – diese wurden aber nie umgesetzt. Dabei wären die damaligen Ideen auch heute noch aktueller denn je, finden unsere Architektur-Kolumnist:innen.

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Der Engrosmarkt kurz nach Bauvollendung, mit dem Provisorium auf dem Dach. (Foto: H. Widmer)

Egal, wo man in Zürich essen geht, eines haben fast alle Orte gemeinsam: Vieles, was auf dem Tisch landet, ist über den Engrosmarkt in die Küchen dieser Stadt gekommen. Dort beginnt bereits langsam der Arbeitsalltag, während Feierlustige noch um die Häuser ziehen. Pünktlich um 4.15 Uhr öffnen sich zwischen Autobahn, Gleisfeld und Stadionbrache für die Grossisten, Detailhändler und Gastronominnen, die Schranken, welche bei den ansässigen Importeurinnen und Produzenten täglich hunderte Tonnen Frischwaren einkaufen.

Wenige Stunden später, wenn in den Wohnungen im Quartier die Lichter angehen, macht sich das mächtige Gebäude im Zürcher Kreis 5 nur noch durch sein auffällig leuchtendes Neonschild bemerkbar, welches die Abkömmlinge der Autobahn in Richtung Stadtzentrum begrüsst.

Die Vision einer Zusatznutzung

Als der Zürcher Engrosmark 1980 seine Pforten eröffnete, hat er bereits eine 30-jährige Planungsgeschichte hinter sich. Ein für das Projekt bis heute entscheidender Moment war, als die Stadt Zürich 1973 einer Arbeitsgruppe den Auftrag erteilte, ein «Vorprojekt für einen regionalen Gemüse/Früchte-Engrosmarkt mit betriebsfremder Zusatznutzung» zu erstellen. Damit war klar: Die Stadt wollte nicht nur ein fertiges Projekt realisiert sehen, sondern hegte zugleich die Vision, das Areal auch für betriebsfremde Zwecke zu nutzen. 

Nicht nur die logistisch vorteilhafte Lage des 66’000 Quadratmeter grossen Areals schien vielversprechend, auch die verlockende Idee, dass hier langfristig die städtebauliche Entwicklung entlang der Gleise mitgestaltet werden kann, sprach für die Örtlichkeit. Für die Zusatznutzung sah das Vorprojekt eine Aufstockung auf dem erweiterten Dach des Engrosmarktes vor.

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Idee einer erweiterbaren «Tischplatte», welche auf einer zweiten Ebene über dem Areal und dem angrenzenden Gleisfeld der SBB aufstockbar ist. (Foto: Darstellung aus einem publizierten Artikel des Architekten Hans Kast)

Anlässlich einer Volksabstimmung 1976 wurde dann der städtischen Beteiligung an der zu gründenden Aktiengesellschaft Engrosmarkt Immobilien AG, kurz EMIG, zugestimmt. Diese erhielt das Land im Baurecht von der Stadt und wurde mit dem Auftrag betraut, den neuen Engrosmarkt zu erstellen. Damit sprach sich die Stadtzürcher Stimmbevölkerung auch für eine Vorinvestition von vier Millionen Franken für die Aufstockung aus. Dieser Betrag wurde in der Bauphase für Fundamente und Stützen am Gebäude verwendet, die in einem weiteren Schritt sechs zusätzliche Geschosse und ein befahrbares Dach zugelassen hätten. Während letzteres errichtet wurde, sah man davon ab, eine Aufstockung umzusetzen.

Die von der Stadt 1973 gehegte Vision einer «betriebsfremden Zusatznutzung», welcher das Stimmvolk mit Gewährung der Vorinvestition implizit zugestimmt hat, bleibt bis dato nicht realisiert. Was auch damit zu tun hat, dass ein Teil der Dachfläche kurz nach der Fertigstellung an einen Lebensmittelhändler im Baurecht abgegeben wurde, worauf dieser ein einstöckiges Provisorium erstellte.

«Die Stadt ist gebaut»

Die Fertigstellung des Engrosmarktes fiel in eine Zeit, in der sich immer mehr Industrien aus Zürich West zurückgezogen haben. Mit den brach liegenden Arealen entstand unter den Eigentümer:innen und Investor:innen eine Goldgräberstimmung. Den Fantasien einer Tabula rasa stellte sich eine weitsichtige Position der lokalen Politik unter Leitung der damaligen Stadträtin und Vorsteherin des Hochbauamts Ursula Koch entgegen. Mit dem Zitat «Die Stadt ist gebaut» plädierte sie vor 35 Jahren für ein verdichtendes Weiterbauen und einen respektvollen Umgang mit dem Bestand. 

«Service-Architekturen wie der Engrosmarkt bilden die räumliche Kehrseite der urbanen Konsumgesellschaft.»

ZAS*

Die Debatten von damals sind nach wie vor aktuell. Immer noch werden im oberen Kreis 5  Bauprojekte vorgestellt, bei denen die für ein lebendiges Quartier benötigte Durchmischung fehlt. Dies zeigt sich beispielsweise an der Pfingstweidstrasse, wo die Welti-Furrer AG ihr neues Bürogebäude «Prime 2» um zwei weitere identische Klötze erweitern möchte. Das grosse rosafarbene Parkhaus, welches Potenzial zur Umnutzung hätte, soll den Neubauten weichen. Gegen die zunehmende Verödung durch reine Büronutzung regt sich in der Bevölkerung erneut Widerstand.

Dabei zeigen die gemachten Erfahrungen in Zürich West klar, dass lebendige Quartiere nur durch vielschichtige Bauten und Nutzungen entstehen können. Wo diese Interessen nicht beachtet werden, entstehen immer noch überteuerte Luxuswohnungen und monotone Bürolandschaften mit fehlender «Bodenhaftung». 

Das Ziel einer urbanen Verwebung

Wurden die Zeichen der Zeit beim Engrosmarkt frühzeitig erkannt? Die bauliche Struktur unterliegt einer durchgehenden Systematik und einer maximalen Robustheit. Ein regelmässiges Raster aus massivsten Stützen im Abstand von 15,4 Metern trägt das Dach der Markthalle unter Beachtung sämtlicher betrieblicher Notwendigkeiten, vom LKW-Wenderadius bis zur Stapelung der Gemüsekisten. Die Struktur soll trotz intensiven täglichen Gebrauchs möglichst lange erhalten bleiben. Auch durch diese Beständigkeit bieten sich Umnutzungen und Erweiterungen geradezu an.  

Im Kontext der städtebaulichen Debatten über die Entwicklung von Zürich West gab es auch positive Beispiele im Umgang mit dem industriellen Erbe. Auf dem Steinfels-Areal wurde in den 90er-Jahren ein Projekt realisiert, bei dem sich die Bauherrschaft vom Weiterbauen im Bestand überzeugen liess. Ein bereits geplanter Büroneubau von Stararchitekt Mario Botta wurde gestoppt, stattdessen unterstützten die Architekten Andreas Herzog und Ernst Hubeli, welche für den Gestaltungsplan des Areals zuständig waren, Projekte, die sich mehr mit dem Ort auseinandersetzen.

So erstreckt sich heute über bestehendem Fabrikgebäude und neuen Wohnbauten ein 166 Meter langer «Wolkenbügel», in dem dreigeschossige Wohnungen wie Reihenhäuser 32 Meter über der Stadt schweben. Hier wurde das industrielle Erbe umgedeutet, transformiert und daraus ein Potenzial geschöpft, das beim Planen auf der «grünen Wiese» nicht vorhanden gewesen wäre. 

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Der 166 Meter lange «Wolkenbügel». (Foto: ZAS*)

Auch bei dem ausgewählten Siegerprojekt des Pariser Architekturbüros Lacaton & Vassal für das Maag-Areal, war auf dem Dach der alten Maag Halle eine neue städtische Ebene, ähnlich einem Park, vorgesehen, um welche sich die aufgestockten Erweiterungsbauten gruppiert hätten. Dieser Weg einer Weiterentwicklung im Bestand wurde wegen angeblicher Risiken abgebrochen. Die Investoren haben sich über den Entscheid der Fachjury hinweggesetzt und schliesslich den Abriss und Ersatzneubau angeordnet. Es bleibt die Sehnsucht nach urbaner Vielschichtigkeit, in der Altes und Neues rund um die Uhr unterschiedlich genutzt werden kann. 

Service-Architekturen wie der Engrosmarkt sind von grosser Wichtigkeit für unser tägliches Leben und bilden die räumliche Kehrseite der urbanen Konsumgesellschaft. Gleichzeitig fallen vermehrt vielseitige Bedürfnisse auf die gebaute Stadt und es drängt sich die Frage auf, wie wir mit diesen umgehen.

Verdichtung bedeutet auch, dass durch die Überlagerung dieser Bedürfnisse neue städtische Räume entstehen können. Die dabei auftretenden Spannungen gilt es nicht einfach auszuhalten, sondern im besten Fall in eine lebendige Koexistenz zu überführen. In der gebauten Stadt schlummern räumliche Potenziale, die es in diesem Sinne zu entdecken gibt. Im Falle des Engrosmarkts ist dieses Potenzial ein riesiger Tisch, der darauf wartet, gedeckt zu werden.

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Eine der Projektideen auf dem Dach der alten Maag Halle sah eine neue städtische Ebene vor. (Visualisierung: Lacaton & Vassal, 2020)

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

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