«Ende einer Ära»: 150 Mietparteien in Riesbach droht die Verdrängung
Im Zürcher Kreis 8 wollen UBS und Halter AG eine gesamte Siedlung «weiterentwickeln und erneuern». Den Plänen müssten aller Voraussicht nach 150 Mietparteien weichen. Auch Stüssis Quartierladen steht nach 38 Jahren vor dem Aus.
Dicke Post für die Bewohner:innen der Siedlung Im Walder und Niederhofenrain im Kreis 8. Die Besitzerin – der Immobilienfonds Sima der UBS – habe sich entschieden, «die Siedlung in den nächsten Jahren weiterzuentwickeln und zu erneuern», wie es in dem Schreiben der Livit Verwaltung vom 29. Januar heisst.
Die UBS betont zwar auf Anfrage: «Es liegt weder ein konkretes Bauprojekt vor, noch wurden Kündigungen ausgesprochen.» Doch in der Siedlung spüren die allermeisten, dass ihre Tage gezählt sind.
«Dieses Schreiben spricht aus, was hier alle wissen»
Beschaulich und friedlich liegt die Siedlung direkt an der Stadtgrenze zu Zollikon. Rutschen, Schaukeln, Tischtennisplatten, dazwischen Bäume und Blumenbeete.
Doch die Baustelle auf der Parzelle nebenan kündigt schon an, was auch hier bald Realität werden dürfte: die Verdrängung von rund 150 Mietparteien. Viele der Bewohner:innen wohnen bereits seit Jahrzehnten in der Siedlung, erzählt eine Mieterin. Sie selbst ist seit 1990 hier wohnhaft und hat mit ihrem pensionierten Ehemann drei Kinder grossgezogen.
Sie erklärt: «Es wurde noch keine Kündigung ausgesprochen. Aber dieses Schreiben spricht aus, was hier alle wissen.» Denn seit vier Jahren würden keine Malerarbeiten mehr vorgenommen, seitens der Verwaltung kämen auf Anfragen «nur negative Antworten» und bei Neuvermietungen seien die Verträge bis Juli 2028 befristet. Dabei wurden von 2001 bis 2003 noch Renovationen durchgeführt, so die Mieterin.
Sie und ihr Ehemann zahlen für ihre 4.5-Zimmerwohnung mit 85 Quadratmetern 2000 Franken im Monat. Vor der Renovation im Jahr 2003 lag die Miete sogar noch bei 1400 Franken. Nur 25 Jahre später dürfte nun der nächste rasante Mietanstieg auf die Siedlung zukommen.
«Alle Mieter:innen zahlen einen anderen Betrag, je nachdem, wie lange sie hier wohnen», berichtet sie weiter. So zahle etwa der Nachbar für seine 3.5-Zimmer-Wohnung 2600 Franken im monatlich; auf Immoscout sei zuletzt eine 2-Zimmer-Wohnung für 1700 Franken ausgeschrieben worden.
Betroffen sind die Adressen Im Walder 4-18, 9-17 und der Niederhofenrain 2-28. (Bild: Dominik Fischer) Viele Mietparteien leben schon seit Jahrzehnten in der Siedlung und haben hier ihre Kinder grossgezogen. (Bild: Dominik Fischer) Ein unguter Vorbote: Auf der benachbarten Parzelle wird schon gebaut. (Bild: Dominik Fischer)
Als Argument für die «Weiterentwicklung» der Siedlung führt die Verwaltung an, «dass sich die Grundstücke mit der geltenden Zonenordnung der Stadt wesentlich besser nutzen lassen». Dies würde «das dringend benötigte Wohnangebot in Zürich deutlich erweitern». Ausserdem stammten die meisten Gebäude aus dem Baujahr 1952. Die Sanierungen aus dem Jahr 2003 werden in Schreiben nicht erwähnt.
Angesichts der Verdrängung von 150 langjährigen Mietparteien mit der Wohnungsknappheit zu argumentieren, ist «Zynismus», findet hingegen Mischa Schiwow, Co-Präsident des Mieter:innenverbandes, der für die Alternative Liste eine Rückkehr in den Gemeinderat anstrebt. Zu dem Schreiben der Livit Verwaltung im Auftrag der UBS sagt er: «Man vermeidet tunlichst das Wort Kündigung, das Wort Abbruch und das Wort Ersatzneubau.»
Dem Quartierladen droht nach vier Jahrzehnten das Ende
Neben den rund 150 Mietparteien ist auch der Quartierladen Stüssi von den Erneuerungsplänen der UBS betroffen. «Wir sind enttäuscht, dass wir nicht vorinformiert wurden», sagt Christoph Stüssi, der den Quartierladen bereits seit 38 Jahren betreibt, seit 2001 gemeinsam mit seiner Frau Emilia.
Noch nicht lange zuvor hatte man noch selber Sanierungen vorgenommen, um das Geschäft nach der Pensionierung weiterzugeben. Nun steht der Quartierladen vor dem Aus. «Das ist das Ende einer Ära», sagt er und fügt an: «Für viele im Quartier ist unser Laden ein sozialer Treffpunkt.» Dazu kommt, dass im Betrieb auch Lernende ausgebildet werden. Auch damit wäre in Zukunft Schluss.
In ihrem Betrieb bilden die Stüssis auch Lernende aus. (Bild: Mai Hubacher) Fotos zeichnen die lange Geschichte des Quartierladens nach. (Bild: Mai Hubacher) Noch sind die Pläne der UBS nicht besiegelt. Doch die Zeichen deuten auf eine Leerkündigung hin. «Das Ende einer Ära», sagt Stüssi. (Bild: Mai Hubacher)
Stüssi – selbst UBS-Kunde – sorgt sich um die Mieter:innen, die teils gleich lang wie er im Quartier leben. Darunter sind auch Personen mit körperlicher Beeinträchtigung, für die es noch schwerer ist, auf dem Zürcher Wohnungsmarkt passende Angebote zu finden.
Auch aktuell ist die Situation nicht einfach, immer wieder sind Zufahrtsstrassen durch Baustellen gesperrt, es wird Fernwärme installiert. «Man spürt langsam, dass uns das Leben immer schwerer gemacht wird», sagt er.
Stadt versucht, Einfluss zu nehmen
Hilfe erhält die UBS beim Bauprojekt vom berüchtigten Immobilien-Unternehmen Halter. Dieses sei «auf Ersatzneubauten spezialisiert», erklärt Mischa Schiwow. Wenn der Chef Balz Halter nicht gerade 100’000 Franken für die Halbierungs-Initiative spendet, ist sein Unternehmen auch damit beschäftigt, im Letzigarten und beim Triemli Abrisse umzusetzen oder zu planen.
Bereits jetzt führe Halter auf dem Areal «vorbereitende Untersuchungen» durch, heisst es im Schreiben der Livit weiter. Ausserdem sei auch die Stadt bei der künftigen Planung involviert. Doch ob das einen mildernden Einfluss auf die Mieten hat? Gemäss Schiwow habe die Stadt am ehesten Einfluss auf ästhetische Kriterien, nicht etwa auf die Sozialverträglichkeit.
Und die Bauherren erhofften sich von der Zusammenarbeit bloss, das Projekt kompatibel mit allen Vorgaben zu planen. Schiwow spricht von einer «undurchsichtigen Vorgehensweise», die er auch schon mit einem Postulat infrage gestellt hat.
Seit der Übernahme der CS ist die UBS die grösste Immobilienbesitzerin in Zürich – mit 6500 Wohnungen auf städtischem Boden. Wie die jüngste Recherche von «Tsüri.ch» und dem «WAV Recherchekollektiv» zeigt, belaufen sich diese auf insgesamt knapp 478’000 Quadratmeter.
Wie auch bei anderen Zürcher Grossprojekten regt sich in der Riesbacher Siedlung bereits Widerstand. «Für nächsten Donnerstag hat der Mieter:innenverband einen Austausch mit den Quartierbewohner:innen organisiert», erzählt Stüssi. Auch er werde dort sein und sich einbringen.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch