Das Theater um die Kernkraft

In der Schweiz dürfen seit 2007 keine neuen Kernkraftwerke gebaut werden. Rechtsliberale Kreise wollen diesen Entscheid nun kippen – und erwecken eine jahrzehntealte Diskussion zu neuem Leben. Während sich die Politik um Kopf und Kragen redet, hält uns das Theaterstück «Die Kinder» den Spiegel vor.

Robin_Die Kinder©Ingo+Hoehn
Wird der Rentner Robin seine Verantwortung wahrnehmen? (Alle Fotos: Ingo Hoehn)

Als das Spiel beginnt, ist die Katastrophe schon geschehen: Die Kühe tot, die Luft verstrahlt. Was bleibt, sind Hazel und Robin, ein Rentner:innen-Ehepaar, in einem Ferienhäuschen unweit der Sperrzone. Sie haben den Super-GAU überlebt, der die englische Küste erschüttert hatte. Seither versuchen junge Nuklear-Wissenschaftler:innen das Leck im Kernkraftwerk zu reparieren. Währenddessen macht Hazel Yoga und Robin fährt mit seinem Traktor aus Spass die Klippe ab. Bis Rose, eine alte Freundin der beiden, auftaucht.

«In ‹Die Kinder› geht es um die Verantwortung der jetzt älteren Generationen der neuen gegenüber einer jüngeren. Aber auch darum, wie zwischenmenschliche Beziehungen den Umgang mit einem Problem beeinflussen können», sagt Manuel Bürgin, der beim Theater Winkelwiese Regie führt. Das Stück, geschrieben von Lucy Kirkwood, drehe sich zwar um den Klimawandel und die Risiken der Atomkraft, das Stück lasse sich aber nicht aktionistisch aufziehen. Davon seien wir alle vielleicht auch übersättigt, meint Bürgin. Trotzdem bleibt die Klimakrise in Kunst und Kultur ein gern verwendetes Narrativ. «Theater ist sinnlich, unmittelbar. Das holt die Menschen anders ab, als wenn Medien darüber berichten oder die Politik Massnahmen beschliesst.»

«Wir haben uns an unseren Wohlstand gewöhnt, das macht es manchmal schwierig, etwas an unseren Gewohnheiten zu ändern. Und das für Menschen, die noch gar nicht auf der Welt sind.»

Manuel Bürgin, Theaterregisseur

Aktueller denn je

Dass das Theater Winkelwiese mit «Die Kinder» eine brandaktuelle Debatte aufgreift, ist laut Bürgin hauptsächlich einem glücklichen Zufall geschuldet. Einem, der auf den ersten Blick wie eine gute Inszenierung scheint: In derselben Woche, in der das Stück Premiere feierte, verkündete die FDP-Spitze, dass sie das Verbot des Baus neuer Atomkraftwerke aufheben wolle. Ein Entscheid, den nicht alle Parteimitglieder gutheissen. Bei der Abstimmung im Jahr 2007, als sich die Schweizer Stimmbevölkerung gegen neue AKW aussprach, war man sich in der FDP noch darüber einig: Die Zukunft liege bei Solar-, Wind- und Wasserstrom – also erneuerbaren Energien. 

Grund für den jetzigen Paradigmenwechsel der Parteiführung ist in erster Linie die Befürchtung, in wenigen Jahren nicht ausreichend Strom produzieren zu können. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie der ETH, dass der Strombedarf bis in 50 Jahren in der Schweiz um 50 Prozent zunehmen wird. Gleichzeitig hatte der Bundesrat letzten Mai die Verhandlungen mit der EU zum Rahmenabkommen gestoppt, weshalb auch der Import von Strom in Zukunft nicht gesichert ist.

Eine Kombination, die unter Freisinnigen jetzt also für Kopfzerbrechen sorgt. Neben dem stetig wachsenden Stromverbrauch sollen bis ca. 2030 sollen alle fünf AKW in der Schweiz ihren Betrieb einstellen. «Dann fehlen uns bis zu 40 Prozent Strom», sagte der FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen Anfang Januar gegenüber SRF. Und setzte das Gesetz einem «Technologieverbot» gleich. Die Richtungsänderung sei nicht klimapolitisch bedingt, heisst es auch in der Resolution seiner Parteikolleg:innen: Der Strom soll «wenn immer möglich» CO2-neutral bleiben.

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«Wir haben das AKW gebaut, wir sind dafür verantwortlich.» Roser (rechts) versucht Hazel ins Gewissen zu reden.

«Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass es sicher ist»

Wie grün Kernkraftwerke sind, darüber wird seit einigen Jahren europaweit diskutiert. Die EU-Kommission will atomaren Strom als «nachhaltig» einstufen und in Finnland sprachen sich auch die Grünen für einen AKW-Neubau aus. Die grüne Nationalrätin Marionna Schlatter warnt jedoch im Interview mit SRF: «Nachhaltigkeit bedeutet eben auch, dass etwas sicher ist – und das ist bei Kernkraftwerken nicht der Fall.»

Auf diese Problematik macht auch das Stück «Die Kinder» aufmerksam: «Die Katastrophe auf der Theaterbühne ist zwar Fiktion, aber das Durchleben der Konsequenzen dieses Unfalls im Spiel macht uns klar, dass so etwas auch jederzeit in der Realität passieren kann», erklärt Regisseur Manuel Bürgin. Nach dem AKW-Unfall an der englischen Küste komme die Frage auf, wer für das Unglück verantwortlich ist.

Denn wie sich nach und nach herausstellt: Die Protagonist:innen Hazel, Robin und Rose arbeiteten einst für das Kernkraftwerk. Während jedoch Hazel sich aus der Verantwortung zieht, «weil sie ihren wohlverdienten Ruhestand geniessen möchte», will Freundin Rose die beiden Nuklear-Wissenschaftler:innen dazu überreden, bei der Abschaltung des AKW zu helfen und «die Jungen» nach Hause zu schicken. 

Wer soll die Verantwortung tragen?

«Der Generationen Gap in unserer Gesellschaft wird immer grösser», so Bürgin, das führe unweigerlich dazu, dass Verantwortung weniger gern übernommen werde. Der Gedanke: «Die Jungen sollen das richten», ist laut dem Theatermacher allgegenwärtig. «Dabei müsste doch die ältere Generation für ihre Taten geradestehen.» Ein Spagat zwischen Selbstverwirklichung und Pflichtgefühl – «und meistens gewinnt eben ersteres, das ist sicher auch egoistisch.» In Lucy Kirkwoods Theaterstück würden sich Zuschauer:innen ab und zu selber ertappt fühlen. Weshalb, erklärt Bürgin so: «Wir haben uns an  unseren Wohlstand gewöhnt, das macht es manchmal schwierig, zu handeln; etwas an unseren Gewohnheiten zu ändern. Und das für Menschen, die noch gar nicht auf der Welt sind.»

Für AKW-Gegner:innen liegt genau dort der Hund begraben. Neben den Sicherheitsrisiken ist und bleibt auch die Entsorgung von atomarem Restmüll ein Problem; wohl aber eines der Zukunft. Die Nationale Gesellschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), die sich im Namen des Bundes um die Entsorgung kümmert, brauchte über 20 Jahre, bis ein geeigneter Standort für ein neues Tiefenlager gefunden wurde. Zwei mögliche Lagerorte befinden sich im Kanton Zürich: Im Zürcher Weinland und an der Grenze zum Kanton Schaffhausen. Die Gebiete sind laut der Infoplattform des Kantons zum einen gross genug und zum anderen mit einer Gesteinsschicht ausgestattet, die als «günstig» beschrieben wird, um radioaktive Abfälle zu deponieren. 

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Weil Robin immer wieder in die Sperrzone geht, nimmt sein Körper radioaktive Strahlung auf.

Ein Generationen-Projekt

Kaum wurde die Nachricht von den möglichen Endlagern im September 2021 verkündet, kam Gegenwind auf. Mit einer dringlichen Anfrage wandte sich der SP-Kantonsrat Markus Späth-Walker vor gut zwei Wochen an den Regierungsrat. Er befürchtet in den von der Nagra ausgewählten Regionen eine Verschmutzung des Tiefengrundwassers, das als Trinkwasser oder für die Bewässerung von Feldern genutzt werden könne. Die Regierung widerspricht: «Die in der Regel salzigen Tiefengrundwässer sind wegen ihrer chemischen Beschaffenheit für die Trinkwasser- oder Mineralwassergewinnung und als Brauchwasser für die Landwirtschaft häufig ungeeignet.» Ausserdem werde auf die Standortwahl der Nagra für eine der beiden Regionen in Zürich im Herbst 2022 eine «sorgfältige Prüfung aller Unterlagen» folgen. Definitiv entschieden ist also auch nach fast 23 Jahren der Suche nach einem geeigneten Tiefenlager noch nichts. 

Momentan wird an Kernkraftwerken der vierten Generation geforscht, die sicherer und kostengünstiger sein sollen. Doch eine nachhaltige Lösung für die Entsorgung des atomaren Mülls müsste auch bei ihnen gefunden werden. Ob die Schweiz Neubauten solcher Kernkraftwerke  künftig in Betracht zieht, steht noch in den Sternen. Zuerst muss sich die FDP an ihrer Delegiertenversammlung am 12. Februar über ihre Forderung einig werden. Denn bisher ist einzig die SVP pro Atomkraft, deshalb ist das Thema kaum mehrheitsfähig. Egal, wie die politischen Diskussionen ausgehen werden: Es ist zu hoffen, dass ein Szenario, wie es im Theaterstück «Die Kinder» zu sehen ist, Fiktion bleibt. 

«Die Kinder» im Theater Winkelwiese

Das Stück «Die Kinder» von Lucy Kirkwood wird noch bis am 12.2.22 im Theater Winkelwiese in Zürich gezeigt. Am Wochenende vom 5./6. Februar werden zwei Spezialabende mit Podiumsgesprächen stattfinden.

Samstag, 05.02.22: Was können wir tun? – ein Gespräch über dringend notwendige Taten.








Es diskutieren: Milo Probst, Historiker und Autor des Buches «Für einen Umweltschutz der 99%», sowie Janina Finger, Klimaaktivistin Moderation: Jonas Frey, Redaktor Onlinemagazin das Lamm

Sonntag, 06.02.22: Perspektiven auf den Klimawandel Es diskutieren: Dominik Waser, Stadtratskandidat Zürich, Annette Hug, Schriftstellerin und Monika Bätschmann, Gemeinderätin Stadt Zürich Moderation: Christine Lötscher, Professorin für Populäre Literaturen und Medien

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