«Vorem und nachem Match gaht mer is Siesta»
Im wandelnden Kreis 4 bleibt sich die Cafébar Siesta am Letzigrund seit vielen Jahren treu. Das Lokal ist nicht nur bei FCZ-Fans sehr beliebt, sondern bedient auch viele langjährige Quartierbewohner:innen. Die Stadt brauche unkomplizierte Orte, sagt die Geschäftsführerin Merilu Ruggieri.
Am Letzigrund eilt ein Mädchen zur Tramstation, um das 2er-Tram in Richtung Albisriederplatz zu erwischen. Auf der Terrasse der Cafébar Siesta geht es derweil deutlich ruhiger zu und her. Zwei ältere Herren sitzen entspannt zusammen und trinken Kaffee.
Als ein junger Mann mit seiner Bulldogge an der Leine das Lokal betritt, ruft ihm Merilu Ruggieri vom Tresen aus zu: «Ciao, was darf’s für dich sein?» Schnell entsteht ein Gespräch und es scheint, als würden die beiden sich schon eine halbe Ewigkeit kennen. Für den Hund gibt es einige Streicheleinheiten und ein Stück Schinken, während der Mann einen Cappuccino erhält.
Ruggieri, bei ihrer Stammkundschaft auch als Meri bekannt, hat das Siesta vor acht Jahren gemeinsam mit ihrem Vater Salvatore übernommen und zu einem Treffpunkt für das ganze Quartier gemacht. «Die Leute kommen, weil hier jeder so sein kann, wie er ist», sagt sie.
Das Siesta ist aber nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch bei Anhänger:innen des FCZ beliebt. An Spieltagen füllt sich die unscheinbare Cafébar mit Fans in blau-weiss. Hier wird vor dem Anpfiff Stimmung gemacht und nach dem Schlusspfiff, «je nach Resultat, entweder ein Sieges- oder ein Trostbier bestellt», ergänzt Ruggieri.
Neues Leben im Siesta
Die Familie Ruggieri war schon immer in der Gastrobranche tätig. «Mein Vater hat zuvor eine Bar in der jetzigen Pizzeria Derby beim Lochergut betrieben», erzählt die Geschäftsführerin. Freund:innen und Familie aus der sizilianischen Community gingen dort ein und aus. Ihre damalige Hauptbeschäftigung? «Karten spielen», sagt sie.
Ruggieri selbst ist im Kreis 4 aufgewachsen und schloss eine Lehre im Verkauf ab. Schon damals kam ihr immer wieder der Gedanke auf, später einmal etwas Eigenes zu eröffnen. «Ich wusste früh, dass ich niemals in einem grauen Büro arbeiten möchte», erzählt sie. Nachdem ihr Vater das Derby abgegeben hatte, stand für beide fest, dass sie ein neues Lokal suchen würden.
«In Zürich gibt es genug gehobene Lokale – ich möchte mit meiner Kundschaft lachen können.»
Merilu Ruggieri, Geschäftsführerin Siesta
«Im Frühjahr 2018 hat meine Mutter schliesslich das Siesta gefunden», so Ruggieri. Der Vorbesitzer wollte sich nach jahrelangem Betrieb etwas zurückziehen und suchte eine passende Nachfolge. Ruggieri und ihr Vater waren froh, im «Chreis Cheib» bleiben zu können. Bis heute sind sie mit dem Vorbesitzer befreundet – er gehört zu den Stammgästen.
Auf Wunsch der Eigentümer:innen hin behielten sie den Namen «Siesta» bei. Nicht zuletzt, weil er in der Umgebung bereits etabliert war. «Und in Italien machen wir auch Siesta», fügt Ruggieri lachend hinzu, «deshalb hat das für uns eigentlich perfekt gepasst».
Familiär und unkompliziert
Mitten im Gespräch betreten zwei Stammgäste das Lokal. Ruggieri begrüsst die beiden Herren und lässt unaufgefordert zwei Espressi raus. «Die beiden gehören praktisch schon zum Inventar», erklärt sie. Die Männer schmunzeln und winken ab: «Ach komm, hör auf.»
Genau dieser Austausch mit den Gästen und die familiäre Atmosphäre sind es, die ihre Arbeit im Siesta ausmachen. «Es wird nie langweilig», sagt sie. «In Zürich gibt es genug gehobene Lokale – ich möchte mit meiner Kundschaft lachen können.»
Doch auch der Kreis 4 verändert sich stetig. Während Traditionslokale schliessen, eröffnen gleichzeitig immer mehr hippe Cafés und Bars. Davon lässt sich Ruggieri jedoch nicht beirren. «Meine Kundschaft meint, wir hätten den besten Kaffee.» Das reiche ihr. Trends nachzujagen sei ohnehin nicht ihr Ding, denn «die Stadt braucht auch Orte, die unkompliziert bleiben».
Ins Siesta kommen besonders Menschen aus der Nachbarschaft, Bauarbeitende aus der Gegend oder solche, die das Lokal schon lange kennen. «Es ist sehr durchmischt, aber Laufkundschaft haben wir eher weniger», erklärt Ruggieri.
Den grössten Teil der Stammkundschaft bilden FCZ-Fans. Früher hauptsächlich an Spieltagen anzutreffen, kommen viele von ihnen heute auch unter der Woche einen Kaffee trinken.
Wo sich FCZ-Fans versammeln
Der FCZ gehört im Siesta schon lange dazu. Der Vorbesitzer war selbst leidenschaftlicher Fan des Klubs und stand bei jedem Spiel in der Kurve. Aus diesem Grund blieb die Cafébar nach den Partien damals immer geschlossen.
Mit der Übernahme durch die Ruggieris änderte sich das: Das Siesta blieb seither auch nach den Spielen geöffnet. «Die ersten Male waren wir doch etwas über den Andrang überrascht», erklärt sie. Doch mit jedem Match seien die beiden routinierter geworden.
Trotz der oft emotional geladenen Fussball-Atmosphäre kommt es im Siesta laut Ruggieri nie zu Konflikten. «Manchmal wird es laut, aber es ist noch nie eskaliert», sagt sie. Wenn es doch einmal brenzlig werde, zögere sie auch nicht, selbst einzugreifen und Grenzen zu setzen.
Das zeigte sich bereits in den Anfangsjahren, als einzelne Fans ins Siesta huschten, um ungefragt die Toilette zu benutzen. Die Geschäftsführerin sprach die Männer notfalls auch direkt vor der WC-Tür an. «Bei manchen hat es schon etwas Erziehung gebraucht», scherzt sie rückblickend.
Insgesamt sei die Stimmung an Tagen, an denen der FCZ spielt, ausgelassen. Für zahlreiche Fans ist der Gang zum Siesta zu einem festen Ritual geworden. Das Credo unter den Anhänger:innen: «Vorem und nachem Match gaht mer is Siesta», erzählt Ruggieri. Daher reservieren viele ihre Tische, um sicher einen Platz zu bekommen.
Ob das auch nach dem Bau des neuen Stadions auf dem Hardturmareal so bleiben wird, wird sich zeigen. Im Letzigrund würden dann voraussichtlich keine Fussballspiele mehr stattfinden. Ein Thema, das auch Ruggieri von Zeit zu Zeit beschäftigt.
Viele Freundschaften reichen aber inzwischen weit über den Spieltag hinaus. Deshalb glaubt Ruggieri, dass ihre Kundschaft ihr auch dann treu bleibt. Und falls nicht: Über eine Expansion beim Hardturm hat sie zumindest schon einmal nachgedacht.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.