Veganuary

Zürcher Influencer «letim.cook» wollen veganer Küche neues Image geben

Seit einem Jahr veröffentlichen drei Freunde aus Zürich unter dem Account «letim.cook» vegane Kochvideos auf Social Media. Um die Klischees rund um pflanzliche Ernährung aufzubrechen, holen sie auch immer wieder prominente Persönlichkeiten vor die Kamera.

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Nicht immer sind alle drei in den Videos zu sehen. An diesem Nachmittag kochen nur Tim und Luis. (Bild: Minea Pejakovic)

In der Grillpfanne zischt es. Aufgespiesste Pilze, zuvor in einer würzigen Sauce mariniert, werden goldbraun angebraten. Ein Handy liegt im Küchenschrank und filmt mit. Nebenbei schneidet Luis auf dem Holzbrett Tomate und Rotkohl in Scheiben. «Hey, komm hilf mir schnell filmen», ruft Tim.

Die Küche ist klein, wirkt ein bisschen zusammengewürfelt und doch stimmig. Unterschiedliche Stühle stehen um den Esstisch, in der Mitte des Raumes hängt eine quietschgelbe Sicherheitsweste und auf dem Küchenschrank prangt ein kaum lesbarer Schriftzug im Graffiti-Stil. 

Luis schnappt sich das Handy vom Schrank, während Tim sich die gläserne Auflaufform greift, in der die Pilze mariniert wurden. Er drückt die Auflaufform auf die Spiesse, als wäre sie eine Presse. Es brutzelt und das Handy fängt den Moment auf.

Die WG-Küche im Kreis 6 dient regelmässig als Kulisse für vegane Kochvideos. Am Herd und hinter der Kamera stehen die Freunde Tim, Luis und Joni, die den Account «letim.cook» auf Instagram und Tiktok betreiben. An diesem Nachmittag wird Content für den Veganuary gedreht. Auf dem Plan steht eine vegane Version des Adana Kebap im Baguettebrot.

Der Veganuary als Startschuss

Ein rauchig-süsslicher Geruch liegt in der Luft. Auf dem Küchentisch beugt sich Luis über das Holzbrett, hackt Minze sowie Frühlingszwiebeln und hebt die feinen Stücke mit der Messerklinge direkt in die Joghurtsauce. Gleichzeitig schneidet Tim die Brote auf und röstet sie kurz über der offenen Herdflamme.

Angefangen hat alles vor genau einem Jahr. Tim bemerkte, dass er der Einzige in seinem Freundeskreis ist, der sich ausschliesslich vegan ernährt. «Mir fiel auf, dass viele meiner Freunde Fleisch essen, obwohl sie über die problematische Tierhaltung informiert sind», erklärt er.

Darauf angesprochen, höre er aus seinem Umfeld immer wieder dieselben Rechtfertigungen. «Sich vegan zu ernähren ist oft negativ behaftet, der Verzicht steht im Mittelpunkt», sagt Tim. Das schrecke viele von einer Ernährungsumstellung ab. 

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    Für den Veganuary möchte die Gruppe jeden Tag ein neues Video veröffentlichen. (Bild: Minea Pejakovic)
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    In Luis' Küche drehen die Freunde regelmässig Videos. (Bild: Minea Pejakovic)
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    Statt Fleisch werden Pilze mariniert und aufgespiesst. (Bild: Minea Pejakovic)

Die meisten hätten zudem immer noch ein stereotypes Bild von Veganer:innen im Kopf: belehrend, verstaubt und uncool. Angetrieben davon, die Vorurteile zu brechen, suchte Tim nach einem Weg, «den Menschen zu zeigen, wie einfach und geil veganes Kochen sein kann». Social Media schien dafür das passende Mittel.

Das erste Video veröffentlichte er im vergangenen Januar. Wie auch in diesem Jahr wollte er während des Veganuary jeden Tag ein Kochvideo posten. «Anfangs habe ich alles alleine gemacht, aber Luis und Joni waren schon damals Teil der Videos», sagt er. Einen Monat später beschlossen die drei, den Kanal offiziell gemeinsam zu betreuen.

Tim und Luis kennen sich seit der Sekundarschule, richtig zueinander gefunden haben sie aber erst nach der Schulzeit. Joni stiess später dazu, als Tim ihn in den Ferien kennenlernte. An diesem Dreh ist er nicht mit dabei. «Joni ist gerade in der Lernphase und muss sich den Kopf frei halten», erklärt Luis.

Kochvideos mit Unterhaltungscharakter

Eigentlich lebt Tim bereits seit fast zwei Jahren vegan. Den Anstoss gab damals eine Netflix-Dokumentation über den Einfluss von Ernährung auf den Körper. Kurz darauf beschloss er, erstmals beim Veganuary mitzumachen. «Ich habe es als persönliche Challenge gesehen», erzählt er. Diese habe ihn deutlich aus der Komfortzone gezwungen.

Anfangs verbrachte er viel Zeit in Lebensmittelläden und hinterfragte seine Essgewohnheiten. Rückblickend habe sich gerade diese Phase als grösster Gewinn erwiesen. «Ich konnte unglaublich viel Neues ausprobieren», so Tim. Aus der Challenge wurde schliesslich ein fester Lebensstil – tierische Produkte kommen seither für ihn nicht mehr infrage. Luis und Joni essen hingegen überwiegend vegetarisch, greifen aber gelegentlich auch zu Fleisch.

Das Essen ist inzwischen zubereitet. Schicht für Schicht wandert es ins aufgeschnittene Baguette: Erst kommen die gebratenen Pilze, dann folgen Tomaten, Zwiebeln und Rotkohl, darüber die Joghurtsauce.

Ihre Rezeptideen haben sie hauptsächlich von Instagram. «Wenn wir ein Gericht sehen, das nicht vegan ist, veganisieren wir es einfach», erklärt Tim. Der Reiz liege dabei auch darin, bekannte Gerichte immer wieder neu zu denken.

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Das Baguette ist belegt und die letzten Aufnahmen werden gemacht. (Bild: Minea Pejakovic)

Die Videos von «letim.cook» leben von einer schnellen Kameraführung mit vielen Zooms und Schnitten. Gleichzeitig setzen Tim, Luis und Joni auf spielerische Momente: Tomaten landen nach einem Jongliermanöver auf der Messerspitze, in der Migros werden Peperonis wie Basketbälle in den Einkaufskorb geworfen oder die Sahne auf dem Kühlschrank sitzend direkt in den Thermomix gegossen.

Bei den Zuschauer:innen kommt es an. «Die Leute checken, dass wir keine Profis sind und unterhalten möchten», so Luis. Momentan folgen ihren Accounts insgesamt fast 6000 Menschen. Die Rückmeldung sei bisher überwiegend positiv. «Hasskommentare bekommen wir praktisch keine – ausser wir benutzen Plastikschneidebretter», sagt Tim schmunzelnd. 

Prominenter Besuch in der eigenen Küche

Mit ihren Videos hat sich das Trio bereits Catering-Aufträge in der Zentralwäscherei oder der Cafébar Miyo gesichert. Auch Kollaborationen mit bekannten Zürcher Persönlichkeiten sind zustande gekommen. Unter anderem waren bei «letim.cook» die Nationalrätin Anna Rosenwasser, der Rapper «MzumO» oder die Entertainerin Gülsha Adilji zu Gast.

Letztere blieb Tim und Luis besonders in Erinnerung. Adilji habe sie damals angeschrieben. «Vor dem Dreh waren wir etwas nervös», sagt Tim. «Im Nachhinein völlig unbegründet, da sie extrem zugänglich war», ergänzt Luis. Durch die Zusammenarbeit erreichte der Kanal schliesslich auch ein neues Publikum.

Dass ihre Videos innerhalb eines Jahres so viel Aufmerksamkeit erhalten würden, hatten sie nicht erwartet. «Ich habe die Videos ohne grosse Hintergedanken veröffentlicht», sagt Tim. Viral zu gehen oder bekannt zu werden, sei nie das Ziel gewesen. Umso dankbarer seien sie heute für die positiven Reaktionen aus der Community.

Um den Erfolg zu halten, sei inzwischen vor allem eines gefragt: Konstanz. Neben der Arbeit oder der Ausbildung ist das nicht immer einfach. «Das Privatleben soll ja auch nicht komplett auf der Strecke bleiben», sagt Tim. Entsprechend anspruchsvoll sei das Zeitmanagement.

Noch verstehen sie das Produzieren der Videos als Hobby. «Wir stehen am Anfang und machen davon so gut wie kein Geld», sagt Luis. Daran werde sich vorerst wenig ändern.

Nichtsdestotrotz hoffen sie auf weitere spannende Kollaborationspartner:innen, zusätzliche Catering-Aufträge oder vielleicht sogar ein eigenes Produkt. Für den Moment aber wird erst einmal in den veganen Adana Kebap gebissen.

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Minea Pejakovic

Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.

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