«Kondome schützen nur vor Krankheiten, die durch Sperma übertragen werden»
Zürich gilt nach Genf als Hotspot für sexuell übertragbare Krankheiten. Nun weitet die Stadt auf Druck des Gemeinderats das Angebot von Gratis-Tests aus. Warum der Dermatologe Thomas Kündig diesen Schritt begrüsst, erklärt er im Interview.
Isabel Brun: Tests für sexuell übertragbare Krankheiten (STI) bleiben für junge Erwachsene in Zürich weiterhin kostenlos. Der Zürcher Gemeinderat hat dazu einen Vorstoss an den Stadtrat überwiesen. Wie sinnvoll ist dieser Schritt?
Thomas Kündig: Sehr sinnvoll. Gerade für Jüngere sind Arztbesuche oft eine finanzielle Belastung: Ein STI-Test kostet zwischen 200 und 300 Franken. Dabei empfehlen wir insbesondere Personen mit Risikoverhalten, sich mehr als einmal im Jahr testen zu lassen. Gratis-Tests bauen diesbezüglich deshalb eine wichtige Hürde ab.
Neu sollen auch Personen über 50 Jahren davon profitieren können. Obwohl diese finanziell in der Regel besser dastehen als Studierende oder Lernende.
Es stimmt, in diesem Lebensabschnitt wäre das Geld für Tests meist vorhanden. Das Angebot der Stadt beinhaltet aber noch andere Vorteile: Man kann sich beispielsweise auch anonym testen lassen.
Eine Dienstleistung, die vermehrt von über 50-jährigen Personen in Anspruch genommen wird. Dies nimmt der Testung eine weitere Hürde. Ergebnisse werden anonym mitgeteilt und nicht als Laborresultate oder Krankenkassenabrechnung nach Hause geschickt.
Kritiker:innen sprachen im Rat von einer «Prävention mit der Giesskanne». Wären gezieltere Massnahmen nicht effizienter?
Bei der Diskussion um die Kosten geht schnell mal vergessen, dass die Tests nur ein Baustein der Prävention sind. Wichtig ist auch die Sensibilisierung der Bevölkerung sowie die Aufklärung über Geschlechtskrankheiten – inklusive der Frage, wie man sich gegen eine Übertragung schützen kann, bei welchen Praktiken eine Übertragung stattfinden kann und wie gut Kondome schützen.
Junge Menschen gelten heute besser aufgeklärt als frühere Generationen. Trotzdem stiegen die Fallzahlen von sexuell übertragbaren Krankheiten in den letzten Jahren wieder an: Laut einer aktuellen Auswertung des Bundes sind die Regionen Genf und Zürich Hotspots. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Das hat in erster Linie damit zu tun, dass die HIV-Epidemie eingedämmt werden konnte: Bis Anfang der 2000er-Jahre fürchteten viele eine Ansteckung durch ungeschützten Sex. Mittlerweile hat HIV dank medizinischer Fortschritte und erfolgreicher Kampagnen einen grossen Teil seines Schreckens verloren, weshalb viele Menschen wieder nachlässiger wurden.
«Es kann sinnvoll sein, dass sich jene, die beim Sex ein Kondom verwenden, testen lassen.»
Thomas Kündig, Klinikdirektor und Dermatologe am Unispital Zürich
Sexuell übertragbare Krankheiten werden also unterschätzt, weil sie gut behandelbar sind?
Ja, insbesondere denken die meisten, dass das Kondom einen komplett vor allen Geschlechtskrankheiten schützt. Das stimmt aber nicht ganz: Kondome schützen nur vor Krankheiten, die durch Sperma übertragen werden. Das ist bei HIV der Fall. Allerdings gibt es auch andere sexuell übertragbare Krankheiten.
Zum Beispiel?
Chlamydien und Gonokokken werden auch durch ungeschützten Oralsex übertragen und für die Übertragung von Syphilis, Genitalwarzen (HPV) oder Herpes, benötigt es sogar lediglich Hautkontakt, sodass ein Kondom nicht komplett schützt. Deshalb kann es auch sinnvoll sein, dass sich jene, die beim Sex ein Kondom verwenden, testen lassen.
Im Gemeinderat kam der Punkt auf, dass Menschen ab 50 Jahren eine «relevante Risikogruppe» seien. Stimmt das?
Das höre ich in dieser Form zum ersten Mal. Auch wenn es natürlich nicht so ist, dass über 50-Jährige keinen Sex mehr hätten. Vielleicht kann man von einer Risikogruppe sprechen, da die Empfängnisverhütung bei Frauen aufgrund der Menopause kein Thema mehr ist und deshalb auch weniger Kondome verwendet werden.
Was braucht es neben kostenlosen Tests noch, um die Fallzahlen von Geschlechtskrankheiten wieder zu senken?
Grundsätzlich ist das Bestreben der Stadt Zürich lobenswert. Das Wichtigste scheint mir aber, dass mehr darüber gesprochen wird. Sex ist schon länger kein Tabuthema mehr – Geschlechtskrankheiten sollten es deshalb auch nicht sein.
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Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.