Zürichs berühmtester Kamin im neuen Gewand – oder «Josefs Zigi Rot-Weiss»

Der Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage an der Josefstrasse prägt die Skyline Zürichs. Seit seinem Bestehen Mitte der 1970er-Jahren hat er einige Anstriche erhalten. Mit dem neuesten Streich haben sich unsere Kolumnist:innen der ZAS* beschäftigt.

Stadtkreis 5, Industriequartier, Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse und Katholische Kirche Guthirt Wipkingen; Aufnahmestandort: Nähe Stadtspital Waid
Als «Zigi» bezeichnet, schlotete das Kehrichtverbrennungswerk über viele Jahre hinweg in den milchigen Zürcher Stadthimmel. (Quelle: Baugeschichtliches Archiv)

Die Stadtsilhouette im Limmattal ist geprägt durch Türme zum Wohnen, Arbeiten, Lagern und Schloten. Eine Vielzahl hat sich in den letzten 20 Jahren dazu gesellt und das Profil neu definiert. Neben den starken Veränderungen sind es die Feinheiten, die kleinen Änderungen, die weitaus mehr verraten über unsere Wahrnehmung der Stadt.

Wie jeden Morgen schweift mein Blick über Zürich und sofort sticht mir die Warnfarbe ins Auge: RAL 3024, auch als Leuchtrot bekannt, hat Signalwirkung. Sie hat eine vergleichsweise lange Wellenlänge im sichtbaren Spektrum, was bedeutet, dass sie in der Lage ist, über grössere Entfernungen gut erkennbar zu bleiben. Rot verheisst meist nichts Gutes. Eine Warnung oder sogar eine konkrete Gefahr.

Ist der Himmel eine Gefahrenzone für die Stadt geworden? Oder doch nur der knapp 90 Meter hohe Kamin, der mit der Farbe nun angestrichen wird? Hochhaus-Gegner:innen in der Stadt freuen sich wohl über das Warnsignal, als Zeichen für die Gefahr, die sie in den schwindelerregend hohen Bauten sehen. Kunstliebende könnten dahinter eine Anlehnung an Daniel Burens Schaffen vermuten, der bekannt wurde für seine Arbeit mit farbigen Streifen. Streifen als visuelles Werkzeug ordnen das Objekt und setzen es in ein neues Verhältnis zur Umgebung. 

«Die geliebte Zigarette wurde zu einer Projektionsfläche; irgendwo zwischen Lokalkolorit und Vandalismus.»

ZAS*

Die Projektionsfläche der Warnstreifen ist als Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Josef bekannt, 1904 wurde diese als heute älteste der Schweiz, am Stadtrand realisiert, wo sonst vielerorts noch Abfall in Deponien landete. Bald darauf als Energiequelle verstanden und zur Fernwärme genutzt, wurde die Anlage zur Infrastruktur fürs Quartier. In den 1970ern entstand der Kamin, so wie wir ihn heute kennen – ein abstrakter, zigarettenförmig-anmutender Stengel, der mit Hilfe von einem Kletterkran mit Laufkatzausleger in Ortbeton in die Höhe gezogen wurde.

Als «Zigi» bezeichnet schlotete das Kehrichtverbrennungswerk über die Jahre hinweg in den milchigen Zürcher Himmel. Die roten Warnlämpchen beleuchteten die emporsteigenden Nebelschwaden in der Nacht und gaben dem Turm etwas Erhabenes. Ein Verweis auf die Grobheit der Stadt und ihre industrielle Geschichte.

Bild1
Rot-Weiss-Rot Auch der französische Künstler Daniel Buren wusste um die Signalwirkung der Farbkombination. (Bild: zvg)

Eines Tages im Herbst 2021 stand dann «KCBRYNOTMAFS» darauf geschrieben, die meisten erinnern sich. Als ich den Schriftzug das erste Mal entdeckte, war ich mit dem Zug auf dem Weg aus der Stadt. Es gab dem Turm eine wunderbare Vertikalität und plötzlich wurde mir beim Lesen klar, wo der Turm eigentlich auf den Boden kam – bei der Josefwiese. Die geliebte Zigarette hatte eine Aufschrift erhalten, sie wurde zu einer Projektionsfläche; irgendwo zwischen Lokalkolorit und Vandalismus. Der Blick schrieb kurz darauf: «Jetzt soll die Riesen-Schweinerei verschwinden.» Das Graffiti wurde irgendwann von der Stadtreinigung mit Hochdruckreinigern für 20’000 Franken entfernt.

Nicht alle Augen sehen dasselbe

Seit 2020 ist der Kamin der ehemaligen KVA an der Josefstrasse nicht mehr in Betrieb. Bald soll er jedoch wieder als Teil einer Energiezentrale für Spitzenlasten aktiviert werden. Dazu ist jedoch eine Bewilligung des Bundesamtes für Zivilluftfahrt nötig, denn aufgrund seiner Höhe gilt der Kamin als Luftfahrthindernis – und das ist wohl der eigentliche Grund des alarmierenden Anstrichs. Gemäss den neuen Richtlinien benötigen Kamine ab einer Höhe von 60 Metern eine Markierung mit abwechselnd rot-weiss-roten Bändern, wobei das oberste und das unterste Band Rot sein müssen. Dabei müssen bei einer Höhe von 92 Metern 30 Prozent der Fläche mit Bändern von fünf Metern Breite gestrichen werden. Weitere Objekte, die als Luftfahrthindernisse eingestuft werden, sind Krane, Masten und Antennen, hohe Bauprofile und Gebäude, Türme und Silos.

Müsste also bald auch das Kornhaus daran glauben oder gar der Prime Tower? Genaueres Studium der Richtlinie gibt Entwarnung, Silos und Gebäude benötigen nur ein Warnlicht, keine solche Markierung. Da stellt sich die Frage: Wäre der Kamin als Gebäude bewilligt worden–- zum Beispiel mit einem kleinen Wohnzimmer im Kaminkranz –, wäre ihm der alarmierende Anstrich erspart geblieben? Allen Luftfahrthindernissen gemein ist ihre Befeuerung, rote Warnlichter, die in der Nacht die Silhouette im Nachthimmel abbilden. Auch bei der Befeuerung scheint Rot wichtig zu sein.

Doch wieso muss der Turm gestreift sein? Die Richtlinien geben keinen klaren Hinweis darauf. Glauben wir Obelix, der auf die schlankmachenden vertikalen Streifen schwört, so wirkt der Turm dadurch wohl dicker und damit auch als besser sichtbar. Bei meiner weiteren Recherche stosse ich auf die Helmholtz-Illusion, welche das Gegenteil besagt, dass ein mit horizontalen Streifen gefülltes Quadrat dünner wahrgenommen wird als eins mit vertikalen Streifen. Müsste die Bemalung nicht nochmals überdacht werden?

Und was empfinden die Falken mit ihren Jungen, die eigentlichen Bewohnerinnen des Turms, beim neuen Farbkonzept? Grün Stadt Zürich schreibt auf Anfrage, dass Vögel ein anderes Sehvermögen haben als wir Menschen. Insbesondere ihre Augen sollen mehr Farben wahrnehmen und vor allem eine bessere farbliche Auflösung haben als das menschliche Auge. Ausserdem seien die Kamine beim Heizkraftwerk Aubrugg ebenfalls Rot-Weiss angestrichen und würden trotzdem regelmässig von Falken angeflogen und als Rupfplatz benutzt werden. Aus diesem Grund geht die Zürich davon aus, dass der neue Anstrich aus Sicht der Vögel unproblematisch ist.

Vielleicht können die Falken mit ihrem besseren Sehvermögen ja weiterhin den Schriftzug KCBRYNOTMAFS erkennen, der zuvor ihr Zuhause markiert hatte.

Bild3
Der KVA-Kamin als Kunstobjekt? (Quelle: KCBR Video Screenshot: 2:45)

Wie eine der zuständigen Architekt:innen von Graber Pulver per Mail mitteilt, wurde das Falkenzuhause an diesem Freitag mit einem Kranz aus Profilitglas gekrönt. Die fertige Krone lag bereits einige Tage zuvor auf der Baustelle bereit. Ein weiteres spannendes Spektakel der Stadtsilhouette, das ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte.

ZAS* ist ein Zusammenschluss junger Architekt:innen und Stadtbewohner:innen. Unter ihnen kursieren heute verschiedene Versionen darüber, wo, wann und warum dieser Verein gegründet wurde. Dem Zusammenschluss voraus ging eine geteilte Erregung über die kurze Lebensdauer der Gebäude in Zürich. Durch Erzählungen und Aktionen denkt ZAS* die bestehende Stadt weiter und bietet andere Vorstellungen an als jene, die durch normalisierte Prozesse zustande gekommen sind. Um nicht nur Opposition gegenüber den offiziellen Vorschlägen der Stadtplanung zu markieren, werden transformative Gegenvorschläge erarbeitet. Dabei werden imaginative Räume eröffnet und in bestehenden Überlagerungen mögliche Zukünfte lokalisiert. Die Kolumne navigiert mit Ballast auf ein anderes Zürich zu und entspringt einem gemeinsamen Schreibprozess. Zur Kontaktaufnahme schreiben an: [email protected]

Das könnte dich auch interessieren

Provisorische Dusche
Architektur-Kolumne

Wenn das eigene Zuhause zur Baustelle wird

Um Mieter:innen vor einer Kündigung zu bewahren, versucht man vermehrt im bewohnten Zustand zu sanieren. Doch wo Chancen sind, lauern auch Gefahren, warnen unsere Architektur-Kolumnist:innen.

Von ZAS*
Kolumne Mandy
«Yalla Tsüri»-Kolumne

Lernt endlich, unsere Namen richtig auszusprechen!

Wie wir heissen beeinflusst, wie wir von der hiesigen Bevölkerung behandelt werden. So wird unsere Kolumnistin Özge Eren aufgrund ihres Namens immer wieder diskriminiert. Weshalb gerade ein Event wie die Fussball EM dabei eine Rolle spielt.

Von Özge Eren
Escher-Wyss-Platz Tempo 30
Verkehrswende-Kolumne

Weshalb müssen zuerst Kinder sterben?

Seit kurzem gilt auf dem Escher-Wyss-Platz Tempo 30. Auslöser dafür war ein tragischer Unfall im Jahr 2022, bei dem ein Fünfjähriger sein Leben verlor. Auf anderen Stadtzürcher Strassen blockiert der Kanton eine Temporeduktion – auf Kosten der Sicherheit von Kindern, so unser Kolumnist Thomas Hug.

Von Thomas Hug
junior halle abbruch zas*
Architektur-Kolumne

Das Industrieerbe von Zürich

Egal, ob die Maag-Hallen im Kreis 5 oder die Junior-Werkhalle in Oerlikon: Viele ehemalige Industriehallen in Zürich sind dem Tod geweiht. Dabei würde es sich durchaus lohnen, die Relikte aus einer vergangenen Zeit wiederzubelebten, finden unsere Architektur-Kolumnist:innen.

Von ZAS*

Kommentare