Humanitäre Delegation

Zürcher Politiker Yves Henz in Rojava: «Der Krieg ist allgegenwärtig»

Seit Anfang Januar eskaliert die Gewalt in Nordostsyrien erneut. Der Zürcher Grünen-Gemeinderat Yves Henz ist derzeit mit der «Rojava Delegation for Humanity» vor Ort. Im Interview schildert er die humanitäre Lage in den selbstverwalteten Gebieten.

Grünen-Gemeinderat Yves Henz befindet sich in Rojava
Gemeinderat Yves Henz (Grüne) befindet sich als Teil einer humanitären Delegation in Nordostsyrien, um sich ein Bild vor Ort zu machen. (Bild: Rojava Delegation for Humanity)

Yann Bartal: Sie sind als Teil der «Rojava Delegation for Humanity» zusammen mit Journalist:innen, Politiker:innen und Aktivist:innen nach Nord- und Ostsyrien in die selbstverwalteten Gebiete Rojavas gereist. Was wollen Sie damit bezwecken?

Yves Henz: Die Medien und viele Regierungen haben die Menschen in dieser Region im Stich gelassen. Mit der Delegation setzen wir uns vor Ort für dringend benötigte humanitäre Unterstützung, Sicherheitsgarantien und eine lückenlose Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen ein.

Seit Beginn der Offensive auf die kurdischen Stadtteile von Aleppo am 6. Januar ist die Region in Nordostsyrien im Fokus eines neuen Krieges. Wo befinden Sie sich gerade und wie ist die Situation vor Ort?

Ich bin derzeit in Qamishli in Rojava an der Grenze zur Türkei. Der Krieg ist allgegenwärtig. Allein in den letzten Tagen mussten über 170’000 Menschen fliehen. Wir haben Menschen getroffen, die bereits fünfmal vertrieben wurden. Viele haben Angehörige auf der Flucht verloren. Es gibt Verwundete und es fehlt an allem, insbesondere an Medikamenten.

Mit wem haben Sie sich in diesen Tagen getroffen?

Wir haben in Rojava Gespräche mit Vertreter:innen zentraler politischer und zivilgesellschaftlicher Institutionen geführt wie der Co-Vorsitzenden des Aussen- und des Kulturministeriums und der Sprecherinnen des Dachverbands der Frauenorganisationen in Nord- und Ostsyrien sowie mit vom Krieg vertriebenen und verwundeten Menschen.

Grünen-Gemeinderat Yves Henz als Teil der Rojava Delegation of Humanity
Die «Rojava Delegation for Humanity» mit den Co-Vorsitzenden des Kulturministeriums, der Kulturbewegung und der Musikkommune. (Bild: Rojava Delegation for Humanity)

Am Freitag unterzeichnete die kurdische Führung eine Waffenruhe mit der syrischen Regierung in Damaskus. Was sind die Kernpunkte dieser Einigung?

Das Abkommen sieht im Wesentlichen eine schrittweise Integration der demokratischen und administrativen Strukturen von Rojava in den syrischen Staat vor. Es ist wichtig zu betonen, dass dieses Abkommen Rojava als einzige Alternative zu Krieg und Massaker aufgezwungen wurde und nicht die Wunschlösung der Bevölkerung ist.

Aber angesichts des Angriffskriegs ein Versuch, das Töten und die Vertreibung zu beenden. Das war nötig, weil Europa die Bevölkerung von Nordostsyrien – insbesondere die Kurd:innen – im Stich gelassen hat.

Grünen-Gemeinderat Yves Henz befindet sich in Rojava mit lokalen Kämpfern
Studierende der Filmschule Qamishli haben sich der bewaffneten Verteidigung der demokratischen Selbstverwaltung angeschlossen. (Bild: Rojava Delegation for Humanity)

Inwiefern?

Die Schweiz und viele europäische Länder haben davon profitiert, dass Kurd:innen ihr Leben im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) eingesetzt haben. Jetzt werden sie fallen gelassen. Die EU hat im Januar 630 Millionen Euro an Aufbauhilfe für die Sharaa Regierung (Anm. d. R.: Ahmed al-Sharaa ist der Interimspräsident Syriens) bewilligt. Damit gibt sie einem einstigen IS-Terroristen Anerkennung und Ressourcen für seinen Krieg.

Europa muss Verantwortung übernehmen und Sicherheitsgarantien für ethnische und religiöse Minderheiten schaffen. Insbesondere ein Rückkehrrecht für alle Geflüchteten, Sicherheit vor Vertreibung und konsequente Dokumentation von Verbrechen.

Wird die Waffenruhe eingehalten?

Ob der Waffenstillstand hält, ist fraglich. Es werden Tausende Menschen vermisst und es gibt weiterhin Berichte über Verletzungen des Abkommens und über Vertreibungen. Zudem ist unbekannt, was in und um Kobane passiert. Kobane steht nach wie vor unter einer vollständigen Blockade, ein humanitärer Korridor ist weiterhin dringend notwendig.

In der Region Rojava wurde ab 2012 ein neues Gesellschaftsmodell eingeführt, das auf Frauenbefreiung, Pluralismus, direkter Demokratie und Selbstverwaltung beruht. Wie geht es damit weiter?

Die Bevölkerung, insbesondere Frauen, haben sich hier in den vergangenen Jahren Rechte und Freiheiten erkämpft. In Regierung und lokaler Selbstverwaltung sind alle Positionen demokratisch und als Doppelspitze mit einer Frau und einem Mann besetzt.

Dieses System hat zu einer weitgehenden Gleichstellung geführt. Das aktuelle Abkommen und die Übergangsregierung bedrohen diese Strukturen, weil demokratische Errungenschaften abgebaut und Frauen wieder Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt werden könnten.

Will man das System um jeden Preis erhalten?

Für die Frauen ist das eine rote Linie. Sie sind nicht bereit, ihre Freiheit aufzugeben oder erneut unterdrückt zu werden. Sollte die Regierung weiterhin versuchen, Frauenrechte oder die Rechte von Minderheiten einzuschränken, werden sie Widerstand leisten. Das ist für alle klar – auch wenn die Hoffnung besteht, dass die Konflikte politisch und nicht militärisch gelöst werden.

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yann

Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.

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