Nach nur 10 Monaten: Betreiber:innen geben Café Boy wieder ab
Ende März zieht sich die aktuelle Geschäftsführung aus dem Café Boy zurück. Trotz erfahrenem Betreiberkollektiv hat es das Traditionslokal im Kreis 4 nicht geschafft, sich zu behaupten. Grund dafür soll auch die benachbarte Grossbaustelle sein.
Das neueröffnete Café Boy steht vor dem nächsten Wechsel. Erst vor 10 Monaten hatte ein Kollektiv von erfahrenen Gastronom:innen das Traditionslokal im Kreis 4 übernommen. Die sogenannte «Doppelter Boden» GmbH kündigte im vergangenen Mai an, das Café Boy auf die Bedürfnisse der Anwohner:innen auszurichten.
Doch der erhoffte Quartiertreffpunkt ist nicht entstanden. Ende März ist bereits wieder Schluss. Es sei von Anfang an nicht so gelaufen, wie man sich das gewünscht hatte, erklären die Betreiber:innen auf Anfrage.
Baustellenlärm und fehlende Kundschaft
Offenbar gab schon Ende 2025 die «Doppelter Boden» GmbH die Geschäftsführung an das im Kreis 3 beliebte Gasthaus «Zum Guten Glück» ab.
Zwischen den Hotspots Lochergut und Bullingerplatz verliere das Café Boy an Laufkundschaft, vermutet die aktuelle Geschäftsführung. Dazu kam eine Grossbaustelle in der Nachbarschaft: Nur wenige Wochen nach der Neueröffnung des «Boy» begann der Abriss von fünf Gebäuden in der angrenzenden Kochstrasse.
Der Baulärm habe es verunmöglicht, draussen zu sitzen. «Einen Sommer mit dieser Baustelle trauen wir uns nicht noch einmal», so die Betreiber:innen.
Zweiter Misserfolg innert weniger Jahre
Der Misserfolg schliesst direkt an den letzten an. Zwischen 2019 und 2024 wurde das Boy von der SP-nahen Genossenschaft «Wirtschaft zum guten Menschen» geführt. Währenddessen kämpfte das Restaurant immer wieder mit Geldproblemen.
Medial war von Misswirtschaft die Rede, von falscher Personalpolitik, von Geld, das falsch eingesetzt wurde. Ein ehemaliger Mitarbeiter warf im «Tages-Anzeiger» der damaligen Leitung «willkürliche Personalentscheide und wiederholte Fehlbesetzungen» vor. Diese hätten zur ständigen finanziellen Schieflage des Boy geführt.
2024 meldeten die Betreiber:innen Konkurs an.
Pastetli zum Abschluss
Doch auch beim Team mit Bezug zum Restaurant Schnupf und dem Gasthaus «Zum Guten Glück» hielten die finanziellen Probleme an.
Der aktuelle Geschäftsführer glaubt nach wie vor daran, dass die Ecke wiederbelebt werden kann. Einst hätte das Café Boy zahlreiche Gäste von Jung bis Alt angezogen.
«Wir dachten, wir können diesen legendären Ort wieder erwecken», aber es brauche einfach mehr Zeit und Energie als gedacht. Schliesslich wurde der finanzielle Verlust zu gross – der Konkurs konnte jedoch vermieden werden.
Auch Thomas Kamber von der Bonlieu-Genossenschaft glaubt an die erfolgreiche Rückkehr des Café Boy. Die Genossenschaft, die 1917 gegründet wurde, besitzt das Haus, in dem sich das Café Boy befindet.
Auf die genauen Gründe für den Misserfolg will Kamber nicht eingehen. Man habe mit dem Betreiberkollektiv «Stillschweigen vereinbart».
Finanzielle Ausfälle fürchtet Kamber indes nicht. Es bestünden bereits konkrete Pläne für eine dreimonatige Zwischennutzung mit Gastronom:innen aus der Nachbarschaft. Das Lokal ist ab Juli für eine Monatsmiete von 12’800 Franken ausgeschrieben.
Für die letzten vier Wochen setzen die aktuellen Betreiber:innen des Café Boy auf ein neues Konzept. Jeden Donnerstagabend gibt es Live-Musik, donnerstags und freitags Pastetli über den Mittag. Das soll nostalgische Gefühle an die eigene Kindheit und das aktuelle Kapitel des Café Boy wachrufen, das bald wieder Geschichte sein wird.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.