«Sind eine neue Generation»: Langenegger und Widmer bringen sich für SP in Stellung
Bezahlbares Wohnen, Kaufkraft, Klimaschutz und Gleichstellung: Auf diese bekannten linken Themen setzt die SP im Wahlkampf. Tobias Langenegger und Céline Widmer wollen dennoch frischen Wind bringen.
Die SP hat die «heisse Wahlkampfphase» ausgerufen. Am Donnerstagmorgen hat der Präsident Oliver Heimgartner seine vier Stadtratskandidat:innen zusammengetrommelt: die zwei Bisherigen Raphael Golta, Simone Brander und die zwei Neuanwärter:innen Céline Widmer und Tobias Langenegger.
Bei der mächtigsten Partei der Stadt ist man entspannt, um nicht zu sagen siegessicher. Die Vorfreude auf den Wahlkampf wird hier im Sekretariat der SP Kreis 4 mehrfach betont.
«Es hat mich noch selten etwas so berührt und mir so viel Freude bereitet, wie dieser Wahlkampf», sagt Céline Widmer, die aus Bundesbern in den Stadtrat wechseln möchte. Selbst der gestandene Golta, der für die SP das Stadtratspräsidium übernehmen möchte, sagt: «Ich muss sagen, ich habe Freude an dieser Phase.»
Den Rechtsruck stoppen und ans Rote Zürich anknüpfen
Als Stadträtin will sich Widmer für eine weltoffene, inklusive Stadt und gegen Diskriminierung und den rechten Backlash einsetzen. «Gerade in einer Zeit, in der rechtskonservative Kräfte weltweit erstarken, braucht es mehr denn je Städte, die Haltung zeigen», sagt die Nationalrätin.
«Verdrängung ist für mich das grösste Problem in der Stadt», sagte Kantonsrat Tobias Langenegger. Das sehe er nicht nur als Vorstandsmitglied des Mieter:innenverbands, sondern auch in seinem eigenen Umfeld. Er warnt: «Heute wird die Stadt regelrecht aufgekauft von renditeorientierten Unternehmen.» Daher gelte es, aktive Bodenpolitik zu machen, «wie schon das Rote Zürich vor fast 100 Jahren».
SP-interne Übergabe bei Hochbau- und Sozialdepartement möglich
Durch seine berufliche Erfahrung wäre Langenegger prädestiniert für das Hochbaudepartement, welches der scheidende André Odermatt 16 Jahre lang führte. Widmer könnte Goltas Amt im Sozialdepartement übernehmen, sollte diesem der Sprung ins Präsidium gelingen.
Klare Bekenntnisse dazu lassen sich die beiden jedoch nicht entlocken. Langenegger stellt klar: «Am Kampf gegen die Verdrängung sind verschiedene Departemente beteiligt, und die wichtigsten Themen muss der Stadtrat sowieso gemeinsam diskutieren.» Als Ökonom und Mitglied der kantonsrätlichen Finanzkommission würde für ihn auch das Finanzdepartement infrage kommen, sagt er.
Auch Widmer betont: «Grundsätzlich kann man sich bei Exekutivwahlen in der Schweiz kein Amt auswählen.» Mit Blick auf ihre bisherigen Tätigkeiten würden das Sozialdepartement oder das Finanzdepartement sehr nahe liegen, sagt sie, fügt jedoch an: «Ich habe mich in meiner Karriere aber auch immer wieder in neue Bereiche eingearbeitet.»
Das Finanzdepartement, das von den beiden angesprochen wird, liegt jedoch beim bisherigen Grünen Stadtrat Daniel Leupi und wird aller Voraussicht nach nicht frei.
Frischer Wind oder mehr vom Alten
Die zwei sind zwar Newcomer:innen auf dem Stadtratswahlzettel, in der eigenen Partei aber alte Hasen. Beide haben die klassische SP-Schule hinter sich. Bevor sie in Bern politisierte war Céline Widmer Mitglied im Kantonsrat, zehn Jahre lang war sie die persönliche Mitarbeiterin der Stadtpräsidentin Corine Mauch. Tobias Langegger war stark engagiert bei den Genossenschaften, sitzt im Vorstand des Mieter:innenverbands, im OK des Röntgenplatzfests und seit 2015 für die Kreise 4 und 5 im Kantonsrat.
Auf die Frage, welche neuen Impulse die Stadt von den beiden erwarten könnte, sagt Widmer: «Tobias Langenegger und ich sind eine neue Generation, gemeinsam mit Raphael Golta und Simone Brander». Auch Langenegger sagt: «Wir sind in einem anderen politischen Kontext herangewachsen, als unsere Vorgänger:innen.»
Im Amt würde er sich mehr als seine Vorgänger:innen für den Mieter:innenschutz einsetzen. Sein Ziel sei es künftig, dafür eine departement-übergreifende Taskforce zu gründen. Ausserdem gelte es, Airbnbs und Business Apartments zurückzudrängen, die etwa im Kreis 4 inzwischen fünf Prozent aller Wohnungen ausmachen – eine Forderung, die die SP mit ihrer Anti-Airbnb-Initiative bereits lanciert hat.
«Unser Anspruch ist es nach wie vor, dass Zürich eine Stadt für alle ist.»
Raphael Golta, Sozialvorsteher und Stadtpräsidiumskandidat der SP
Auch Raphael Golta hat spürbar Spass am Wahlkampf gefunden. Er begrüsse die vielen öffentlichen Debatten und finde sich in seinem Programm und seinen Argumenten bestätigt. Dann zielt er auf das Thema Kaufkraft ab: «Es braucht einiges, um in dieser Stadt über die Runden zu kommen. Unser Anspruch ist es nach wie vor, dass Zürich eine Stadt für alle ist.» Hier gelte es, «deutlich mehr zu machen in der nächsten Legislatur».
«Velovorzugsrouten sind wie Popcorn»
Simone Brander nimmt im Anschluss die Verkehrsplanung in den Blick und äussert sich auch selbstkritisch. Zu den bisher realisierten 4,3 Kilometer des Velovorzugsroutennetzes – 50 sollen es einmal werden – sagt sie: «Das ist nicht gerade eine Leistungsbilanz, mit der man prahlen kann.» Jedoch seien sehr viele Abschnitte in Planung, die durch Einsprachen verzögert wurden. Sie verspricht: «Es ist ein bisschen wie beim Mikrowellen-Popcorn: Lange passiert nicht viel und irgendwann passiert alles gleichzeitig.»
Dass die Partei erst jetzt die heisse Wahlkampfphase einläutet und mit Plakaten sichtbarer wird, hänge auch mit dem Wahlkampfbudget zusammen, erklärt Oliver Heimgartner. Die Partei habe rund 400’000 Franken zur Verfügung, jede:r Stadtratskandidat:in wendet zudem 25’000 Franken auf.
Langenegger, Widmer, Brander und Golta präsentieren sich an der Veranstaltung als eingespieltes Team, das die SP-Politik in den nächsten vier Jahren wie eine gut geölte Maschine vorantreiben wird – ohne grosse Überraschungen.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch